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„Ich würde gern auf Augenhöhe arbeiten.“ Das war immer mein inneres Mantra, mein Anspruch. Ehrlich gesagt kann ich mir (Zusammen-) Arbeit anders auch nicht vorstellen. Jedenfalls nicht zwischen halbwegs gebildeten und, nun ja, bewussten, reflektierten Menschen, die einander respektieren. Leider musste ich die Erfahrung machen, dass es eben doch anders stattfindet. Wenn auch mit hohen und aus meiner Sicht unnötigen Reibungsverlusten – bis hin zur totalen Demotivation. „Ich Chef, Du nix“, „Ober sticht Unter“ – diese Maxime gilt immer noch in viel zu vielen Unternehmen.

Klar, manchmal ist es einfacher durchzuregieren. Manchmal macht es ja auch Sinn oder ist sogar gefordert – bei der Armee zum Beispiel oder in Krisensituationen. Oder weil man einfach eine überflüssige Diskussion nicht mehr ertragen kann. 😉 Hab ich auch schon gemacht. Aber die wenigen Male, wo ich wirklich harte Kante gezeigt habe, habe ich meine Mitarbeiter nur verunsichert – ich war „out of character“, wie es so schön heißt. Und sie waren halt sensibel. Was ja toll ist, bin ich auch. Nur dank des stabilen Vertrauens zwischen uns gab es da keine Spätfolgen. Ich kann das also als Führungstechnik nicht empfehlen. 😀 Lieber Augenhöhe.

Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich feststellte, dass es ein Projekt mit dem Titel  „AUGENHÖHE“ gibt. Mittlerweile ist daraus eine Bewegung entstanden, die etwas verändern will in der Arbeitsswelt. Das passt natürlich super zu BÜRONYMUS, denn auch ich will in den Köpfen und Herzen etwas bewegen. Revolution von innen sozusagen. Deshalb empfehle ich allen, die wissen möchten, wie eine neue Arbeitswelt aussehen kann (oder vielleicht, wie Charles Eisenstein es nennt, „the more beautiful world our hearts know is possible“), den Film „AUGENHÖHE“:

Ich hatte die Gelegenheit, mit Sven Franke vom AUGENHÖHE-Kernteam zu sprechen. Aus unserem spontanen Telefonat wurde ein einstündiges, sehr intensives Gespräch, an dessen Ende ich feststellte: „Das ist wie nach Hause kommen. Ich bin so froh, endlich Leute zu treffen, die so denken wie ich. Oder die mir sogar schon drei Schritte voraus sind und von denen ich lernen kann. Statt immer nur das Alien mit den komischen Ansichten zu sein, die Ruferin in der Wüste.“

Mit dem Film hat das AUGENHÖHE-Team, das sich über das intrinsify.me-Netzwerk kennengelernt hat, einen Dialog über neue Arbeit angeregt: auf 220 Veranstaltungen in 7 Ländern. Jetzt plant das Team einen zweiten Film: AUGENHÖHEwege. „Im ersten Teil haben wir bewiesen, dass es anders geht. Mit dem zweiten Teil wollen wir aufzeigen, wie es anders geht. Allein im deutschsprachigen Raum gibt es so viele Unternehmen, die sich auf die Fahne geschrieben haben, etwas anders zu machen. Wir wollen sie sichtbar machen“, erzählte mir Sven Franke. „Dabei gibt es keine Blaupausen. Jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden. Und der sieht für ein Familienunternehmen anders aus als für einen Weltkonzern.“

So wie der erste Teil wird auch die Fortsetzung des Films per Crowdfunding finanziert. Also, wenn Ihr AUGENHÖHEwege sehen wollt, könnt Ihr —> hier <— durch den Kauf eines Dankeschöns mithelfen. Hier der Film zum Crowdfunding-Projekt:

