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„Sie müssen sich emotional festigen, Frau Krüger“, sagte der Oberhäuptling und grinste mich schelmisch an. Ich war erst einige Wochen im Unternehmen und er wollte mir vorschreiben, wie ich mit meinen Gefühlen umzugehen habe? Mir war gar nicht nach Grinsen zumute – in mir brodelte es. Ich weiß heute nicht mehr, worum es damals – vor vielen Jahren – ging. Aber an das Brodeln erinnere ich mich.

Wie sagte Maya Angelou:

I’ve learned that people will forget what you said, people will forget what you did, but people will never forget how you made them feel.

Übersetzung: „Ich habe gelernt, dass die Leute vergessen, was man gesagt oder getan hat, aber sie vergessen niemals, welche Gefühle man in ihnen hervorgerufen hat.“

Sofort schoss mir der Gedanke durch den Kopf: „Emotional festigen, my ass! Damit ich so ein kalter Fisch werde wie die da?“ (Im Geiste zeigte ich empört auf die Kollegin, die neben mir saß und unfreiwillig Zeugin dieser peinlichen Unterhaltung wurde. Wahrscheinlich feierte sie innerlich. Natürlich ohne mit der Wimper zu zucken.)

Nee, ich wollte nie ein kalter Fisch werden.

Auch wenn ich durchaus Verständnis dafür aufbringen kann, dass in einer größeren Organisation nicht jeder überall und ständig seine Gefühle ausleben kann – obwohl: Lustig wär’s. Vielleicht könnte man so einen Feely Friday einführen, wo jeder einfach mal alles rauslassen darf. 🙂 Die Gefühle sind ja nun mal da. Es sei denn, man ist einer von denen hier, dann muss man sich damit nicht weiter herumplagen. Aber sie permanent zu ignorieren und zu unterdrücken, was in einigen Organisationen gefordert und als normal angesehen wird – das kann doch nicht gesund sein.

Aber all das sagte ich nicht. Ich saß schweigend zwischen Oberhäuptling und Frau Kalter Fisch und tat so, als hätte ich das erste Gebot der hierarchischen Organisation gelernt: „Du sollst nicht fühlen.“

Nun ist es auch nicht so, dass ich mein Herz auf der Zunge und meine Gefühle vor mir hertrage. Aber ich kam aus einer (Arbeits-)Welt, in der man beides nicht verstecken und keine Maske tragen musste. In der viel gelacht wurde. Bei einem meiner Jobs bei einer Fernsehproduktion fingen unsere Montagsmeetings (korrekt, es gab original ein Meeting in der Woche) mit der Umfrage der Geschäftsführerin an: „Wer hatte am Wochenende Sex? Hand hoch!“ Nachdem das geklärt war, gingen wir zur Tagesordnung über. Wenn etwas toll lief, wurde gefeiert. Und wenn etwas schlecht lief, wurde laut „Scheiße!“ gebrüllt. Oder „Hilfe!“ Oder man warf irgendwas durch den Raum. Von diesem Gefühls-Level kam ich also.

Von dort ging es über die etwas spaßgebremste PR-Welt (Anzug, Bluse, Kragen raus, der Kunde kommt!) in eine Welt, die scheinbar weitgehend ohne Gefühle auskam und mit viel zu wenig Spaß. Manchmal versuchte ich vor dem Meeting einen Witz: „Herr Meier, Sie sitzen doch gerade an der Bar.“ (Er saß am anderen Ende des Konferenztisches, wo die Wasserflaschen standen.) „Wenn Sie mir vielleicht einen Gin Tonic…“ Naja. Meistens gewann der Herrenwitz. Oder der Kalauer. Wobei da schon auch einige gute dabei waren. Am allerbesten waren natürlich immer die Witze vom Oberhäuptling. 🙂

Jedenfalls waren Spaß, Freude und auch die weniger angenehmen Gefühle nicht nur bei mir anwesend und wollten zumindest beachtet werden. Ich spürte manchmal förmlich, wie der ganze unterdrückte Klumpatsch quer durch den Raum waberte. Zum Beispiel:

