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Als ich Böhmermanns #verafake sah, war meine erste Reaktion: Danke! Das war überfällig! Danke, dass endlich mal jemand nicht so tut, als wäre es normal (oder gar lustig), Minderbemittelte, Kaputte, vom Schicksal Gebeutelte vor die Kamera zu zerren.

Was mich als Ex-Fernsehredakteurin immer irritiert hat: Es sind intelligente, sensible Menschen, die diesen geistigen Dünnschiss produzieren. (Ausnahmen bestätigen die Regel: Ich kenne auch ein paar emotional abgefuckte, denen wirklich alles egal ist.) Warum machen die das?? Ich selbst war in den Neunzigern beim Fernsehen und habe immer versucht, mich von moralisch fragwürdigen Jobs fernzuhalten. Einmal ist es mir nicht gelungen – und dieses eine Mal werde ich nie vergessen.

Wie ich mich als Boulevard-Redakteurin versuchte

Meine Kollegin Paula (Name geändert) und ich hatten damals einen Auftrag für RTL Extra bekommen. Wir waren beide nicht scharf drauf, aber es gab gerade nichts anderes – wir waren jung und brauchten das Geld. Also fuhren wir los zur Vorrecherche, noch ohne Kamerateam. Zu einer Frau, deren Sohn seit einigen Jahren spurlos verschwunden war. Wir sollten vorfühlen, ob sie für ein TV-Interview für RTL Extra offen war. Bzw. sie irgendwie dazu bringen – mit dem Argument: Vielleicht gibt es nach der Ausstrahlung neue Hinweise und der kleine Tommy wird doch noch gefunden.

So lautete der Auftrag. Ansonsten hatten wir nur eine Adresse bekommen – und noch während ich das gerade schreibe, merke ich, wie mir schlecht wird. Insgeheim hofften wir beide, dass Tommys Mutter nicht zu Hause war. War sie aber. Auf unser Klingeln hin öffnete eine Frau, der man sofort ansah, dass es ihr beschissen ging. Während wir unser Anliegen hervorstammelten, fiel mein Blick auf eine „Happy-Birthday-Tommy“-Girlande im Flur hinter ihr.

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Mir schnürte es endgültig die Kehle zu. Es war nicht klar, ob wir tatsächlich Tommys Geburtstag erwischt hatten oder ob die Girlande seit seinem Verschwinden dort hängengeblieben war. War auch egal. Was klar war: Wir versuchten hier, eine am Boden zerstörte Frau dazu zu bringen, vor die Kamera zu treten.

Und zwar nicht bei Aktenzeichen XY, wo es wenigstens wirklich darum geht, Verbrechen aufzuklären – sondern zu RTL Extra, wo sie unter dem Deckmäntelchen der Hilfsbereitschaft dem sensationslüsternen Publikum auf dem Tablett serviert werden würde. Wir wollten gerade ein angeschossenes Tier zu den Geiern bringen.

Ich weiß nicht mehr, was die Frau geantwortet hat. Sie war einfach fertig und sie wollte nicht interviewt werden, das weiß ich noch. Nachdem die Wohnungstür wieder zu war, blickten Paula und ich uns mit hochroten Köpfen an. „So eine Scheiße. Können wir das irgendwie wiedergutmachen?“, fragten wir uns.

Und so kramten wir einen Zettel hervor und schrieben der Mutter des vermissten Tommy einen Entschuldigungsbrief. „P.S: Falls Sie es sich anders überlegen und doch noch vor die Kamera möchten, würden wir uns freuen.“ Soviel waren wir unserer „Professionalität“ schuldig – dachten wir damals. Wir schoben den Zettel unter der Tür durch und sahen zu, dass wir Land gewannen. Der Auftrag war natürlich flöten, aber das war uns egal.

