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Ein einziger Arzt warnte mich: „Frau Krüger, bei Ihrem Job als Pressesprecherin wäre es vielleicht besser, wenn sie sich für die Strahlentherapie entscheiden. Damit riskieren Sie nicht Ihre Stimme.“ Hätte ich mal auf ihn gehört.

Dabei hatte ich mir das Krankenhaus, wo die Radiojodtherapie angeboten wurde, sogar angeschaut. Es gefiel mir besser als das andere, wo ich operiert werden sollte. Aber wieder einmal hörte ich nicht auf mein Bauchgefühl. Sondern auf meinen Verstand, der mir sagte: „Hey, Du hast die beste Schilddrüsenchirurgin der Stadt. Was soll schon schiefgehen?“

Alle Ärzte versicherten mir, das Risiko, dass bei einer Schilddrüsenoperation der Stimmbandnerv verletzt wird, liege (angeblich) bei unter einem Prozent. Bleibende Schäden gebe es nur bei jedem 500. Patienten. Eine davon bin ich.

Aufwachen und alles ist anders

Gleich nachdem ich aus der Narkose aufwachte, merkte ich, dass etwas nicht stimmte: Ich bekam keine Luft mehr. Am 2. oder 3. Tag nach der OP stellte ich fest, dass meine Stimme – gelinde gesagt – kaum noch Power hatte.

Der Stimmbandnerv war verletzt worden. Mein linkes Stimmband ist seitdem gelähmt.

Die Chirurgin kommentierte das mit einem lässigen: „Hund oder Mann werden Sie nicht mehr rufen können – aber sonst wird’s schon gehen.“ Oder so. Diese Art, Stimmprobleme zu unterschätzen und kleinzureden, sollte mir immer wieder begegnen. Ich selbst wusste nicht, was mir bevorsteht.

Eine erste Ahnung davon bekam ich bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, als ich irgendwas von den Schwestern wollte. Ich stand in der geöffneten Tür des Schwesternzimmers (also vielleicht 5 Meter entfernt) und rief: „Entschuldigung!“ Jedenfalls dachte ich das. Als keine der drei reagierte, schrieb ich das zunächst dem üblichen Berliner Charme zu.

Als beim dritten „Hallo!“ immer noch niemand antwortete, wurde mir klar: Die hörten mich nicht! Die nahmen mich gar nicht wahr! Ich drehte mich um und ging.

Lektion 1: Nicht gehört werden und nicht gesehen werden sind oft dasselbe. Plötzlich unsichtbar. Ach, du Sch…! Was stand mir noch bevor?

Und es ging weiter. Der erste Restaurantbesuch (und viele, viele weitere) – der Horror. Eigentlich reichte es schon, wenn mehrere Leute durcheinandersprachen. Laute Musik gab mir den Rest. Ich konnte nichts mehr zur Unterhaltung beitragen. Null. Zero. Zilch. Ich, die Storytellerin, die immer was zu erzählen hatte.

Alles, was noch ging, war zuhören. Aber sogar das strengte mich an.

Lektion 2: Lärm ist der Feind des Stimmpatienten. Wo Gesunde automatisch ein bisschen die Stimme anheben wegen der Hintergrundmusik, muss ich mich richtig anstrengen, um noch halbwegs vernommen zu werden.

Schöne laute Welt

Eine mahlende Kaffeemühle, ein knatterndes Motorrad oder Kindergeschrei bringen jede Unterhaltung für mich zum Erliegen. Dadurch bin ich insgesamt viel lärmempfindlicher und genervter geworden – selbst wenn ich gerade nicht spreche.

Mittlerweile sind die meisten Restaurants OK; Bars oder Clubs mit lauter Musik halte ich nicht lange aus. (Zudem legt sich der Rauch auf die Stimmbänder.) Länger gegen Geräusche anschreien müssen macht mir Kopfschmerzen. Mit anderen Worten: Ich gehe kaum noch aus.

Diskussionen mit mehreren Leuten sind anstrengend. Telefonkonferenzen: der Horror. Vor allem, wenn einer der Teilnehmer ein mächtiges oder besonders sonores Organ hat.

Was daran so schwierig ist? Erst, wenn es nicht mehr funktioniert, fällt einem auf: Eine „normale“ Unterhaltung sieht oft so aus, dass sich Menschen abwechselnd ins Wort fallen. Wieder und wieder.

