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Gestern war Velothon in Berlin. Da waren sie also wieder, diese Sportwütigen, die gefühlt jedes Sommerwochenende die halbe Stadt lahmlegen. Warum liegen diese Leute nicht am See? Das hatte ich mich schon ein paar Wochen vorher gefragt.

Da hatte ich „mein erstes Mal“ bei einem Lauf, dem Berliner Firmenlauf. (Sonst mache ich ja einen Bogen um Sport- und Massenveranstaltungen.) Natürlich war ich AN, nicht auf der Strecke zu finden. 😛 Am Anfang dachte ich: „Och, ganz nett, alles so schön bunt hier.“

Einige Firmen hatten richtig witzige Lauf-T-Shirts. Ein paar nette Sprüche wie „Läuft bei uns“, „We run the world“ (natürlich ein Start-up)  und so. Aber dann ging’s los. Leu-te!

Läufer im Endstadium

Da ich ungefähr einen halben Kilometer vom Ziel entfernt stand, bekam ich die Läufer erst im Endstadium zu sehen… 😮 Oh Gott! Diese schmerzverzerrten, verkrampften  Gesichter. Ich schwankte zwischen Entsetzen und einem hysterischen Lachanfall. Die Situation war so gravierend, dass ich der Versuchung widerstand, Fotos zu machen. Wäre unfair gewesen.

Nachdem ich Tausende entglittener Gesichtszüge an mir vorbeiziehen gesehen hatte, wurde mir leicht übel. Einige Teilnehmer waren schwer übergewichtig und schleppten sich und ihre wegknickenden Gelenke unter den Anfeuerungsrufen des Publikums ins Ziel. Ich hörte mit, wie eine knallrot angelaufene Läuferin ihren Freunden berichtete, dass ein Sanitäter sie aus dem Rennen geholt hatte, damit sie nicht kollabiert.

Nicht zum ersten Mal frage ich mich: Was ist hier eigentlich los? Warum quält Ihr Euch so, Leute? Nach Spaß sieht das jedenfalls nicht aus. Und der Firmenlauf ging nur über schlappe 5,5 km. Ich möchte nicht am Ziel eines Marathonlaufs stehen. 😮

Das Maß aller Dinge

Klar, Bewegung ist gut – wusste ja schon Hippokrates, der Starmedizinier der Antike:

Wenn wir jedem Individuum das richtige Maß an Nahrung und Bewegung zukommen lassen könnten, hätten wir den sichersten Weg zur Gesundheit gefunden.

Selbst mir als Sportmuffel ist das klar. Aber kiekt ma, der alte Grieche hat „das richtige Maß“ gesagt! Und nicht: „Powert Euch aus, bis Ihr zusammenbrecht! Geht endlich mal über Eure Grenzen, Ihr Schwächlinge!“ Nö. Er hat nicht gesagt: „Rennt mal schön 42-irgendwas Kilometer am Stück, weil das so gesund ist.“

Die Legende vom Marathonläufer konnte er noch nicht kennen, denn die entstand erst ein paar Hundert Jahre später. Sie geht so:

Nach dem Sieg der Athener in der Schlacht von Marathon machte sich ein Läufer auf den knapp 40 Kilometer langen Weg nach Athen. Nachdem er seine Botschaft νενικήκαμεν („Wir haben gesiegt“) vorgebracht hatte, brach er tot zusammen.

Und 2000 Jahre später Millionen von Westlern so: „Okeydoke, sounds good, dann muss ich das wohl auch mal probieren.“ (Und auch heute brechen immer wieder Marathonläufer tot zusammen.)

Leistungszwang und Selbstkasteiung

Mir geht’s nicht darum, ein paar bewegungsfreudigen Leuten den Spaß am Sport zu verderben. Ich seh nur so wenig Spaß. Ich sehe Leute, die sich ein Ziel gesetzt haben und das auf Krampf erreichen wollen – koste es, was es wolle. Im Zweifel die eigene Gesundheit oder das Leben. Oder diejenigen, die irgendetwas sein wollen, was sie einfach nicht sind. (Zum Beispiel schlank und fit.)

Mir geht’s um den Leistungsgedanken, den Zwang, die Selbstkasteiung, die dahinter stehen: Ich MUSS den Marathon laufen. Ich MUSS den Mount Everest besteigen. Selbst auf Sardinien habe ich einen Jogger auf der Landstraße gesehen – bei 43 Grad im Schatten! „Junge, hau Dich an den Strand“, hätte ich am liebsten gerufen.

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Das Meer in Villasimius. Aber man kann natürlich auch joggen gehen. 😛

Was ist eigentlich los mit unserer Gesellschaft, dass wir glauben, auch noch in der Freizeit Leistung erbringen zu müssen? Warum liegen wir – als so ungefähr die Privilegiertesten auf dem Planeten – nicht in der Hängematte und chillen? Was müssen wir uns denn beweisen?

In seinem Buch „Gefühlsstau“ beschreibt der Psychologe Hans-Joachim Maaz den inneren Leistungszwang als Mittel, um ‚Liebe‘ verdienen zu wollen, als Ersatzhandlung für nicht gelebte Gefühle und aufgestaute Energien – damit meint er die DDR-Bürger, aber vielleicht gibt’s das auch im Westen…

Nur die Leichtigkeit zählt

Für mich selbst war es ja eine neue Erkenntnis, dass man keine Leistung bringen muss, um geliebt zu werden. (Danke, Frau Dr. Montessori!) Und spätestens seit meine eigene Leistungsfähigkeit gesundheitsbedingt etwas nachgelassen hat, bewerte ich das ganze Thema neu: Leistung ja, wenn sie mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit erbracht wird. Alles andere ist Quälerei und potenziell gesundheitsschädigend. (Das ist seeehr weit entfernt von der preußischen Arbeitsethik, mit der ich aufgewachsen bin und die mich in zwei Burnouts geführt hat.)

Interessanterweise sind es vor allem die Künstler, die wissen, dass man nichts erzwingen sollte. Bei diesem Porträt von Helge Schneider blieb mir direkt die Headline im Halse stecken: Wie jetzt? „Sich total anstrengen ist totaler Quatsch?!“ Damals war ich noch nicht so weit. 🙂 Heute lehren mich meine Stimmbänder jeden Tag, dass es nur mit Leichtigkeit geht.

Also, Ihr Lieben: Ihr müsst keinen Marathon laufen. Wir sind nicht auf der Welt, um etwas zu leisten. Seid lieb zu Euch selbst und genießt das Leben. Wie sagte die buddhistische Lehrerin Ayya Khema:

Wozu die Eile? Wir sind alle auf dem Weg zum Friedhof.

Ich möchte das gern abwandeln in: „Wozu der Stress? Wir sind alle auf dem Weg zum Friedhof.“ Dann machen wir uns doch den Weg dorthin so schön wie möglich, oder?

Übrigens hatte ich gestern meinen eigenen Velothon: eine Radtour entlang des herrlichen Berliner Mauerwegs (Empfehlung!) mit meinem Vater. Es waren 25 Kilometer. Oder so. Wir haben nicht gezählt.

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