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Den ersten AUGENHÖHE-Film kennt Ihr ja schon. Gestern war ich auf der Premiere des zweiten. Diesmal ging es darum zu zeigen, WIE anderes Arbeiten (nämlich auf Augenhöhe) in Unternehmen funktioniert.

„Die kiffen doch“, dachte ich bei so manchem Interviewpartner. (Ich nenne jetzt hier mal keine Namen, hehe.) Einfach, weil diese Geschäftsführer mir so unwirklich schienen und so fern von dem, was ich selbst in der Arbeitswelt erlebt habe.

Also toll, aber eben unwirklich. Und woher hatten die all diese „weiblichen“ Kompetenzen? Nehmen uns die Männer die jetzt weg? 😉 Der Film ist super, das gleich vorne weg. Ich mag diesen Augenhöhe-Style: nicht mit dem Zeigefinger zu kommen oder mit dem fünfunddrölfzigsten Expertentipp („Machst Du so und dann klappt!“). 😛 Sondern auch gleich die Schwierigkeiten zu benennen, die Experimente mit der Unternehmenskultur eben mit sich bringen.

Und so kann man den Film anschauen, ohne dass man innerlich Amok läuft  – wie es mir bei so manchen Zukunft-der-Arbeit-Enthusiasten geht, die eine rosarote Supadupa-Arbeitswelt voller Leuchttürme propagieren. Das provoziert die Zynikerin in mir. Merkt Ihr selber. Dafür war ich einfach zu lange selber in so einer Mühle drin, sorry.

Deshalb musste ich auch gleich beim ersten Unternehmen, das im Film vorgestellt wurde, grinsen. Unilever, OK. Mit denen hatte ich auch mal zu tun und hm… Na gut, is lange her. Ich will auch einem Weltkonzern zugestehen, dass er happy working people will und darauf hinarbeitet.

So nett ist es bei Sonett

Aber ich nehme es ihm viel weniger ab als einem Mittelständler wie Sonett, einem Hersteller von Öko-Wasch- und Reinigungsmitteln. Einfach, weil bei letztgenanntem Unternehmen die Gründer mit ihrer Persönlichkeit und ihren Werten dahinterstehen. Und mit ihrer Spiritualität, die in dem Film ausgeklammert wurde. (Für mich kam trotzdem was rüber und ich war nicht überrascht, als ich auf der Website den Satz fand: „Unser Unternehmens- und Qualitätsverständnis gründet in der anthroposophischen Geisteswissenschaft.“)

Bei Sonett haben die Inhaber Fakten geschaffen, indem die Produktionsmittel (Und bei diesem Wort schießt sofort ein Gedanke durch mein Hirn: „Die Produktionsmittel gehören in die Hände des Proletariats.“ War schon eine gründliche Gehirnwäsche in der DDR. 😀 ) in eine Stiftung überführt wurden und damit „von Vererbbarkeit und Verkaufbarkeit befreit“.

DAS nenne ich Coolness, sich quasi selbst zu enteignen. Nicht lange herumlabern, sondern konsequent das tun, was eben herauskommt, wenn man Augenhöhe zu Ende denkt. Und am Ende darf dann derjenige weitermachen, der „das Bedürfnis hat, im Sonett-Sinne diese Geschäfte zu führen.“ Respekt!

Ein bisschen HORG-Bashing

In einer großen HORG (so nenne ich liebevoll hierarchische Organsisationen) hingegen verkommen viele Veränderungsansätze zu Oberflächenkosmetik – oder die verkrusteten Strukturen machen sie wieder zunichte. „Eher verändert das System dich, als dass du das System veränderst.“ (Ich glaube, bei Reinhard K. Sprenger habe ich das gelesen.) Außerdem sind viele HORG-Mitarbeiter gebrannte Kinder, die nichts mehr hören wollen von neuen Reformierungsversuchen.

Oder wie BÜRONYMUS-Leser Low Performer, der aus seinem #Konzern twittert, neulich zu mir sagte: „In Bezug auf das Berufsleben bin ich irgendwie Atheist geworden.“ Wie gesagt bei HORGs bin ich zutiefst skeptisch. Ich rieche das HORG-Tierchen drei Meilen gegen den Wind. Und ich kann auch diese leblose Sprache nur sehr schwer ertragen mittlerweile. Aber in HORGs arbeiten auch Menschen und ich wünsche jedem, dass er glücklich und erfüllt arbeiten darf. Von daher: Gib Unilever eine Chance. 😛

Bewundernswert fand ich den Unternehmer Christoph Haase, der wirklich aus seiner Rolle herausgetreten ist und „immer mehr AM Unternehmen und immer weniger IM Unternehmen“ arbeitet. Da ich selbst Gründerin bin, kann ich erahnen, wie hart es ist, sein Baby so loszulassen. Weiter verbreitet ist der Typus Unternehmer, der Mikromanagement betreibt, weil er auch bei 200, 2.000 oder 20.000 Mitarbeitern noch die totale Kontrolle behalten will.

Vom Mikromanager zum Coach

Genau diesen Weg hatte Alexander Maier, Geschäftsführer von Saint Gobain, beschritten. Er war ein überarbeiteter Kontrollfreak – und ein Arschloch, wie er irgendwann erkennen musste. Doch er kriegte im wahrsten Sinne des Wortes die Kurve: nämlich um 180 Grad. Für mich ist er der stärkste Protagonist des Films, weil er offenbart, warum er so geführt hat, wie er lange Zeit führte. Und was es ihn gekostet hat, sich zu verändern. (Ich verrate das hier nicht, denn Ihr wollt den Film ja sicher selber sehen. No spoilers bei Büronymus. 😉 )

Nach der Premiere gab Maier noch ein kurzes Statement auf der Bühne ab, das es in sich hatte: „Eine gute Führungskraft ist Mensch und zeigt sich verletztlich…“ (Sinngemäß – ich hätte mal mitschreiben sollen.) Und genau diese beiden Dinge gehen eben nicht in einer feindlichen Umgebung wie einer HORG, erlaube ich mir hinzuzufügen. Bzw. wäre es ziemlich dumm. Die Vision sollte also sein, eine Kultur zu schaffen, in der das Menschsein für alle möglich wird: durch Vertrauen und Offenheit. Das hat Alexander Maier bei Saint Gobain offensichtlich geschafft.

Mein Fazit zum AUGENHÖHEwege-Film: Ein sehr wichtiger Film. Ich hoffe (und helfe gern mit), dass er nicht nur von Leuten, die sich eh mit dem Thema „Zukunft der Arbeit“ beschäftigen, angenommen wird, sondern den Weg findet zu den normalen Angestellten und Führungskräften in Konzernen, Behörden, Verbänden und anderen HORGs, wo Augenhöhe bislang ein Wunschtraum ist. Die werden Augen machen! 🙂

Also, schaut Euch diesen Film an und verbreitet ihn weiter! Ich verspreche Euch, er wird Euch inspirieren.

>>> Hier geht’s zum AUGENHÖHEwege-Film. <<<

PS: Auf der Premiere wurde eine gekürzte Fassung mit sechs Unternehmen gezeigt. In der längeren Fassung (2 Teile: weiß und orange) sind es insgesamt zehn Unternehmen – mit einigen Überraschungen, über die ich hier nicht geschrieben habe. Also schaut selbst…

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