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Eine Doku über Nordkorea – genau meine Vorstellung von einem gemütlichen Freitag Abend. 🙂 Ihr wisst vielleicht mittlerweile, dass mich Diktaturen und ihre Gemeinsamkeiten mit HORGs* faszinieren, genau wie jegliche Form der Manipulation und des Mindfucks. Und jetzt schreibe ich über diesen Film – allein schon um zu sehen, ob ich wieder Klicks aus Nordkorea bekomme. 안녕하세요 친구

Kim Jong Un : Hallo Büronymus - by Anonymous

Die Dokumentation „Im Strahl der Sonne“ begleitet das 8-jährige Mädchen Sin-Mi in seinem Alltag in Nordkorea. Nicht. Denn der russisch-ukrainische Regisseur Vitaly Mansky staunte nicht schlecht, als ihm Vertreter des Regimes ein komplettes Drehbuch für seine „Dokumentation“ präsentierten. Mit Vorzeigekind, Musterwohnung, falschen Berufen der Eltern, Komparsen für die Massenszenen und auswendig gelernten Texten. Ihm wurde eine Art nordkoreanischer Co-Regisseur zur Seite gestellt, der dafür sorgte, dass auch genau nach Drehbuch gefilmt wurde.

Mansky selbst durfte nicht mit seinen Protagonisten sprechen. Er behalf sich mit einem Trick: In den Drehpausen ließ er die Kamera einfach weiterlaufen und entlarvt so die Inszenierung als Grundpfeiler des nordkoreanischen Alltags. Inszenierung: Level Expert – das muss man den Nordkoreanern lassen.

Wie weit kann ein Mensch sich verbiegen? Selbst die Kleinen, die ja erst ein paar Jahre Zeit hatten zu lernen, wie man sich gnadenlos anpasst, funktionieren wie Marionetten. Kein Widerspruch, nirgends. Keine Spontaneität. Sin-Mi und ihre Freundinnen haben die totale Selbstkontrolle. Nur einmal fallen einem Mädchen bei den endlosen Litaneien über die Heldentaten der Kimsens die Augen zu. (Natürlich kämpft sie wacker gegen diesen Terror der Natur an.) Trotzdem war ich erleichtert: Es sind doch Menschenkinder – keine Roboter.

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Schon für Erwachsene liegt der Entertainment-Faktor dieses Vortrags im Minusbereich. (Foto: Edition Salzgeber)

Richtig absurd wird es, als die Eltern von Sin-Mi „arbeiten“ gehen: Für den Film wurden ihnen Fake-Berufe in Musterbetrieben zugeteilt – natürlich musste die Arbeiterklasse abgefeiert werden. Und die ultramodernen 🙂 Fabriken, die der Geliebte Führer ja auch immer so gern besucht.

Der Vater von Sin-Mi, im wahren Leben Journalist, „spielt“ einen Ingenieur in der Textilfabrik. Er lässt sich für die Szene kurz von zwei Arbeiterinnen erklären, worum es geht, um ihnen dann in der Spielszene richtig schön mansplaining-mäßig genau das wiederzukäuen. Kennt man ja bei uns nicht: so Chef-Darsteller, die sich erstmal von ihrem Team briefen lassen, wie der Job eigentlich gemacht wird. 😛

Grandios war, wie die Dialoge der Laiendarsteller von Take zu Take positiver, begeisterter wurden. (Der nordkoreanische Co-Regisseur war immer dabei und gab Anweisungen. Ständig versuchte er, seine Protagonisten zu motivieren: „Mehr Freude, mehr Begeisterung! Ihr steht dann alle auf und schreit und klatscht! Jubelt nicht so leise!“) Ein Schelm, wer dabei an unsere HORGs denkt. Begeisterung kostet ja nichts. Begeistert Euch, oder es knallt!

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Verordnete Begeisterung auch bei der Aufnahme in die Organisation der Jungpioniere (Foto: Edition Salzgeber)

Erst den Leuten jegliche Lebendigkeit austreiben und sich dann wundern, wenn sie keinen Enthusiasmus mehr zeigen – kennen wir doch irgendwoher…

Die Chefin(-Darstellerin) der Textilarbeiterinnen steigerte sich von einer Filmaufnahme zur nächsten in eine richtige Euphorie hinein: „Unser Betrieb hat den Plan zu 150 Prozent übererfüllt!“ (Als Ostlerin fängt man sofort an zu grinsen.) Im nächsten Take dann: „Zu 200 Prozent übererfüllt!“ Paar Minuten später: „Zu 250 Prozent!“ Ungefähr so, wie die Vertriebszahlen in so mancher HORG auf dem Kommunikationsweg nach oben anwachsen… It’s magic! 😛

