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Ich hätte nicht gedacht, dass es mir noch mal passieren würde. Mit Ende 20 (übrigens ein typisches Alter) hatte ich schon mal einen Burnout – und ich war mir sicher, dass ich daraus gelernt hatte. Damals gab es das Wort noch gar nicht. Zufällig hörte ich im Autoradio, wie ein Professor die Burnout-Symptome beschrieb, und dachte: „Das bin ja ich.“

Ich arbeitete in der Redaktionsleitung eines kleinen TV-Senders – übrigens ohne jegliches Führungstraining, wie es damals üblich war. Unser Team versuchte mit völlig unzureichenden Mitteln (Personal, technische Ausstattung), aber viel Leidenschaft und in einem mörderischen Tempo (wir waren jung 🙂 ) im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino zu machen. Am Ende musste ich feststellen, dass ich nicht nur mich selbst gnadenlos ausgebeutet hatte, sondern auch anfing, an meine Mitarbeiter unmenschliche Anforderungen zu stellen. Unser eigener, durchaus ehrenwerter Qualitätsanspruch machte uns langsam kaputt. Das wollte ich alles nicht.

Zu diesem Zeitpunkt stand ich eigentlich viel zu sehr neben mir, um eine Entscheidung treffen zu können. In meiner Verzweiflung ließ ich mich von einer esoterikerfahrenen Kollegin beraten und fand eine Heilerin, bei der ich genug Energie tanken konnte, um die Reißleine zu ziehen. Ich kündigte und nahm mir eine längere Auszeit, die ich u.a. in Thailand in einem Schweigekloster verbrachte. Eine Behandlung gab es nicht – ich wäre auch gar nicht auf die Idee gekommen, krank zu sein. Ich fühlte mich einfach nur ausgelaugt, erschöpft, desillusioniert und neben der Spur. Ich suchte nach dem Sinn meines Daseins und natürlich wollte ich auch wieder funktionieren und „mitspielen“. Irgendwie zog ich mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Allerdings war ich danach nie mehr so leistungsfähig wie vorher. Wer weiß, vielleicht wollte mein schlauer Körper mich davor bewahren, mich noch einmal so auszupowern. Auch deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass es nicht noch mal passieren könnte.

Denn nach dieser Erfahrung achtete ich in den folgenden Jahren darauf, dass neben der Arbeit noch Zeit und Kraft für Freizeit blieb. Ich nahm mir ausreichend Pausen und aß regelmäßig (und lecker). Ich reiste viel. Es ging mir gut. Auf dem Versorgungslevel, wohlgemerkt.

Ironischerweise beschäftigte ich mich auch beruflich mit dem Thema Burnout. Ich wusste, wie er aussieht (und aus eigener Erfahrung, wie er sich anfühlt), aber ich konzentrierte mich viel zu sehr auf das Thema Stress im Job. Wenn ich da den Stresslevel im Griff habe, dachte ich, kann mir nichts passieren.

Doch wie man aus der Literatur weiß, gibt es selten nur einen Grund für einen Burnout. Bei mir kamen peu à peu weitere Belastungen dazu: ein anspruchsvolles Fernstudium, das meine Freizeit (inklusive vieler Wochenenden) komplett auffraß. Außerdem investierte ich fast alle meine Urlaubstage in das Studium, so dass ich das zweite Jahr komplett durcharbeitete (inklusive vieler Wochenenden). Das ist übrigens etwas, wovor ich die Workoholics unter Euch dringend warnen möchte: Zu wenige, zu kurze oder gar keine Erholungsphasen sind äußerst gefährlich. Ist die Batterie erst mal leer, dauert es ewig, bis sie sich wieder auffüllt. Wenn überhaupt.

Während des Fernstudiums gab es keine Freizeit mehr für mich und meine sozialen Kontakte erodierten so langsam. Das merkte ich allerdings erst, als ich nach dem Studienabschluss plötzlich wieder Freizeit hatte – und  gar nichts mehr damit anfangen konnte. Falls Euch das bekannt vorkommt: Das ist ebenfalls ein Alarmzeichen!

Während das erste Studienjahr noch relativ locker gewesen war, kam im zweiten Jahr parallel zum Vollzeitjob und dem Fernstudium auch noch die Arbeit am Master-Projekt hinzu. Zum ersten Mal in meinem Leben machte ich die Erfahrung, dass nichts mehr in meinen Kopf hineinging. Die Festplatte war voll. Meine Augen lasen etwas, ohne dass im Gehirn etwas ankam. Ich zog das Studium durch. Als ich im Doktorhut auf der Bühne stand und mein Diplom entgegennahm, war ich glücklich – auch, dass ich überlebt hatte. Als nächstes erlebte ich einen privaten Höllenritt, der mich sehr viel Kraft kostete. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon längst an dem Punkt, mein Leben zu ändern und wollte auch meinen Job kündigen. Aber vorher galt es noch, „mal eben schnell“ ein gesundheitliches Problem zu lösen. (Kleiner Witz am Rande: Wie bringt man Gott zum Lachen? Erzähl ihm von Deinen Plänen!) Leider ging bei der OP etwas schief und ich war hinterher kränker als vorher – und vor allem dauerhaft geschädigt, womit ich psychisch und praktisch erst mal klarkommen musste. All das trug dazu bei, dass ich wieder in einem Loch landete.

Erst in der Reha wurde mir klar, dass ich nach dem ersten Burnout zwar materiell gut für mich gesorgt hatte und immer schön auf meinen beruflichen Stresslevel achtgegeben hatte – aber ich hatte all die anderen Baustellen übersehen. Und ich hatte meine inneren Bedürfnisse vernachlässigt. Mich von meinen Kraftquellen (z.B. Natur, Hobbys) abgeschnitten. Meine Kreativität dümpelte vor sich hin und durfte sich nicht ausleben. Ich musste meine Gefühle unterdrücken und meine Persönlichkeit zu stark anpassen. Es ging soweit, dass ich meine Werte, die für mich seit jeher einen großen Stellenwert hatten, hintanstellen musste. Und ich hatte mich nicht genug geschützt vor negativen Einflüssen in meinem Leben. Soviel zum Thema: aus dem ersten Mal gelernt. 😉

Fazit: Ein Burnout hat viele Facetten und kann sich auch bei derselben Person in unterschiedlichem Gewand zeigen. Es gibt meistens nicht die eine Ursache, sondern es kommen viele Belastungen zusammen oder kurz nacheinander. Ein Burnout schützt (leider) nicht vor einem zweiten. Verhindern bzw. behandeln kann man ihn, indem man die Selbstfürsorge aktiviert – und zwar in allen Lebensbereichen – und neue Prioritäten im Leben setzt. Ich hoffe, es gelingt mir diesmal. :/ Wenn Ihr eigene Erfahrungen und Tipps habt, freue ich mich über Eure Kommentare und Geschichten.

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