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Nachdem ich ja kürzlich mein Brand Eins Abo erneuert hatte 🙂 , habe ich mich sehr gefreut, als ich die neuste Ausgabe aus dem Briefkasten gefischtholt habe. Denn wie so oft passte der Titel für mich wieder mal wie Faust uff Auge:

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Faulheit. Oha, ein negatives Thema in Deutschland! Zumindest seitdem Arbeit sich sogar in unsere Beziehungen, unsere Körper und unsere Trauer eingeschlichen hat, wie Meike Winnemuth sehr treffend im Stern geschrieben hat.

Ich gebe zu: Ich bin faul.

Zum Beispiel bin ich zu faul, für den Papierkorb zu arbeiten. Oder sinnlos in Meetings rumzusitzen, bis der Hintern brennt. Und zu faul, ungeliebte Routineaufgaben immer wieder zu erledigen. (Deshalb hatte ich mir zum 40. einen Staubsaugerroboter geschenkt – beste Anschaffung ever!)

Vor ein paar Tagen z.B. fiel mir auf, dass es doch so gar keinen Sinn macht, eine halbe Stunde lang Fotos zu verkleinern, die ich für eine Website brauchte. Immer wieder, ungefähr 20x: Foto öffnen, Größenwerkzeug aufrufen, Pixeldaten eingeben, speichern,  schließen. Ich erinnerte mich daran, dass es auf dem Mac ein Dienstprogramm namens Automator gibt – und nach 15 Minuten Youtube-Tutorials anschauen wusste ich, wie ich den Workflow (Arbeitsablauf) bauen muss. Und siehe da: Das Ding hat meine Fotos in 12 Sekunden verkleinert. 12 Sekunden statt 30 Minuten! Der Workflow ist gespeichert und jederzeit wieder einsetzbar. (Wenn Du keinen Mac hast, tut es mir leid. Wirklich.)

Auch im Job hatte ich mich immer wieder über Führungskräfte gewundert, die ihre Leute minutiös angeleitet und kontrolliert haben. (Zunächst mal: Du hast die falschen Leute, wenn sie nicht wenigstens nach einiger Zeit selbständig arbeiten und Entscheidungen treffen können.) In jedem Fall war ich aber auch viel zu FAUL dazu! Das ist doch nicht der Sinn, Mitarbeiter zu haben: dass sie einem noch mehr Arbeit machen! Ich habe also versucht, meine Leute zu größtmöglicher Selbständigkeit zu ermuntern (meistens war das kaum nötig, da ich sie gut ausgesucht hatte 😉 ). Das setzt allerdings Vertrauen auf beiden Seiten und ein gutes Arbeitsklima voraus. Dafür habe ich auch versucht zu sorgen.

Ich glaube, Faulheit als Qualität wird unterschätzt. Das Rad wäre heute noch nicht erfunden, wenn nicht irgendjemand zu faul gewesen wäre, weiterhin Steine zu schleppen. Also, so ähnlich wie mit dem Automator. 🙂

Interessanterweise haben Kinder und Tiere ein Recht auf Faulheit, wobei – während ich das schreibe, baut sich in mir der Verdacht auf, dass wohl auch viele Kinder heutzutage keine Gelegenheit mehr dazu haben. 😦 Jedenfalls würde niemand auf die Idee kommen, einer Katze, die ja 18 Stunden am Tag schläft, Faulheit vorzuwerfen. Immerhin nutzt sie ja den Rest der Zeit, um sehr effektiv – äh… formschön in der Gegend herumzuliegen oder gemächlich die absolut notwendigsten Dinge (Putzen, Fressi, Klo, Spielen, Streicheleinheiten abholen) zu erledigen.

Lazy by nature

Lazy by nature

(Wie schön, dass ich es jetzt geschafft habe, Katzen in einen Büronymus-Beitrag einzubauen. Vielleicht nehme ich das als neue Herausforderung: Wie kriege ich trotz meiner selbstauferlegten Beschränkung auf das Thema Arbeit unauffällig alle meine Lieblingsthemen unter? 🙂 )

Koalas (noch ein Lieblingstier – ist das Zufall?) schlafen übrigens 20 Stunden am Tag. Den Rest der Zeit hängen sie einfach rum.

Nicht so bei den Menschen: Wer nicht wie verrückt arbeitet, ist faul (und soll auch nicht essen – also verrecken). Unsere schöne faschistoide Leistungsgesellschaft. Faulheit ist verachtenswürdig, weil sie eine Bedrohung ist. Jemand, der nicht mitläuft im Hamsterrad, könnte ja andere anstecken. Wer faul ist, kommt vielleicht auf dumme Gedanken und stellt die Ordnung der Dinge in Frage. Und wo kämen wir da hin!

Man darf nicht einmal dann faul sein, wenn man es sich leisten könnte. So erzählte mir letztens ein Sales Manager: „Ich muss nicht mehr viel tun auf der Arbeit. Meine Zahlen stimmen, ich habe meinen Kundenstamm und ernte die Früchte der letzten Jahrzehnte. Manchmal sitze ich nur meine Zeit ab. Aber damit meine Kollegen denken, ich arbeite, haue ich einfach ab und zu wild in die Tastatur.“

In anderen Teilen der Welt hingegen kann man Faule noch in der freien Wildbahn beobachten: Ich war ziemlich baff, als ich das erste Mal auf einem Dorf in Polen drei alte Mütterchen vor einer Hütte auf einer Bank sitzen sah. Sie taten: nichts. Sie unterhielten sich nicht. Sie schälten keine Kartoffeln. Sie nahmen auch kein Fußbad. Sie guckten einfach in die schöne Landschaft. Sozusagen fernsehen ohne Fernseher. Sowas kannte ich gar nicht! Dasselbe Phänomen fand ich in Gambia, in Thailand, in Sri Lanka, auf einem Dorfplatz in Portugal. Sitzen und gucken. Einfach SEIN. Haben wir das verlernt? Später erfuhr ich in einer Vorlesung über interkulturelle Kommunikation, dass es „being cultures“ (Sein-Kulturen) and „doing cultures“ (Tun-Kulturen) gibt. Unschwer zu erkennen, in welcher wir uns befinden.

Ich bin überzeugt davon, dass es gesund ist, faul zu sein. Dass es uns gut tut, wenn wir nichts tun. Dass wir diese Zeit (und vielleicht ist das viel mehr Zeit, als wir glauben) brauchen, um uns innerlich zu zentrieren und neu zu sortieren. Dass es nicht der Daseinszweck des Menschen ist zu schuften.

Probiert es aus: Setzt Euch eine halbe Stunde irgendwohin, wo es schön ist. Auf den Balkon, an einen Fluß oder in den Park. Und kiekt einfach inne Botanik, wie der Berliner sagt. Ohne im Kopf Einkaufslisten zu machen, ohne an alte Geschichten oder die Arbeit zu denken, ohne zum Smartphone zu greifen, und vor allem: ohne Anstrengung!

Wie ist es, einfach nur faul zu sein?

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Titelfoto: Unsplash, Nicole Harrington
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