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Brunhild lernte ich auf einer Indienreise kennen. Da ich mir kein Einzelzimmer mehr leisten konnte  ;), musste ich mir wohl oder übel ein Zimmer mit jemand teilen. Und dieser Jemand hieß laut Reiseveranstalter Brunhild Bomberg.

Sofort hatte ich Kopfkino: Eine riesige, massige Frau – eine echte Brunhilde eben – mit wallendem grauen Haar und kräftigem Organ, in bunte Öko-Gewänder gewickelt, würde mich in den kommenden 14 Nächten mit ihrem lauten Schnarchen um den Schlaf bringen. Tja, wer viel Phantasie hat, fällt auch so manchem Vorurteil anheim.

Brunhild und ich verstanden uns auf Anhieb. Sie ist nicht nur äußerlich ganz anders als in meinen wilden Vorstellungen: zierlich, rothaarig und entspannt. Sie ist Ossi (was insofern von Bedeutung war, als wir uns ausgiebig über unsere Erfahrungen in der DDR austauschten), herrlich unkompliziert und geradeheraus. Und um den Schlaf brachten mich keine Schnarchgeräusche, sondern unsere ausgedehnten nächtlichen Unterhaltungen.

Eines faszinierte mich besonders: Brunhild ist Kunsttherapeutin – und einer von diesen Menschen, die unglaublich viel mit ihren Händen anstellen können. Deshalb musste ich sie unbedingt fragen, was sie zu meinem Artikel Irgendwas mit den Händen zu sagen hat.

Hallo Brunhild, schön, Dich mal wieder zu sehen. Hast Du Irgendwas mit den Händen gelesen?

Ja, hab ich. Da ist schon was dran, dass wir unsere Welt mit den Händen begreifen. Und auch, dass die Schulbildung uns davon entfremdet. Dennoch finde ich, man sollte die westliche Schulbildung nicht verdammen oder das eine gegen das andere ausspielen, sondern eher überlegen: Wie kann man das verbinden? Sich die alten Techniken zurückerobern.

In Peru habe ich Frauen gesehen, die nach ganz alten Mustern gewebt haben, mit Hüftwebgeräten, bei denen mit dem Körpergewicht gearbeitet wird. Mir war klar: In 50 Jahren stehen die hier nicht mehr. Die Frage ist doch: Wie kann man verhindern, dass das verloren geht?

Du hattest beschrieben, wie wir uns vom Produzenten zum Verbraucher entwickelt haben. Der Unterschied ist doch: Wenn du selbst produzierst, merkst du die Mühe. In den Schulen gibt es viele Projekte, um den Kindern genau das zu vermitteln: Wie mahlt man Korn, backt ein Brot? Dabei werden auch gleich soziale Kompetenzen geübt: Die Kinder müssen sich in kleinen Gruppen absprechen. Wer wiegt ab, wer rührt um…

Du kennst Dich sowohl mit Kunst als auch Handwerk aus. Wo siehst du die Unterschiede?

Beim Handwerk bist du mit den Händen am Werk und es geht ums Ergebnis. Bei der Handarbeit erfährst du dich selbst.

Bei der Kopfarbeit kannst du dir sonst was ausdenken, wer du bist und was du kannst.

Wenn du aber ein Stück Holz hackst, um deine Wohnung zu heizen, ist das sehr real. Über das Tun kommt man in den Kontakt mit sich selbst, es ist eine Möglichkeit der Selbstbegegnung. Entweder du hast Erfolg oder du erlebst Frust. Das animiert zur Kreativität. Wenn es nicht funktioniert, muss man einen anderen Weg suchen. Wenn es nicht klappt mit dem Holzhacken, musst du dir eine Säge suchen oder die Ofenklappe vergrößern. 🙂

Handarbeit ist oft auch ein Zwiegespräch mit sich. Es ist niemand da, dem du die Schuld geben kannst, wenn es nicht klappt. Wenn die Axt nicht scharf genug ist, musst du das optimieren und wieder gucken: Wie komme ich zum Ergebnis? Du musst dich aushalten.

Malen, freies Gestalten wiederum geschieht auf der Ausdrucksebene. Du kannst etwas ausdrücken, was im Körper abgespeichert ist. Das sind ältere Erfahrungen als übers Denken im Kopf.

Als Kind machst du körperliche Erfahrungen, für die du noch keine Sprache hast.

Sprache setzt erst später ein. Über den nonverbalen Ausdruck, z.B. Malen, kann man sich an unbekannte Seiten in sich annähern oder durch Spielen mit Farben und Formen inneren Bildern Ausdruck geben. Das passiert unbewusst – die Hand, der Körper lassen sie entstehen. Die kommen einfach raus. Eine Patientin sagte mir mal: „Ich kann ja malen, was ich will ­– eigentlich male ich immer mich selbst.“ Also, symbolisch natürlich, nicht als Figur. Sie selbst kommt zum Ausdruck.

Während das Handwerk auf einer Arbeitsebene passiert, immer auf ein Ergebnis gerichtet, geht es beim kreativen Ausdruck um die spielerische Ebene. Es geht ums Tun – nicht ums Ergebnis. Du bist bei dir, mit dir in Verbindung, es gibt eine Achtsamkeit auf verschiedenen Stufen, Glücksgefühle – aber du kannst dabei auch unruhigen und ängstlichen Seiten in dir begegnen, zwischen Erfolg und Frust pendeln.

