„Die Geschichte lehrt uns, dass in dem Augenblick, da die moralischen Kräfte, das Rüstzeug einer Gesellschaft, ihre Herrschaft verloren haben, die letzte Auflösung von jenen unbewussten und rohen Massen, welche recht gut als Barbaren gekennzeichnet werden, herbeigeführt wird.“

(Gustave Le Bon, „Psychologie der Massen“*, Nikol Verlag, S. 25)

Spätestens seit den Landtagswahlergebnissen von gestern haben wir dann wohl den gegebenen Anlass, aus dem ich Euch meine neuste Buchentdeckung vorstelle: „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon. Neu ist das Buch nicht: Es erschien erstmals 1895 und ist verdammt aktuell, wie Ihr gleich sehen werdet. Ihr könnt diesen Post mental unter „Schreiben gegen Rechts“ einordnen. (Auch wenn ich mich mitunter frage, was das bringt: preaching to the converted, vermute ich mal.)

Als ich das Buch kaufte, ging es mir um Kommunikation in Unternehmen – ist ja eines meiner Hauptthemen hier. Mir ist rätselhaft, warum der Psychologe Le Bon in meinen beiden Kommunikationsstudien nicht auftauchte. Vielleicht bleiben PR-Leute lieber unter sich und ignorieren standhaft andere Disziplinen. (Gilt auch für die Arbeit des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun, die ebenfalls nicht vorkam.)

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Natürlich kann man Le Bons etwas herablassenden Blick auf die Massen kritisch sehen. (Französischer Bildungsbürger halt.) Auch seine Obsession mit Rassen ist heute kaum noch nachvollziehbar. (Obwohl, für Nazis vielleicht schon.) Seine Erkenntnisse sind aber von fundamentaler Bedeutung. Und wenn ein paar Wahlkämpfer das Buch gelesen hätten – na, lassen wir das.

Gustave Le Bon beschreibt, wie der einzelne Mensch in der Massenseele aufgeht, nicht mehr für Vernunft (Fakten!) zugänglich ist, sondern nur noch durch ein dumpfes Empfinden (Angst!) gesteuert wird, das sich durch psychologische Übertragung verbreitet. (Wohlgemerkt unabhängig vom Intelligenzgrad des Einzelnen – weshalb es wenig bringt, den Wählern von rechtsextremen Parteien wie AfD oder NPD Dummheit vorzuwerfen.)

Wenn man das weiß, wird einem klar, dass es sehr schwierig ist, einer Masse (seien es Tausende Angestellte oder Millionen von Wählern oder Internetnutzern) komplexere Inhalte nahezubringen.

Der Gustave so:

„Die Hauptmerkmale des einzelnen in der Masse sind also: Schwinden der bewussten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewussten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung  und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen. … Allein durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, steigt der Mensch also mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab.“ (S. 37 f.)

Als Beispiel nennt Le Bon Schwurgerichte, aber auch Parlamente: „Parlamente nehmen Gesetze und Vorlagen an, die jedes Mitglied einzeln ablehnen würde.“ (S. 38) Hm, erinnert mich gerade auch ein bisschen an das Top-Management eines Unternehmens: geteilte Verantwortung ist halbe Verantwortung. Oder wie Günter Dueck es nennen würde: Schwarmdummheit.

Die Masse ist ein ziemlich unsympathisch Ding. (Nicht, dass uns das neu wäre – ein Besuch bei einem beliebigen Volksfest reicht als Beweis. 😛 ) Sie wird ausschließlich vom Unbewussten geleitet, kann im Gegensatz zum Einzelnen ihre Empfindungen nicht beherrschen und ist „unfähig zu ausdauerndem Wollen wie zum Denken.“ (S. 42) Man könnte „Wut als den normalen Zustand der gehemmten Masse“ bezeichnen. (S. 42) Da isser, der Wutbürger! Schon 1895 identifiziert und klassifiziert.

Die Masse denkt (bzw. fühlt) in Bildern. Man liefere ihnen also Bilder bzw. spreche in bildhaften Worten („Flüchtlingsstrom“) und den Rest erledigt die Masse selbst. Dies ist auch einer der Gründe, warum Politiker sich heutzutage häufig so schwer tun, die Massen zu erreichen: Ihre Sprache ist abstrakt, geschliffen, distanziert.