Auch das Filmteam selbst (das übrigens von einer Menge Leute rund um das Projekt unterstützt wird) arbeitet anders: „Wir haben ganz lange ohne rechtlichen Rahmen gearbeitet. Es gab uns fünf als gleichberechtigte Kernteam-Mitglieder mit der gemeinsamen Vision: Wir wollen diesen Film machen. Es gab niemanden, der gesagt hat: Du machst diese Woche das. Es war eher so: Wenn du willst, dass es voran geht, musst du was machen. Einmal die Woche haben wir uns dann in einer Telko abgesprochen. Was wurde gemacht, was nicht. Warum nicht? Ist das vielleicht etwas, das wir gar nicht brauchen? Können wir das vertagen oder in den Mülleimer schmeißen? Das hört sich übrigens anstrengender an, als es ist. Natürlich hast du Momente, wo du ausrasten könntest, aber das hast du überall. Nach 8 Wochen haben wir angefangen zu drehen. Diese Arbeitsweise erzeugt Offenheit für ganz viele Themen. Es entstehen Zellen, neue Kerne, ein Lab, ein Camp für Personalentwicklung. Wir nennen das unsere „wilde Wolke“. Einen Großteil der Leute kennen wir nicht, einige tauchen auf und wieder ab, sind mal näher dran, mal weiter weg, sind als Unterstützer aktiv oder finden das Projekt einfach gut.“

Ich fand, dass es wirklich ziemlich anstrengend klang 🙂 und hakte noch mal nach. Wie jetzt, keine Probleme im Team? „Einmal hieß es: Hey, Ihr müsst transparenter werden. Jemand wollte plötzlich ganz viel abstimmen. Dann geht es darum, herauszufinden: Worum geht es wirklich? Was steckt dahinter? Was ist das eigentliche Bedürfnis, das nicht erfüllt wurde? Das erfordert ein hohes Bewusstsein und auch eine hohe Sozialkompetenz der Beteiligten. Die Frage zu stellen: Was brauchst Du jetzt? Krass! Wie oft wird Dir die gestellt? Auch in sich reinzugucken und die Antwort zu finden… Wir haben es dann herausgefunden und das Problem gelöst. Es war letztlich so, dass sich jemand übergangen und nicht geschätzt gefühlt hat.“

Mittlerweile sind aus dem losen Zusammenschluss ein Verein und eine GmbH entstanden. Die GmbH wird den zweiten Film produzieren. Der Verein bündelt ganz viele Aktivitäten, die Menschen rund um das Thema umtreibt. Er startet mit drei Säulen: Erstens AUGENHÖHE macht Schule (ein Projekt, dass mit dem Thema neue Organisationsformen an Schulen und Hochschulen geht, wissenschaftliche Arbeit unterstützt und Lehrmaterial entwickelt). Zweitens gibt es ein Forum für Veranstaltungen rund um das Thema New Work, Arbeiten 4.0. Und die dritte Säule, AUGENHÖHEwege, ist ein Forum für Unternehmen, die sich auf den Weg machen oder gemacht haben mit einer bestimmten Selbstverpflichtung oder Erwartungshaltung. Sven Franke dazu: „Wir bekommen viele Anfragen von Studienabgängern: Wo finde ich solche Unternehmen? Oder auch von Unternehmern, die sagen: Ich bin im Maschinenbau aktiv, fühle mich so einsam mit meinen Ideen und suche einen Austausch. In diesem Forum können sie sich austauschen.“

Eine Zertifizierung von AUGENHÖHE-Unternehmen kommt für das Projektteam nicht in Frage: „Wäre das noch Augenhöhe? Wenn jemand kommt und mit dem Finger auf Dich zeigt und sagt: Du bist OK, Du nicht? Das wird sich innerhalb der Community regeln.“

Ok, das ist konsequent. Eine Frage brannte mir trotz aller Begeisterung auf der Seele: „Verdient Ihr Geld damit?“ Sven Franke gab zu: „Wir sind alle selbständig und haben noch andere Einnahmequellen. Seit Projektstart haben wir unseren Lebensstandard stark runtergefahren, um frei zu sein. Über das Crowdfunding konnten wir die Reisen und die Technik für den Film finanzieren, ein bisschen kommt über Lizenzgebühren rein für die kommerzielle Nutzung. Viele Unternehmen schauen den Film aber auch kostenlos. Das überlassen wir jedem selber. Es sagt viel über unsere Gesellschaft aus, dass es so ist.“

Ich wünsche dem Augenhöhe-Team, dass ihre Arbeit (ideelle und materielle) Früchte trägt und hoffe, dass ich mit meinem Blogpost einen Beitrag dazu leisten kann.

Auf meine Frage nach dem höheren Sinn für das Projektteam antwortete Sven Franke:

Wir sind die klassischen Weltverbesserer. Eine Kollegin sagte: Ich möchte meinen Kindern eine andere Arbeitswelt hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe.

Ich sag ja: Nach Hause kommen und so. 🙂

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