Ich musste lernen, dass das nicht mehr geht. Denn mein Wortbeitrag wird nicht gehört. Manchmal versuche ich es trotzdem – zwei, drei Mal. Und denke: Sind die taub? 😮

Lektion 3: Ich muss andere ausreden zu lassen. Geht ja nicht anders. Manchmal kommt dann gegen Ende des Gesprächs meine Chance einzuhaken. Manchmal auch nicht, wenn sich die Runde plötzlich auflöst.

Dominanz per Stimme

Lektion 4: Sich durchsetzen in einer hitzigen Diskussion: schwierig. Dann noch ein paar Alphamännchen mit sonorer Stimme – keine Chance.

Oder jemand, der bewusst seine Stimme einsetzt, um zu dominieren. Ist gar nicht mal so selten. Manche Menschen haben ein denkbar aggressives Kommunikationsverhalten. Reden einfach über andere weg. Das passiert mir ständig. Und ich kann nichts dagegen tun.

Wenn ich mit Gewalt versuche, jemanden zu übertönen, fange ich an zu pressen. Dann kommt noch weniger raus. Die Atmung wird flacher, es geht immer schlechter. Ein Teufelskreis. Sich anstrengen bringt also nichts.

Seitdem unterhalte ich mich lieber mit introvertierten Menschen. Die hören zu und fallen einem nicht ständig ins Wort. Extrem Extrovertierte sind mir zu anstrengend. Und sie haben die Aufmerksamkeitsspanne von einem Goldfisch.

Die Lauten machen die Welt kaputt. ~ Rosemary Weissman

Versteht mich nicht miss

„Das Wetter ist toll.“ – „Ja, wir brauchen noch Milch.“ Solcherlei Dialoge kannte ich eigentlich nur von einem australischen Freund, dessen Akzent ich auf Deibel-komm-raus nicht verstehen konnte. Also verstand ich etwas anderes.

Heute erlebe ich das oft bei Gesprächspartnern. Sie verstehen einfach IRGENDWAS, wenn sie mich nicht richtig hören. Ich weiß nicht, ob es immer nur an mir liegt. Vielleicht gibt es viel mehr Schwerhörige, als wir denken.

Im Klamottenladen. Ich: „Ciao, schönen Feierabend!“ Verkäuferin: „Ja, es ist sooo kalt hier drin, die Klimaanlage ist wohl nicht richtig eingestellt.“ ?????? Meistens lasse ich das Missverständnis durchgehen – ist eh egal. So vieles ist überflüssig, was geredet wird.

Manchmal muss ich aber korrigieren und – höflich, wie ich bin – lasse ich es meistens wie meinen Fehler aussehen: „Ich meinte eigentlich…“

Lektion 5: Manchmal erzählt man die dollsten Sachen, ohne es zu wissen. 🙂

Ma mo mu oa ea hopp wopp sopp: Logopädie

Die OP ist jetzt fünf Jahre her. Fünf Jahre, in denen ich es mit Hilfe meiner Logopädinnen und der Atemtherapeutin geschafft habe, meine Stimme ganz gut wieder hinzukriegen. Nach vielleicht 200 Stunden Therapie und zwei Reha-Aufenthalten.

Eines Tages begrüßte mich meine Logopädin in ihrer Praxis mit einem kläglichen Krächzen: Eine Halsentzündung hatte sie böse erwischt. Nachdem wir uns über die Ironie der Situation amüsiert hatten, fragte ich sie: „Und, wie isses so für Sie?“

Sie wusste sofort, was ich meinte. „Nun ja,“ meinte sie. „Man wird irgendwie ganz anders wahrgenommen. Die Bäckersfrau hat mich vorhin angeblafft, als sie meine Bestellung nicht verstehen konnte: Was?! Und die Blumenfrau guckte mich ganz böse an, weil sie dachte, ich hätte nicht gegrüßt. Dabei war ich wohl einfach zu leise. Jetzt weiß ich ungefähr, wie meine Patienten sich fühlen…“

Lektion 6: Eine schwache Stimme wird mit einer schwachen Persönlichkeit assoziiert. Da kann man mit der Dampfwalze einfach mal drüber.

Du bist deine Stimme

Ihr macht Euch keine Vorstellung, WIE STARK die Stimme auf das Gesamtbild einer Persönlichkeit wirkt. Einmal war Dieter Bohlen heiser bei DSDS und konnte seine fiesen Sprüche nur noch piepsen. Autorität? Witzigkeit? „Pop-Titan“? Pffff.

Oder schaut Euch diesen Youtube-Klassiker an. (Ja, auch ich kann mich darüber kaputtlachen. Aber stellt Euch diese Menschen mal bei einem Bewerbungsgespräch vor. Oder auf dem Amt. Am Telefon. In einem vollen Restaurant.)