Was ich auch heftig fand: Die Fähigkeit zur Beobachtung geht in der Masse verloren – wieder unabhängig von der Intelligenz des Einzelnen. Historisch belegt sind unzählige Kollektivhalluzinationen. Eine solche erlebte die Besatzung der Fregatte „La Belle-Poule“ auf der Suche nach einem verloren gegangenen Schiff der Flotte.

Am hellichten Tag (!) entdeckten Offiziere und Matrosen ein Wrack, auf dem sich Menschen bewegten, ihre Hände ausstreckten, Stimmengewirr war zu hören. Als sich ein Beiboot dem Wrack näherte, fand man nur einige mit Blättern bedeckte Baumstämme vor. Kein Schiff, keine Menschen, keine Stimmen. Man war gemeinschaftlich einer Täuschung aufgesessen.

Wie funktioniert so etwas? Im Fall der Fregatte brauchte man „eine Masse im Zustand gespannter Aufmerksamkeit“, auf der anderen Seite „eine Suggestion, die von der Wache ausgeht … [und] durch Übertragung von allen Anwesenden, Offizieren und Matrosen, aufgenommen wird.“ (S. 47) Es reicht oft die Behauptung des ersten Zeugen, um alle anderen zu beeinflussen.

Die Masse sieht „die Dinge grob und kennt keine Übergänge“, stellt Le Bon fest. (S. 53) Das klassische Schwarz-Weiß-Denken also. Jeder Pressesprecher, der mal versucht hat, einen Sachverhalt differenziert in der Öffentlichkeit zu erklären, kennt das: Es hat keinen Sinn. Gleiches gilt übrigens auch für das Beharren der Journalisten auf eindeutigen Antworten. („Ja oder Nein, Frau Ministerin??“) Sie wissen, dass alles andere von der Masse sowieso nicht angenommen wird. Bzw. wird es in die eine oder andere Richtung uminterpretiert.

Auch das Phänomen Donald Trump können Le Bons Forschungen erklären: „Die reine, einfache Behauptung ohne Begründung und jeden Beweis ist ein sicheres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen.“ Say what?! Ja, so sieht’s aus. Gebraucht der Redner „starke Ausdrücke…, Schreien, Beteuern, Wiederholen“, so erregt er damit die „übermäßigen Empfindungen“ der Masse – Ziel erreicht. Und „niemals darf er den Versuch machen, einen Beweis zu erbringen.“ (S. 54) Es scheint, als hätte The Drumpf seinen Le Bon gelesen.

Snobbish Donald Trump lies

All das macht deutlich, was viele von uns schon selbst erlebt haben: Man argumentiert sachlich und beim Gegenüber kommt nichts an. Vielleicht noch im Einzelgespräch, niemals aber in der Masse. Das gilt für Trumps Wahlkampfveranstaltungen genauso wie für eine Betriebsversammlung oder eine Anhörung von Anwohnern eines Flüchtlingsheims. Wer Le Bon gelesen hat, weiß warum.

Um jetzt mal was Positives zu sagen: Die Masse lässt sich auch zu heldenhaften Taten mit „Hingabe, Aufopferung und Uneigennützigkeit“ hinreißen. Krieg zum Beispiel. Ups.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht – aber als ich das so gelesen habe, dachte ich: „Wenn man eins auf keinen Fall möchte, dann ja wohl Teil einer Masse sein…“ In diesem Sinne bin ich heilfroh, jetzt beruflich einfach nur ich selbst sein zu dürfen, ohne eine Organisation im Rücken. Oder im Nacken. Massenveranstaltungen meide ich sowieso lieber.

Vielleicht gehe ich aber mal auf die eine oder andere Demo – die Zeit scheint gekommen, um sich mal auf der Straße blicken zu lassen, auch wenn ich nie ein Fan davon war. Mussten wir ja früher oft genug. Auf jeden Fall werde ich dabei äußerst wachsam sein, wozu ich mich hinreißen lasse – als Teil einer Masse.

Und Ihr, lest bitte den Le Bon. Ich habe die Themen des Buches hier nur angerissen (weil es gerade so frustrierend ist, darüber zu schreiben). Aber es ist ein must read nicht nur für PR-Leute. Denn es erklärt wenigstens ein bisschen, was zur Hölle gerade in diesem Land geschieht.

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