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Langsam beginne ich zu verstehen, warum viele Selbständige irgendwann beratungsresistent werden: Jeder und sein Onkel reden einem ins Business rein. Am besten natürlich ohne überhaupt irgendeinen Einblick, geschweige denn Know-how zu haben. (Als PR-Beraterin ist man in der Hinsicht ja einiges gewohnt, aber trotzdem!) Versteht mich richtig: Ich freue mich über jeden fundierten Rat und versuche bewusst, offen zu bleiben und mir das rauszusuchen, was passt. Aber manchmal nervt es einfach.

There are two kinds of people…

Es gibt zwei Arten, wie Menschen auf meine Selbständigkeit reagieren:

  • Die einen finden es einfach gut, ermutigen mich und unterstützen das, was ich tue. Was nicht heißt, dass sie nicht auch hinterfragen und diskutieren. Aber alles auf Augenhöhe. Danke übrigens dafür, das hilft mir sehr. Ihr inspiriert mich. 🙂
  • Die anderen projizieren ihre Ängste / ihren Neid / ihren Frust ob ihrer eigenen Unfreiheit auf mich, belehren mich oder versuchen mir zu beweisen, dass das alles sowieso nichts wird.

Letztere drücken mir ungefragt ihre nicht vorhandene Expertise auf. (Dass ich mir monatelang Gedanken darüber gemacht habe, wie ich meine Selbständigkeit aufziehe, Branchen und Märkte studiert und einen Businessplan geschrieben habe, mich jeden Tag damit beschäftige – geschenkt. Die Weisheit mit Löffeln gefressen haben die anderen.)

Dabei hab ich doch selber genug Zweifel, ob das alles so richtig ist und wäge ständig ab, was der nächste Schritt sein wird. Da hilft es wenig, wenn von außen noch massive Verunsicherungsversuche hinzukommen.

Trotzdem muss ich mir eine Menge Bullshit anhören von Leuten, die im Leben nicht die Eier haben, sich selbständig zu machen – dafür aber ganz genau wissen, wie es geht. Was der Markt will und so. Die mich löchern, was ich denn nun genau wann und wie und mit wieviel Geld vorhabe. Ich sitze dann da und muss mich rechtfertigen für etwas, dass allein ich entschieden habe und wofür allein ich die Verantwortung trage.

WTF?

Ich frage mich, warum ich solche Reaktionen triggere bei einigen Menschen. Ich hab schon meinen groben 😉 Fahrplan. Ich habe aber keine Lust, den jedem auf die Nase zu binden. Da kann schnell ein falscher Eindruck entstehen. Ich finde auch nicht, dass ich Gott und der Welt Auskunft zu meinen Plänen inklusive meiner Finanzplanung erteilen muss. Sorry, but no.

no

Wird es jetzt in jedem Blogbeitrag ein Jennifer-Lawrence-GIF geben, fragt sich der Stammleser gespannt. Hm, warum eigentlich nicht?

Vielleicht habe ich auch meine Selbstzweifel zu laut geäußert und damit meine Verletzlichkeit gezeigt. Da müssen manche natürlich sofort reingrätschen. Das kostet mich viel Energie, aber ich kann es ab. Letztlich sagt es mehr über diejenigen aus als über mich…

Künstlertum vs. Marktwirtschaft

Vor allem aber, Ihr Hobby-BWLer: Ihr versteht nicht, dass ich meine Künstlerseele entdeckt habe. Dass ich mein ganzes Leben neu ausgerichtet habe. Dass mein Jahresmotto 2016 „Unfold“ heißt. Nach vielen Jahren, in denen ich unter Stress auf die Ziele anderer Leute hingearbeitet habe, will ich mal zulassen, dass alles (inklusive mir selbst) reifen, sich entfalten und entwickeln darf.