Und selbstverständlich gab es eine verdiente ältere Arbeiterin, der unter Beifall ein riesiger Blumenstrauß überreicht wurde. Den sie dann an den verdienten Ingenieur weiterreichte. Wahrscheinlich musste der Strauß hinterher sowieso wieder abgeben werden. Aber das war irgendwie auch schon egal. Das eigentlich Erschütternde ist, dass alle so völlig ungerührt, fast schon routiniert mitgespielt haben. Die kennen das. Und hinterher immer die Anerkennung heischenden Blicke zum Aufpasser: „War’s denn jetzt Recht so?“

Die Einzigen, die etwas unmotiviert waren und das auch durchblicken ließen, waren die Arbeiterinnen in der Textilfabrik. Vielleicht waren sie genervt, dass ständig jemand in ihrem Vorzeigebetrieb vorbeikam und sie anstarrte oder filmte. Vielleicht war ihnen das Lächeln schon gefroren unter ihren dicken Anoraks in der ungeheizten Fabrik. Vielleicht mussten sie aber auch nur ihre 250 Prozent schaffen und blickten deshalb kaum von der Nähmaschine auf – fuchtelnder Möchtegern-Regisseur hin oder her.

Eines Abends schlüpft die kleine Sin-Mi unter die Fake-Decke des riesigen Fake-Bettes in der Musterwohnung, in der sie eigentlich gar nicht wohnt. Der „Co-Regisseur“ steht daneben und zupft an der Decke herum. Das Regime verfolgt die Menschen bis ins Schlafzimmer. Man möchte ihn anschreien und hinauswerfen. Er hat da wirklich nichts zu suchen, am Bett dieses traurigen kleinen Mädchens.

An einer Stelle im Film stapft der Vater eine schier endlose Treppe hoch in dem unbeheizten, unbeleuchteten Betonklotz von Textilfabrik. Er stapft und stapft, bis in den 6. oder 7. Stock. Die Kamera folgt ihm, er schaut sich nicht um. Da erfasste mich tiefes Mitgefühl mit den Nordkoreanern. Nicht nur, weil sie in Hochhäusern ohne Fahrstuhl leben, weil sie frieren oder gar hungern müssen, sondern weil sie nicht Herr (oder Frau) ihres Lebens sind.

Weil sie keine Freiheit kennen, keinen Selbstausdruck, kein Selbstbewusstsein. Weil man ihnen nicht erlaubt, Mensch zu sein mit eigenen Gefühlen, eigenen Entscheidungen. Weil sie seit Generationen Gehirnwäsche und Unterdrückung erfahren müssen in einem Ausmaß, das man nicht ernsthaft mit der DDR (und auch nicht mit HORGs) vergleichen darf. HORGs sind übel, die DDR hat psychische Schäden bei vielen ihrer Bewohner hinterlassen.

Aber Nordkorea ist das Zerrbild einer Gesellschaft, ein Land ohne Sonne, ein Land des Nicht-Lächelns (nicht mal auf Familienfotos), eine eitrige Blase, die hoffentlich bald platzt. [Setzt an dieser Stelle einen dreckigen Fluch Eurer Wahl ein.]

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Selbst die Architektur zeigt den Menschen den Finger. (Foto: Edition Salzgeber)

Ich wünsche jedem Menschen, dass er sich von Zwängen befreien und ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Mit einem Privatleben, das diesen Namen verdient, einem Job, der sie erfüllt und in einer Gesellschaft, die ihnen Luft zum Atmen und Raum zum Wachsen lässt.

PS: Wer sich näher mit Nordkorea beschäftigt weiß, dass kaum einer der Filme und Youtube-Videos, die das Land verlassen, das echte Leben dort zeigt. Die Menschen sind die meiste Zeit damit beschäftigt zu überleben. Sie sind körperlich geschwächt. Dennoch schaffen es viele, sich DVD-Player auf dem Schwarzmarkt zu besorgen, um südkoreanische Seifenopern zu gucken. Und damit wenigstens auf dem Bildschirm Anteil an einem halbwegs normalen Leben zu nehmen. Irgendwie beruhigt mich das ein bisschen.

*HORGs sind von Hierarchie dominierte Organisationen. Also, die mit den Skandalen. Die, die noch nicht gemerkt haben, dass ihnen die Mitarbeiter weglaufen.

 

 

 

 

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