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ABC Bewerbung

In Teil 1 dieses Beitrags hatte ich mich ja schon über Stellenanzeigen ausgelassen – mindestens genauso crazy sind allerdings Vorstellungsgespräche. Hat der Bewerber* ein solches ergattert, herrscht erst mal allgemeine Verunsicherung. Klar, man ist aufgeregt. Aber was noch schlimmer ist: Jede Menge selbsternannter Bewerbungstrainer und -experten drücken einem ihre nutzlosen Tipps auf, die meistens nur zu einem Resultat führen: dass der Bewerber vorgibt, ganz anders zu sein, als er eigentlich ist.

Zum Beispiel, indem er penetrant ein aufgesetztes „Selbstbewusstsein“ vor sich herschiebt und sich damit alles vermasselt. Oder indem er völlig paralysiert ist. Denn angesichts der 1.000 Dinge, die er beachten soll (Körpersprache, die alte Verräterin!!!), zieht er sich ganz weit in sein Schneckenhaus zurück. Ich habe schon Bewerber nach Hause schicken müssen, weil sie gar nichts von sich preisgeben wollten. Nach dem Motto:

Wer sich nicht bewegt, macht keine Fehler.

Vermutlich zu viele „Oha-da-ist-wohl-etwas-schiefgegangen“-Videos gesehen…

Nur eins hilft bei Vorstellungsgesprächen

Aus eigener Erfahrung auf beiden Seiten von unzähligen Bewerbungsgesprächen rate ich Dir: SEI DU SELBST! (ALSO, DEIN NETTES SELBST.) D.h., Du bist ordentlich angezogen, zeigst Du Dich von Deiner freundlichsten Seite, pupst nicht im Fahrstuhl und hast Dich über das Unternehmen informiert (am besten auch über die Unternehmenskultur). Ansonsten: locker bleiben!

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Jedenfalls, soweit dies möglich ist. Denn mitunter findet man eine derart unnatürliche Gesprächssituation vor, dass es einem quasi unmöglich wird, sich normal zu verhalten. Wie ich jetzt von Büronymus-Lesern und Freunden erfahre, sitzt man mittlerweile bis zu sechs Gesprächspartnern gegenüber, die einen ins Kreuzverhör nehmen. Autsch! Und hat mal jemand ausgerechnet, was all diese Leute an Stundenlohn kosten? Neuerdings nehmen gern auch noch externe Personalberater teil. Da kommt man schnell auf sieben bis acht Gesprächspartner. Was soll das? Alle gegen einen?

Verdächtig – verdächtiger – Bewerber

Denn eines ist klar: In Deutschland ist der Bewerber zunächst verdächtig. Schließlich traut er sich zu, die total überzogenen Anforderungen in der Stellenanzeige zu bewältigen. Was denkt er, wer er ist?? Superman? Dieser Zahn muss ihm gezogen werden. Zunächst wird also erst mal abgecheckt, wo der Haken ist.

Dazu lässt man ihn am besten noch mal seinen Lebenslauf erzählen. Den hat er zwar schon schriftlich abgeliefert, aber auf diese Weise kann man ihm Fehler nachweisen. Und Lücken im Lebenslauf. Die lassen den Bewerber noch dubioser aussehen, weshalb sie gern als „selbständige Arbeit“, „Auslandsaufenthalt“ oder neuerdings „Pflegezeit“ kaschiert werden. (Beide Parteien wissen eh, was gemeint ist. 😉 )

Erst mal sehen, was der draufhat

Dann geht’s ans Fachliche. Hier wird dem Bewerber so richtig auf den Zahn gefühlt. So sollte eine Büronymus-Leserin urplötzlich mitten im Bewerbungsgespräch in ein Rollenspiel einsteigen: „So, Sie sind jetzt auf einem Kongress und überzeugen jetzt mal bitte mich, einen Experten für solargetriebene Wasserspaltung, von Ihrem Produkt. Oh – and in English, please.“

Weder hatte sie Ahnung von solargetriebener Wasserspaltung** (sie hatte sich auf eine Querschnittsfunktion beworben), noch hatte sie zufällig den englischen Begriff dafür parat. Und sie fühlte sich auch völlig überfahren. Wieder frage ich mich: Was soll das? Möchte man den Kandidaten blamieren? Es sei denn, er ist ein so großer Schaumschläger, dass er in jeder noch so absurden Situation punkten kann. Also, wenn DAS das Ziel der Übung war… Da plädiere ich doch gleich für eine ehrliche Stellenanzeige: „Schaumschläger gesucht.“ 🙂