Momentan wird in der Geschäftswelt das Loblied aufs Scheitern gesungen. Wie wichtig sind Fehler und Misserfolge?

Sie fordern mich zu einer Lösung heraus. Nichtgelingen führt zu Frustration. Ich kann schreien, schimpfen, alles hinschmeißen oder gar zerstören. Ich kann aber auch konstruktiv damit umgehen: Was mach ich jetzt damit? Wie kriege ich das besser hin?

Frustration ist ein Motor für Entwicklung. Warum sind unsere Vorfahren aus Afrika losmarschiert? Weil sie nicht genug Nahrung gefunden haben, die Bevölkerungsdichte zu hoch war. Auf dem Weg gen Norden wurde es immer kälter. Sie hätten umkehren können – stattdessen haben sie geguckt, wie man sich gegen die Kälte schützen kann.

Warum hat man irgendwann weltweit angefangen, Vorratsspeicher zu bauen? Dem sind Hungerjahre vorausgegangen, daraus hat man gelernt und eine Lösung gefunden für das nächste Dürrejahr. Die Herrscher wollten ja auch ihr Volk sattkriegen. Die Inkas z. B. hatten richtig große Speicherorte, wo sie die Ernte eingelagert haben.

Aber zurück zur Handarbeit: Eine Rückentwicklung gibt es nicht, höchstens nach Kriegen.

Klar ist das Bedürfnis da, wieder mehr selbst herzustellen, aber wir werden uns nicht alle mit handwerklichen Produkten versorgen können.

Nach dem Weberaufstand haben die Maschinen übernommen. Weben ist körperlich schwere Arbeit – eigentlich sind die Maschinen ein Segen. Der Fluch ist, dass so viel hergestellt wird, dass du es nicht mehr wertschätzt. Wir haben ein Bedürfnis, etwas mit der Hand zu machen. Handarbeiten waren in den 90er Jahren fast weg. Jetzt ist das Trend.

Du bist ja Kunsttherapeutin. In der Reha hatte ich zum ersten Mal mit Kunsttherapie zu tun. Leider war es nicht doll, aber ich konnte das Potenzial erahnen. 🙂 Was genau passiert da eigentlich?

Der Therapeut sucht bewusst das Material aus, das er dem Patienten vorschlägt. Patienten, die sehr zerfasern, gibt man beispielsweise Speckstein. Der bietet einen Widerstand, während Ton sich schneller verändern lässt. Oder man malt mit Ölpastellkreide statt flüssigen Farben.

Heilung kann passieren, indem du dich ausdrückst und das, was du ausdrückst, wird wertgeschätzt.

Das Werk ist ein Zwischenglied zwischen dem, der arbeitet, und dem Therapeuten. Egal, was das Werk darstellt: Es ist OK. Das bedeutet wiederum: „Ich bin OK.“

Im Gegensatz zur Gesprächstherapie ist das Bild (oder was auch immer entsteht) der kreative Ausdruck. Und der Patient bestimmt, wie er das Bild deutet. Er hat die Deutungshoheit. Vielleicht vermutet der Therapeut etwas, benennt es aber noch nicht. Er muss Geduld haben, bis der Patient soweit ist, es selbst zu benennen, und dem Patienten seinen Raum und seine Zeit lassen.

Sonst kann das dem Patienten den Boden unter den Füßen wegziehen. Das kann manchmal Jahre dauern. Das A&O ist der Respekt vor dem Patienten und der Respekt vor seiner Arbeit und Selbstbestimmung. Der Therapeut kann Impulse setzen.

Wertschätzung ist oft ein Thema in der Arbeitswelt. Immer wieder höre ich, dass Menschen sich beschweren, weil sie keine Wertschätzung für ihre Arbeit bekommen…

Jeder will sich mit seinen Kompetenzen in die Gesellschaft einbringen. Wenn ein Vorgesetzter das nicht integrieren kann, entwertet er die Arbeit.

Andererseits darf man sich auch nicht abhängig machen vom äußeren Urteil. Leider ist das unsere Konditionierung: Das Außen sagt uns, was richtig und falsch ist.

Die Schwierigkeit ist die Spaltung in wertvolle und nicht wertvolle Arbeit. Einige Kompetenzen werden nicht wertgeschätzt. Dabei läuft die Gesellschaft nur durch den Beitrag aller. Das merkt man, wenn die Mülltonnen mal nicht geleert werden.

Vielen Dank, Brunhild, für das spannende Interview. Das könnte jetzt ewig so weiter gehen, aber wir haben ja nicht die ganze Nacht. 🙂


Zur Person Brunhild Bomberg

Porträt Brunhild (1)

Erzieherin, Weiterbildung für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen, Handweberin, Erwachsenenbildnerin für Textilgestaltung, Integrative Kunsttherapeutin, Heilpraktikerin

  • Aufbau der Förderarbeit mit mehrfach behinderten/geistig behinderten Kindern im Förderbereich eines Kinderheimes
  • Aufbau einer Handweberei für verhaltensauffällige geistig behinderte Erwachsene als Teil einer Behindertenwerkstatt und Entwicklung und Umsetzung eines kreativen Konzepts mit Bildweberei (Gobelins) inkl. Ausstellung mit den entstandenen Arbeiten
  • Arbeit in einer psychiatrischen Tagesklinik, u.a. mit traumatisierten Patienten
  • im Ruhestand
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