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Wir Deutschen haben ein gestörtes Verhältnis zur Arbeit. Zumindest kommt es mir so vor, seit ich mir vor einigen Monaten die Freiheit genommen habe, selbstbestimmt zu arbeiten. Und quasi von außen auf die traditionelle Arbeitswelt blicke. Denn trotz aller Lippenbekenntnisse zu Work-Life-Balance: Die meiste Anerkennung findet immer noch derjenige*, der ackert, bis der Arzt kommt. Und das passiert ja auch immer häufiger. Kein Wunder, denn (neben unserer kulturellen Prägung) gibt es eine ganze Medienmaschinerie, die uns suggeriert: Das Glück liegt in exzessiver Arbeit.

Letztens habe ich ausnahmsweise mal einen Krimi im Fernsehen gesehen. (Es hat viele Gründe, warum ich deutsche Fernsehfilme meide. Dass sie auf Klischees herumreiten, ist einer davon.) Also, die Kommissarin hatte wie selbstverständlich auf der Couch im Büro übernachtet. Im Kostümchen. Wurde dann wie selbstverständlich morgens von ihrem Kollegen geweckt und sprang dann IMMER BEREIT auf, um ihren ach-so-wichtigen Job zu erledigen. (Übrigens ohne Waschen, Make-up-Erneuern und Zähneputzen – die Frau ist genügsam.) Wer denkt sich sowas aus? Falls hier echte Kommissarinnen mitlesen: Würde mich mal interessieren, ob sowas tatsächlich vorkommt. Und wie oft.

Jedenfalls färbt das Arbeitsethos von Frau Kommissarin natürlich ab. Als ein Untergebener (der arme Kerl, der immer irgendwelche Listen abtelefonieren muss) um 23 Uhr langsam nach Hause wollte, genügte ein strenger Blick der Chefin – und er zog seine Jacke seufzend wieder aus, um weiterzumalochen. Denn was kann wichtiger sein als Arbeit??

Zufällig habe ich ein paar Tage später den neuen Berliner Tatort gesehen: die wie immer großartige Meret Becker als Kommissarin mit kaputten Familienverhältnissen. Der ältere Sohn entgleitet ihr gerade – aber sie liest abends Akten auf der Couch. Yeah, die Pflicht geht vor! Überhaupt haben ja grundsätzlich alle Kommissare eine kaputte – oder noch praktischer für den Arbeitgeber – gar keine Familie. Von Freizeit ganz zu schweigen. Echte Bullen brauchen keine Freizeit. Sie sind immer im Dienst.

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Frau Kommissarin uff Nachtschicht. (Quelle: rbb)

Einzelfälle? Ich denke nicht. Vor kurzem kritisierte die BILD-Zeitung allen Ernstes den Innenminister Thomas de Maizière, weil er in den Urlaub gefahren war und auf Mallorca dabei ertappt wurde, wie er einen Cappuccino schlürfte. Unverschämt! (Hat sich jemand mal in letzter Zeit angeschaut, wie der Mann aussieht? Ich denke, er braucht demnächst mehr als eine  Auszeit… Und wenn man irgendwem NICHT vorwerfen kann, zu wenig zu arbeiten, dann sind es unsere Spitzenpolitiker. Ich durfte mal einen auf Landesebene begleiten. Ich selbst würde tot umfallen nach auch nur einem Tag dieses Arbeitspensums.)

Heute morgen kam mir dann dieser warmherzige Artikel unter, in dem es allen Ernstes heißt:

Von jedem durchschnittlichen 8-Stunden-Arbeitstag wird jedoch nur an drei Vierteln der Zeit auch gearbeitet. Der Rest wird mit Dingen wie privaten Gesprächen, Social Media oder Zigarettenpausen verschwendet. Arbeitgeber kostet diese Trödelei ihrer Angestellten jährlich einige Milliarden Euro.

Angestellte, die rumtrödeln! Frechheit! Naja, wir Deutschen sind ja auch für unsere Ineffektivität weltweit verrufen… :/ Wir Schnarchnasen!

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… und das kostet die deutsche Wirtschaft umpfzig Milliarden Euro pro Jahr.