Der künstlerische Ansatz ist ein anderer als der marktwirtschaftliche: Es geht mir nicht darum, auf Krampf den einen Bestseller herauszubringen, der genau auf die Bedürfnisse des Marktes zugeschnitten ist. Vielleicht würde ich das hinkriegen. Aber NO FUN, sich hinzusetzen und Zielgruppensegmente zu analysieren. Das hätte ich auch woanders für einen Haufen Schotter tun können. 🙂 Und was noch viel entscheidender ist: So funktioniert der kreative Prozess nicht. Ich kann nicht kreativ sein, wenn das Herz nicht beteiligt ist. Das Herz fragt nicht nach dem Markt.

Spätestens an dieser Stelle drehen die Hobby-BWLer durch: „DAS muss man sich aber leisten können, hüstel, hüstel, räusper!“ Yep, ich leiste mir das gerade. Und verzichte dafür auf andere Dinge. Unternehmertum heißt Risiko, und wenn man vorher genau wüsste, was dabei rauskommt, wäre es kein Unternehmertum mehr, sondern Planwirtschaft. 😉

Glaubt Ihr, Thomas Mann hat sich damals hingesetzt und – bevor er anfing, „Buddenbrooks“ zu schreiben – den Markt analysiert? „Hm, was braucht wohl der Markt? Ganz klar: ein tausendseitiges Buch über den Verfall einer Familie. Mit Endlossätzen und ohne Happy End. Los geht’s!“ Nein, es kam ihm einfach und er hat’s aufgeschrieben. Der Rest ist bekannt: Weltbestseller, Literaturnobelpreis usw.

Neulich lief ich an einer Buchhandlung in meinem Viertel vorbei. Im Schaufenster stand eine Graphic Novel über den Jazzmusiker Coco Schumann.

Coco Schumann graphic novel

Das corpus delicti in der Auslage der Theaterbuchhandlung „Einar (nicht Ernie!) und Bert“. http://www.einar-und-bert.de

Die Größe der Zielgruppe dürfte ungefähr bei 3 1/2 Comicfreaks mit Interesse an Jazz und deutscher Geschichte liegen. Aber irgendjemand hatte die Idee und das Bedürfnis, dieses Buch zu machen. Und ein Verlag hatte Lust, das zu finanzieren. Und das ist auch gut so. Vielleicht blättere ich es durch und stelle fest: Das würd ich gern haben – auch wenn ich selbst nie auf die Idee gekommen wäre. Wie arm wäre unsere Welt, wenn es nur noch auf den Massengeschmack zugeschnittene Produkte geben würde? (Antwort: Ungefähr so arm.)

Kreativität + Markt = ❤

Natürlich ist das Ziel, dass es irgendwann funkt zwischen der Kreativität und dem Markt. Das hoffe ich auch bei meinem ersten Produkt. Aber wissen kann ich es vorher nicht – egal, wie gut ich meine Hausaufgaben gemacht habe.

Ich erinnere mich an meinen Ex-Kollegen Paule – in jeder freien Minute am Musikmachen. Irgendwann in den 90ern kam er stolz mit seiner ersten Platte an. Die Begeisterung der Kollegen hielt sich in Grenzen: „Ach, komm, Vinyl ist out, Techno ist out.“ (Ich gebe zu, ich war auch eine von diesen Zweiflern. Und das krieg ich jetzt alles karmisch zurück, arrrgh! 😉 ) Aber Paule zog sein Ding durch, viele Jahre lang. Der Erfolg kam. Und heute? Schaut selber, wie er immer noch sein Ding macht. 😛

Wenn Ihr jemandem wirklich helfen wollt, der gerade gegründet hat, dann mit Worten der Ermutigung, mit Informationen, Kontakten und – die Premiumvariante – mit Taten. Oft hilft es schon, wenn jemand einfach zuhört und man gemeinsam Ideen und Szenarien durchspielt. Was nicht hilft: sich auf Kosten vermeintlich Unterlegener zu profilieren.

 Headerbild: unsplash.com
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