Angst. Gab es natürlich auch in der Führungsetage. Dort trägt man viel Verantwortung und kann eben auch mal ordentlich was versemmeln. Oder enteiert werden. Oder Opfer des Personalkarussells. Aber dort hatte man wenigstens noch ein bisschen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Anders in den unteren Hierarchiestufen, wo mitunter eine diffuse Angst herrschte: Angst vor der nächsten Umstrukturierung, Angst vor den Vorgesetzten, Angst, Fehler zu machen, Angst vor Überforderung, Angst, gegen irgendeine Regel im undurchsichtigen Regelwerk zu verstoßen, Angst, durch einen Computer oder eine Software ersetzt zu werden – nicht ganz unrealistisch, wie man hier sehen kann – und über allem: die Angst, gefeuert zu werden. Was so gut wie nie vorkam. Aber die Angst war da.

Aufregung. Ein älterer, erfahrener Kollege fing jedesmal am ganzen Körper an zu zittern, wenn er vor einer größeren Gruppe sprechen sollte. Es fiel mir nur auf, weil ich einmal direkt neben ihm stand und genau hinsah. Ich war baff. Und irgendwie auch gerührt. War der etwa aufgeregt, dieser alte Hase? Und warum eigentlich auch nicht?

Wut. Sie ist am schwersten zu verdecken und will am meisten raus. Der sprichwörtliche rote Kopf und die anschwellende Halsader begegneten mir öfter. Manchmal hatte ich richtig Angst, jemand könnte platzen vor Wut.

Enttäuschung. Wieder eine super Idee abgebügelt, wieder der Falsche befördert, wieder ein Problem nicht gelöst? Tja. Ganz lässig stecken wir das weg, wir Pokerfaces.

Erschöpfung. Nur keine Müdigkeit vorschützen! Auch wenn man um 4 Uhr aufgestanden ist und 6 Stunden im Stau stand. Und auch man sich gerade fragt, warum man für diese Schnarchveranstaltung so einen weiten Weg… zzzzz… zzzzz… (Wobei Erschöpfung bis zu einem gewissen Grad noch sexy ist, weil sie ja zeigt, wie sehr man sich reinhängt.)

Trauer. Da haben wir mal ein Gefühl, das einigermaßen erlaubt ist, auf das Rücksicht genommen wird und das respektiert wird. Aber irgendwie ist es als eines der wenigen erlaubten Gefühle auch suspekt und vielleicht macht man lieber einen großen Bogen darum.

Verachtung. „Bin ich denn hier nur von Idioten umgeben??“ Hm, manchmal trägt es auch zur allgemeinen Psychohygiene bei, wenn gewisse Gefühle unterdrückt werden. 😉

Unsicherheit. Auf gar keinen Fall. Alles im Griff hier drüben, Kollege.

Überraschung. Kann taktisch eingesetzt werden: „Ach! Ist ja schön, dass ich das auch schon erfahre.“ Der wahre Profi indes holt seine Maske raus und nickt, als wäre er schon seit drei Wochen eingeweiht gewesen. Inner circle und so.

Was machen all die unterdrückten Emotionen? Haben sie abends oder am Wochenende Freigang? „Aber Montag früh seid Ihr wieder zurück, da ist Einschluss!“ Solange heißt es: Abhotten bei Wacken Open Air! Boxkämpfe! Den Garten umgraben! Samba tanzen! Andere schlucken ihre Gefühle so lange herunter, bis Speiseröhre oder Magen nicht mehr können. Oder sie schlucken Alkohol oder Drogen, um das Gefühlschaos unter Kontrolle zu halten. Manchen geht es an die Nieren. Oder das Herz gibt auf. Ausgerechnet das Herz, dass doch landläufig für die Gefühle zuständig ist. Nicht umsonst sind Herzkrankheiten die häufigste Todesursache in Deutschland. Was tun wir unseren Herzen an?

Schon Rainer Maria Rilke schrieb:

Dass der Druck unseres Blutes sich fortwährend wandeln muss nach dem Gegendruck der ganzen Welt, sieh, und der Körper hälts aus, und das Herz drinnen ist allein gegen alles übrige.

In diesem Sinne: Passt auf Eure Herzen auf! Lasst Euch vom Gegendruck nicht beeindrucken. Und bitte (ver-)festigt Euch emotional nicht zu sehr…

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