Ganz ehrlich, da wird mir schlecht. Hier hat jemand offensichtlich den Wert von Erholungsphasen und informeller Kommunikation nicht erkannt. (Dabei soll es mittlerweile sogar Unternehmen geben, die extra dafür Raum schaffen – im wahrsten Sinne des Wortes, also Lounges oder Chill-out-Ecken, in denen Gespräche jenseits des Kaffeeautomaten stattfinden können. Die ihren Mitarbeitern ipads schenken und das WLAN freigeben, damit sie schneller surfen können. Was sie mit ihren Smartphones ohnehin tun würden. Oder einen ruhigen Ort schaffen, an dem man einfach mal innehalten oder meditieren kann.)

Wie so oft sehe ich die Ursache für dieses „Wir nutzen jede Minute zum Schuften“-Mindset in unserer deutschen Ingenieurskultur. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: im mechanistischen Menschenbild. Der Arbeiter soll bitte schön seinen rechten Arm, mit dem er die Maschine bedient, dem Unternehmen die ganze Arbeitszeit über zur Verfügung stellen. Abgesehen von seiner gewerkschaftlichen Pause, Urlaub und Krankheit natürlich.

Apropos mechanistisches Weltbild: Selbiges hat sich nämlich längst in unserer Sprache zementiert: Wir tanken Energie, laden unseren Akku auf oder schalten ab, wie es in diesem herrlich bösen ZEIT-Artikel heißt. Da ist es nur konsequent, dass vom Menschen Leistung erwartet wird – die Mensch-Maschine eben.

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Hier bohrt der Meister noch von Hand. (Quelle: pixabay.com)

Dass wir es heute häufig mit Wissensarbeitern zu tun haben, deren Gehirn zwischenzeitlich mal entlüftet gehört, wird vergessen. Mit Kreativen, die ihre besten Ideen nicht unbedingt am Schreibtisch, sondern eher unter der Dusche, beim Spielen mit den Kindern oder beim Spazierengehen haben. Mit Dienstleistern, die ihr Lächeln, ihren Charme und ihre gesamte Persönlichkeit „mitverkaufen“, was extrem anstrengend sein kann (dazu nächste Woche an dieser Stelle mehr). Mit Projektmanagern, die all ihre Sozialkompetenz und ihr Charisma für das Management komplexer Projekte einsetzen (einmal rund um den Globus „mit irgendwelchen Brasilianern am Telefon, die sie gar nicht kennen“). Dass wir heute aufgrund von E-Mails, Telefon- und Videokonferenzen teilweise in einem wahnwitzigen Tempo arbeiten (im Gegensatz zu früher), von dem wir ab und zu mal eine Pause brauchen: Mann, das sollte sich doch langsam rumgesprochen haben! 😮

Mich beunruhigt es wirklich, so etwas zu lesen. Statt „Wie schaffen wir die besten Bedingungen, damit es unseren Mitarbeitern gut geht und sie gern und gut arbeiten?“ scheint das Motto vielerorts noch immer zu sein: „Wie holen wir am meisten aus dem Mitarbeiter raus?“

Während die Schweden erfolgreich die 30-Stunden-Woche testen und wissenschaftlich evaluieren, regt man sich in Deutschland über die „faulen“ Mitarbeiter auf und propagiert das Arbeitsethos vergangener Zeiten. Ernsthaft?

Letztens war ich bei meiner Hausärztin und erzählte ihr von Büronymus. Daraufhin berichtete sie von Patienten, die heulend in ihrer Praxis zusammenbrechen. Weil sie noch auf dem Nachttisch ihr Smartphone liegen haben, um für den Arbeitgeber erreichbar zu sein. „Wozu ist all diese EDV da?“, fragte sie mich. „Doch um uns Zeit zu sparen, um uns zu entlasten. Stattdessen passiert das Gegenteil. Es kommt immer noch mehr Arbeit obendrauf.“ Ihre eigenen Angestellten sind übrigens ausgeruht und – obwohl der Alltag in der Praxis stressig ist – erstaunlich ausgeglichen. Sie haben eine 30-Stunden-Woche.

 

PS: Dies ist ein Beitrag zur Blogparade des XING Spielraums zum Thema #Arbeitszeit. Weitere Artikel zum Thema findet Ihr auf derselben Seite.


 

*Wie immer sind alle Geschlechter gemeint.

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