Offensichtlich war keine von uns beiden für den Job als Boulevard-Redakteurin geeignet, denn dafür waren wir zu gut ausgestattet: mit Empathie, mit Anstand und vor allem: mit Scham. Im Gegenzug fehlte uns die Gabe, uns unser fragwürdiges Verhalten schönzureden – eine Gabe, die sich bei so mancher Trash-TV-Moderatorin beobachten lässt: Wenn man sich lange  genug einredet, mit seiner Sendung ein gutes Werk zu tut, glaubt man es irgendwann selbst. Nun ja, ich weiß es besser, denn in meinem Bekanntenkreis gibt es immer noch genug Fernsehleute.

Ein Psycho-Job aus der Hölle

Und deren Berichten zufolge ist so ein Trash-Dreh für den Redakteur* mindestens genauso ein Psychotrip wie für den Protagonisten. Das Anstrengendste ist, den „Darsteller“ bei Laune zu halten und zu verhindern, dass er durchdreht, hinschmeißt oder sonstwie die teure Sendung gefährdet.

Dabei wird gefaket, was das Zeug hält: Der Schweinewirt hat eigentlich gar keine Schweine, sondern ist Ackerbauer? Acker sieht natürlich öde aus im Bild, Schweine hingegen sind niedlich – da wird er eben kurzerhand mit ein paar Tieren versorgt und gibt den Schweinebauern. Das ganze Dorf lacht sich scheckig. Auch so etwas muss der Redakteur auffangen. Und das ist noch harmlos.

Die potenziellen Bräute des zu verheiratenden Junggesellen (Ihr wisst schon, welche Sendung ich meine) gehen einander in den Drehpausen an die Gurgel? Der zuständige Redakteur muss mal eben psychologischen Beistand leisten. Bei der Auswandererfamilie ist ein Pflegekind dabei, für das es keine Drehgenehmigung gibt? Dann wird das Kind halt aus dem Bild gehalten. (In der fertigen Story existiert es nicht.)

Eine Protagonistin hat einen Putzzwang und ihre blau-geschwollenen Hände dürfen nicht im Bild gezeigt werden? Ein Baby ist essgestört und ernährt sich nur von Keksen? Der Vater ist gewalttätig? – Hält man da stillschweigend die Kamera drauf? Ein Freund von mir, damals Fernsehredakteur, tat das einzig Richtige und schaltete das Jugendamt ein. Er wurde von den kriminellen Freunden der Familie bedroht.**

Wenig Glamour, viel Ärger

Warum, um Himmels willen, tut man sich so einen Redakteursjob an? Neben dem offensichtlichen Argument, dass man von irgendwas leben muss und nichts Ordentliches gelernt hat. Ist es das Adrenalin, die immer neue Aufregung? Zu erzählen hatte ich jedenfalls immer was, als ich noch Fernsehredakteurin war. Ein Bürojob kann da nicht mithalten. Ist es Neugier? Voyeurismus?

Ich habe so viele deutsche Wohnzimmer gesehen, damals noch mit Fliesentisch und Nippes-Vitrine als Standardausstattung. Manchmal kam ich mir vor wie ein Kind, das jeden Tag ein Türchen im Weihnachtskalender öffnet – nur dass ich in das Leben wildfremder Menschen hineingucken durfte. Ich gebe zu, ich habe das geliebt.

Und ja, ich hatte auch Menschen unter meinen Protagonisten, mit denen das Leben es nicht gut gemeint hat. Freaks, Einsame, auch psychisch Kranke. Meistens lag es daran, dass wir niemand anderes für die Sendung gefunden haben und die Recherche-Kollegen alle Augen zugedrückt haben.

Ich versuchte, diese Leute in der Sendung gut aussehen zu lassen, aber das war quasi unmöglich: Die Umstände sprachen gegen sie. Bei einer Single-Show war es beispielsweise Teil des Konzepts, dass zwei Freunde des Kandidaten interviewt werden. „Er hat keine Freunde. Hatte er noch nie“, sagte seine Oma traurig in breitem schlesischen Slang. „Dabei ist er so ein ruhiger Bürger…“ Am Ende interviewten wir aus Not die Oma – und den Fitnesstrainer.