Pitchen Sie doch mal um Ihren Job

Es kommt aber noch besser: Organisationen (nicht nur Unternehmen, auch NGOs und Verbände) fordern Bewerber auf, ein Konzept zu entwickeln und beim Bewerbungstermin zu präsentieren. Die aus der Werbe- und PR-Branche bekannte Unsitte, andere für lau kreativ werden zu lassen, greift also um sich. Das bedeutet einen Heidenaufwand für den Bewerber (in einem Fall: 3 Tage inklusive Recherche und Einarbeitung in ein neues Thema).

Das alles unter hohem Zeitdruck, denn vielleicht hat man ja nebenbei noch einen Vollzeitjob zu erledigen. Oder mehrere Bewerbungen laufen… Und Frust ist vorprogrammiert, denn natürlich hat der Bewerber zu wenig Informationen und Einblick in das Unternehmen, um wirklich etwas Hochwertiges abliefern zu können. Aber er wird natürlich sein Bestes tun. Und die Organisation greift ein paar frische Ideen ab…

Deutschland sucht den Superkandidaten

Über Assessment Center haben Förster & Kreuz eigentlich alles gesagt: „Sie sind eine Spitzenidee, wenn es darum geht, die Besten fürs Assessment-Center zu finden. Sie sind eine grottenschlechte Idee, wenn es darum geht, Talente aufzuspüren und auszuwählen.“ Aber es gibt weitere, ähnlich absurde Ansätze:

Ein Büronymus-Leser wurde gemeinsam mit sieben weiteren Bewerbern auf eine Art Bewerberkonferenz eingeladen, wo jeder jeweils vor den Mit-Bewerbern (!) ein Thema seiner Wahl (!) präsentieren sollte. Und natürlich vor der Jury, wie man das Gremium von ebenfalls acht Leuten auf Arbeitgeberseite wohl nennen darf. Wo sind wir denn hier? Bei Deutschland sucht den Superstar?

Scheinbar ja: „Du bist im Recall“, kriegt der Kandidat sinngemäß zu hören, wenn er zum zweiten, dritten, vierten oder (und auch das gibt es) fünften Vorstellungsgespräch eingeladen wird.

Auf der Suche nach Mr. oder Mrs. Perfect

Wie schon an den übertriebenen Anforderungen in den Stellenanzeigen deutlich wird, suchen viele Unternehmen offenbar nach dem perfekten Mitarbeiter. Tut mir leid, aber die Realität in den meisten Unternehmen zeigt, dass das verdammt selten gelingt. 😀 Und überhaupt, wer ist schon perfekt?

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Vielleicht der Akten-Man? (mit freundlicher Genehmigung von Freimut Woessner)

Eine 8-köpfige Jury, ganztägige Bewerberkonferenzen, fünf Bewerbungsrunden: Für mich klingt das paranoid. Ob es wirklich passt, zeigt sich sowieso erst in der Praxis. Mit etwas Menschen- und Fachkenntnis kann man das unter sechs Augen in einem 1- bis 2-stündigen Gespräch herausfinden. Hat man sich wirklich mal getäuscht, gibt es ja noch die Kündigung in der Probezeit. Und die Kündigung ohne Grund, wie ich vor Kurzem gelernt habe.

Auch der Bewerber redet ein Wörtchen mit

Wollen wir mal nicht vergessen, dass auch der Bewerber die Wahl hat, Ja oder Nein zu sagen. Wenn das Unternehmen so einen Zirkus betreibt und Wochen oder gar Monate für eine Entscheidung braucht, kann es durchaus Pech haben: Und der Bewerber hat sich für ein weniger paranoides Unternehmen entschieden.

PS: Auch in meinem Quartettspiel „Kampf der Abteilungen“ gibt es eine HR-Abteilung, die sich gewaschen hat. Unterstütze mein Projekt und sorge dafür, dass das Spiel produziert wird!  Danke. 🙂

Update: Das Spiel ist fertig und man kann es hier kaufen.

*Wie immer sind beide Geschlechter gemeint.
**Details geändert
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