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Wenn ich etwas besonders Ehrliches geschrieben (oder gesagt) habe, wie zum Beispiel hier über Selbstzweifel, bin ich total happy und stolz. Bis zum nächsten Morgen. Dann kommt die Reue: Wie konnte ich nur? Es bleibt ein maues Gefühl im Magen, eine Ahnung von: Verdammt, das war ZU ehrlich. Ich hab zu viel von mir preisgegeben. Ich hab Schwäche gezeigt. Das geht doch nicht! Das ist peinlich.

Es ist ein bisschen so, wie wenn ein Gesprächspartner überraschend anfängt zu heulen. Und dann sitzt man da und zu 80 oder 90 Prozent ist man voller Mitgefühl – aber die restlichen Prozent zischen leise: „Jetzt reiß dich mal zusammen, du Memme!“

Hello again, preußische Erziehung! (Es sei denn, es ist wirklich etwas Schlimmes passiert. Dann sind die Restprozent ruhig. Und man heult einfach mit.) Jedenfalls zischt diese Stimme auch zu mir selbst: „Das war jetzt unnötig. Musst du dein Innenleben hier ausbreiten. Erstens interessiert es keinen und zweitens machst du dich angreifbar.“

Und das ist ja das Allerschlimmste in unseren westlichen Gefilden: sich angreifbar zu machen. Durch Ehrlichkeit. Wie blöd kann man sein. 😛 Bei mir steht dahinter vor allem die Angst, einen in die Fresse zu kriegen, wie wir Berliner sagen. Und Angst, das habe ich mittlerweile erkannt, ist kein guter Ratgeber. (Wichtige Erkenntnis in einer Gesellschaft, die auf Angst gebaut ist…)

OK, Ehrlichkeit birgt wirklich ein paar Risiken:

  • Weil es eventuell Leute gibt, die nur darauf warten, in Deine offene Flanke zu stoßen. Die Dich beurteilen, belehren oder gar verletzen wollen.

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  • Weil es, nun ja, eklatante Wettbewerbsnachteile mit sich bringen kann, wenn Du als ehrlicher Mensch oder ehrliches Unternehmen allein unter Lügnern bist. („Ähm, unser Produkt kann genau das, was das der Mitbewerber auch kann. Ist nur ein bisschen teurer.“)
  • Weil zu viel Ehrlichkeit andere Leute verletzen kann. („Guten Morgen, Sie sehen heute aber wieder fertig aus!“) 😀
  • Weil Ehrlichkeit das Bild, das andere von Dir haben, verändern oder zerstören kann.

Na schön, mit Ehrlichkeit macht man sich verletztlich – aber ist das ein Problem?

Verletzlichkeit – die große Kraft

Die US-amerikanische Sozialarbeiterin Dr. Brené Brown hat in ihren Studien über Scham, Empathie und Verletzlichkeit nachgewiesen: Erst unsere Verletzlichkeit macht eine tiefere Verbindung zu anderen Menschen möglich.

Das Video wurde über 23 Millionen mal angeklickt – wahrscheinlich, weil Dr. Brown darin gleich mal zeigt, wie es geht. 😉 Ihre Botschaft: Verletzlichkeit ist der Weg zu leben, zu lieben – und erfolgreich zu sein. Und in der Tat ist Dr. Brené Brown mittlerweile eine Art Verletzlichkeitsexpertin. (Die Arme – wahrscheinlich hasst sie den Begriff. 😀 )

Außer dieser power of vulnerability fallen mir noch ein paar weitere Gründe ein, ehrlich zu sein:

  • Es fühlt sich gut an. Und je ehrlicher Du bist (vor allem zu Dir selbst), desto mehr wächst Du innerlich.
  • Mit Ehrlichkeit (zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort) kannst Du Menschen berühren. Ehrlichkeit schafft Vertrauen.
  • Du ziehst andere Leute an, als wenn Du Deine Fassade pflegst. 😉
  • Wenn jemand Deine Verletzlichkeit ausnutzt, um Dir einen reinzuwürgen, tut das weh. Aber immerhin weißt Du danach, mit wem Du es zu tun hast.
  • Dein Image ist zerstört? Welches Image? (Spricht die PR-Beraterin, hehe.)

Zerstörung ist bei uns im Westen etwas Negatives, die Hindus hingegen verehren die Gottheit Shiva, die u.a. das Prinzip der Zerstörung verkörpert. Denn Zerstörung schafft Platz für Neues. Das Bild oder Image, das andere (und auch wir selbst) von uns haben, ist ein Trugbild – allein schon, weil es fix ist. Und die Realität ist fließend. Also nicht so schlimm, wenn da was zerstört wird. 🙂

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Shiva – neben der Zerstörung auch für den Tanz zuständig. Besondere Kennzeichen: hat Dreadlocks und kifft.

Ehrlichkeit im Job?

Leider hatte ich mir einen Job ausgesucht, in dem ich jedes Wort auf die Goldwaage legen musste. Intern und extern. Mitunter dachte ich: „Oh Mann, ich bin zu ehrlich für diesen Job.“ Pressesprecherin und Ehrlichkeit – das schließt sich aus. Auch, wenn die reine Lehre etwas anderes sagt. Transparenz und so, Dialog mit der Öffentlichkeit. Vergesst es. Die wenigsten Unternehmen wollen, dass ihre Verletzlichkeiten an die Öffentlichkeit kommen. Und wenn doch, wird eilig Schadensbegrenzung betrieben. Tja, Unternehmen sind auch nur Menschen…

Dennoch habe ich nur ganz selten wirklich schlechte Erfahrungen damit gemacht, die Wahrheit zu sagen. Die meisten seriösen Journalisten können Informationen für sich behalten. (Aber auch das ändert sich mit dem steigenden Exklusivitäts- und Zeitdruck, unter dem die Medien stehen.)

Eines habe ich gelernt: Die Angst vor dem In-die-Fresse-kriegen ist meistens größer als die reale Gefahr. Sowohl bei Menschen als auch Unternehmen. Und wenn man mal einen abkriegt, dann heißt es: aufstehen, Lippenstift nachziehen und weitermachen. Das werde ich mit Büronymus tun und weiter den Finger in die Wunde legen – auch in die eigene. Denn wie schon der persische Dichter Rumi wusste:

„Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in Dich eintritt.“

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