Und auch wenn alle so taten, als wäre das normal: Auf dem Bildschirm kam es genauso rüber, wie das Leben dieses jungen Mannes war – armselig. Adorno hatte schon Recht:

Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Die Alternative war, aus Mangel an Kandidaten unsere eigenen Freunde anzuheuern – das wollten wir aber nicht. Und es wäre auch schwer geworden. Schon damals zeichnete sich ab, dass niemand, der etwas auf sich hält, ins Fernsehen ging. Diese Ablehnung hatte sich die Branche selbst verdient, so wie sie mit den Protagonisten umging. Das „Prinzip verbrannte Erde“ war damals schon in aller Munde.

Und so griff man immer häufiger auf diejenigen am Rande der Gesellschaft zurück, die Fernsehen noch toll fanden oder sonst nichts hatten im Leben. Was wiederum die „normalen“ Mitbürger abschreckte mitzumachen. Ein Teufelskreis.

Geht es den Redakteuren um Macht? Vielleicht auch das – man kann die Kandidaten herumkommandieren, wenn man daran Spaß hat. Die Psychopathenquote ist ja sehr hoch bei Journalisten. Selbstverwirklichung? Ausnahmslos alle meine Ex-Kollegen träumten eigentlich davon, richtig schöne Sachen zu machen – am liebsten Dokus. Doch nur die wenigsten schafften es. Es gibt zu wenig anspruchsvolles Programm und es ist schwer, an diese Aufträge heranzukommen – schlecht bezahlt sind sie auch noch.

Notfalls gab man sich dann eben mit Frauentausch zufrieden. (Zur Ehrenrettung meiner Freunde muss ich sagen, dass die meisten nach ein paar solcher Drehs schreiend weggelaufen sind.) Ruhm? Manch einer findet es toll, wenn er seinen Namen eingeblendet im Fernsehen sieht. Aber wer wirklich berühmt werden will, geht vor und nicht hinter die Kamera.

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Worum es wirklich geht

Ich habe den Verdacht, dass es den meisten Fernsehleuten um etwas anderes geht: Die wollen einfach nur spielen. Spaß haben. Geschichten erzählen. Etwas halbwegs Kreatives abliefern. Und die Medien sind ihre Spielwiese. Ein PR-Volontär sagte mal zu mir: „Ach, das stelle ich mir schon witzig vor, mir richtig fiese BILD-Schlagzeilen auszudenken.“ Vielleicht ist es witzig für dich – solange nicht deine eigene Mutter, dein Kind, deine Geschwister durch den Dreck gezogen werden.

Ach ja, es gibt noch einen Grund für diesen Job: extrem nette Kollegen. Wir waren damals eigentlich alle miteinander befreundet und haben gern zusammengearbeitet. Ich hab nie wieder so viele tolle Kollegen gehabt. Neulich sah ich einen meiner Ex-Kollegen im Fernsehen. (Das passiert gar nicht so selten und ich freu mich jedesmal darüber.)

Diesmal saß derjenige aber als Gast in einer Talkshow: Der ehemalige Kamermann hat jetzt ein eigenes Geschäft und verkauft Riesensushis. Und wenn ich mir meinen Bekanntenkreis heute anschaue, sehe ich immer mehr Aussteiger. Auch ich bin ja ausgestiegen und habe über Umwege – im wahrsten Sinne des Wortes – eine neue Spielwiese gefunden. Vielleicht ist das ja ein Trend: Stell Dir vor, es gibt Trash-TV-Jobs und keiner geht hin. Ich hoffe es.

*Wie immer sind stets beide Geschlechter gemeint.
** Berichte von Ex-Kollegen und Freunden, Jahre zurückliegend, aus dem Gedächtnis erzählt.
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