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Früher war alles einfacher. Es gab weniger Auswahl. Ich erinnere mich, wie ich als unbedarfter Ost-Teenager das erste Mal in einem West-Berliner Jeansladen stand: Au weia! Da gab es nicht 5 Jeans zur Auswahl, nicht 10, nicht 50 – sondern Hunderte! (Auch noch in verschiedenen Farben. Und stone-washed.) Von diesem Moment an war ich heillos überfordert beim Klamottenthema.

Ähnlich ging es dem Psychologen Barry Schwartz, der seine Jeans-Story bei 12:16 zum Besten gibt. (Leider ziemlich schlechte) deutsche Untertitel sind aktiviert.

Schwartz hat untersucht, was mit uns passiert, wenn wir im Supermarkt vor einem Kühlregal mit 175 Sorten Salatsauce stehen. Sein Fazit: Wahl wird in unserem westlichen Denken zwar mit Freiheit gleichgesetzt. De facto lähmt sie uns jedoch mehr, statt dass sie uns befreit. Nun will ich weiß Gott nicht für weniger Wahl plädieren, aber einfacher wär’s schon.

Denken wir mal an die Berufswahl. Früher war klar: Man macht am besten das, was die Eltern machen. Lag ja auch nahe: Das kennt man. Da weiß man, was man hat. Und es gibt ein Vorbild, das den Weg schon gegangen ist, das ermutigen und helfen kann. Auch heute findet man ja z.B. unter Medizinstudenten einen Großteil (gerüchteweise etwa die Hälfte) Arztkinder. Und auch Unternehmerkinder fügen sich oft irgendwann in das Schicksal, das Familienunternehmen weiterzuführen – auch wenn sie eine Zeitlang andere Interessen und Pläne hatten. Manch einer landet aber auch in einer ganz falschen Ecke, oder sucht eine Weile herum, bis er das Richtige findet.

Bei mir war zu DDR-Zeiten ziemlich klar, dass ich etwas mit Sprachen machen wollte. Und was mit Reisen. Zuerst dachte ich an Dolmetscherin, merkte dann aber bei ein paar Arbeitseinsätzen, dass es mir sehr schwer fiel, das Gesagte einfach nur nachzuplappern. Ich hatte im Gespräch immer diesen Drang, meinen eigenen Senf dazuzugeben. 😛 Vergleichende Sprachwissenschaft war selbst mir als Grammatik-Fan zu trocken – also Regionalwissenschaften Frankreich/Italien. Romanistik würde man heute sagen.

Dann fiel die Mauer.

Auf einmal war die Jeans-Auswahl unendlich. Und ich konnte auch alles studieren, was ich wollte. Und wo ich wollte. Urplötzlich hatte ich das Interesse an Romanistik verloren. Aber was wollte ich dann? Publizistik? Kommunikation? Irgendwas mit Medien? Oder doch ne Ausbildung? Wo? Berlin? Passau? Hannover? Maoam? Was ganz anderes machen? Eine Bar auf den Bahamas?

Ich flog erstmal nach Amerika. Ein Jahr später sprach ich zwar fließend Englisch, war aber immer noch nicht schlauer in Bezug auf meine Studienwahl. Ich fing erst mal an zu jobben. Das machte ich ein paar Jahre, und da mir immer noch nichts einfiel, schrieb ich mich schließlich in den Studiengang ein, den eine Freundin belegt hatte. Werbung, ausgerechnet! Die Entscheidung fiel, weil endlich mal eine Entscheidung fallen musste. Der Rest ist bekannt.

Das Schwierige bei einer riesigen Auswahl ist: Mit jeder Entscheidung für etwas muss man sich ja leider gegen eine andere Option stellen, die auch ziemlich viel Attraktives hat. Bzw. gegen ganz viele interessante Alternativen… In Amerika nennt man dieses Phänomen „kid in a candy store“. Wie ein Kind vor dem Lolli-Regal steht man da und kann sich nicht entscheiden. Denn man darf nur eine Wahl treffen.

Extra zum Kaufhof gelatscht, um die Kohle für das Stockphoto zu sparen.

Extra zum Kaufhof gelatscht, um die Kohle für das Stockphoto zu sparen.

Noch schlimmer ist es übrigens, wenn man die einmal getroffene Wahl rückgängig machen darf. Stellt Euch einfach vor, man sagt dem Kind, das sich gerade unter Qualen 😉 für einen Lolli entschieden hat: „Wenn Du es Dir anders überlegst, kannst Du den Lolli innerhalb von 14 Tagen zurückbringen und gegen einen anderen umtauschen.“ Aaaaargh! Eine Umtauschmöglichkeit senkt die Zufriedenheit nach dem Kauf. Wissenschaftler sprechen von sinkender post-choice satisfaction. Es bleibt stets der nagende Zweifel, ob die Entscheidung richtig war…

Ich glaube, es gibt keine falschen Entscheidungen. Alles, was uns im Leben passiert, bereitet uns auf den nächsten Schritt vor.

Vor vielen Jahren traf ich einen Mann, dessen Lebenslauf mich von dieser These überzeugte: Er hatte ursprünglich eine Tischlerausbildung gemacht, wurde dann wegen besonderer Begabung ohne Abitur zur Kunsthochschule zugelassen und studierte Bildhauerei. Über Umwege gelangte er zum Fernsehen. Eines Tages verliebte er sich in eine Sonderschulpädagogin, erfuhr mehr über ihren Beruf und erkannte plötzlich: Das wollte er auch! Sofort schrieb er sich für das Sonderschulpädagogik-Studium ein. Und Bingo: Alle seine Kompetenzen waren gefragt. Er konnte Handwerk, Kunst und den Umgang mit Medien unterrichten.

Scheinbar stimmt es also, dass man – wie es BÜRONYMUS-Leserin Rita so schön formulierte – schlussendlich doch noch „in seinen Beruf hineinfällt“. Auch wenn man vorher ein paar scheinbar schräge Entscheidungen getroffen hat. Ist halt auch kein Wunder bei dieser Auswahl… 😉

Übrigens: Jeans kaufe ich seit Jahren nur noch bei einer Marke. Immer dasselbe Modell. In verschiedenen Farben.

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade #jetzentscheideich der business ladys. Hier findet Ihr weitere Artikel anderer Autorinnen zum Thema.

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