 

Stimme, Stimmung, Stimmigkeit

Stell Dir vor, Du hättest ein Blaulicht auf dem Kopf, dass jedesmal Alarm schlägt, wenn Du – nun ja, sagen wir mal: emotional beteiligt bist bei einem Thema. Oder einfach nur gestresst. So ist es bei mir. Es gibt Situationen, wo meine Stimme „kippt“.

Bei UnSTIMMIGkeiten, Aufregung, im Konflikt. Manchmal weiß ich es vorher, manchmal bin ich überrascht. Und manchmal ist die trockene Luft der Klimaanlage schuld oder ein nervtötender Milchaufschäumer. Manchmal passiert es einfach so.

Irgendwo anrufen und vor Aufregung nur noch piepsen können. In einer Verhandlung plötzlich anfangen zu krächzen. Sich von einem Moment auf den anderen in Eddie Murphy verwandeln.

Lektion 7: Stimme gleich Stimmung. Die Stimme ist ein Verräter.

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Auch „Stimmigkeit“ kommt von „Stimme“: Was ist stimmig in meinem Leben, was nicht? Diese Frage begleitet mich seit der Stimmbandlähmung. Meine Stimme zeigt es mir an – ziemlich zuverlässig. Denn der Kehlkopf ist so aufgehängt, dass jegliche Verspannung im Körper sofort Auswirkungen auf die Stimme hat.

Gleiches gilt für den Kiefer. Der wertvollste Tipp aller Zeiten von meiner Atemtherapeutin: „Ist der Kiefer entspannt, ist der Körper entspannt.“ Einfach mal ausprobieren. Falls Ihr Einschlafprobleme habt: Lasst mal den Kiefer hängen…

Lektion 8: Die Stimme ist auch ein Wegweiser geworden, den ich nicht mehr missen möchte.

Fazit: Viel reden ist anstrengend. Laut reden ist anstrengend. Telefonieren ist anstrengend. Viel zuhören ist anstrengend. Lärm ist ein permanenter Störfaktor – und in der Großstadt ist er überall. Ratschläge sind auch Schläge. („Vielleicht mal mit Salbei gurgeln…“) Öfter mal die Klappe halten kann auch ganz schön sein. Unsicherheitsfaktor: Nicht wissen, was rauskommt, wenn man den Mund aufmacht.

Die Pressesprecherin, die nicht mehr sprechen kann. Das Universum hat Humor.

Einigermaßen normal

Mittlerweile klingt meine Stimme wieder normal – meistens. Also, zuhause entspannt auf der Couch. Alles andere ist eine Belastung. Längeres Telefonieren, Vorträge, Leute treffen – kräftezehrend.

Richtig laut geht immer noch nicht. „Es ist physikalisch“, sagt die Phoniaterin. „Sie werden nie wieder die Durchdringungsfähigkeit haben wie vorher. Ihrer Stimme fehlen bestimmte Frequenzen.“

Lesung SMW HH

Bloglesung auf der Social Media Week in Hamburg. Ich trage mein Marktschreier-Set: Mikro + Lautsprecher am Gürtel. Neben mir Wasser, um die Stimmbänder feucht zu halten.

Es hat Jahre gedauert, aber ich kann jetzt wieder eine kurze Unterhaltung von Zimmer zu Zimmer führen. Jemanden von hinten rufen! Ich hab richtig gefeiert, als das wieder ging. (Lange Zeit musste ich zu demjenigen hinlaufen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.)

Der Mensch ist kaputtbar

Ich hatte sehr damit zu kämpfen, plötzlich ein Defizit zu haben. Nicht zu funktionieren. Nie wieder so zu funktionieren wie andere. Es gibt Menschen, die haben viel heftigere gesundheitliche Probleme, gehen aber anders damit um. Ich weiß jetzt, dass ich sehr schwer damit klarkomme.

Im Netz gibt es diese Filmchen, die die Amis „inspiration porn“ nennen: „Ich hab keine Arme, bin aber trotzdem Surfweltmeisterin geworden.“ Ihr wisst, was ich meine. Bei mir war es anders. Nicht mehr zu können, wie ich will, hat mich zutiefst verunsichert.

Es gab einmal einen Punkt, an dem ich dachte: Wenn es so bleibt, weiß ich nicht, ob ich so leben will. Nicht gehört zu werden (damals im Job gleich doppelt: inhaltlich UND akustisch), nicht mehr wahrgenommen zu werden, mich als Person nicht mehr so ausdrücken zu können, wie ich will – das war für mich ein tiefer Einschnitt in meine Lebensqualität, ja, meine Identität. Ich war nicht mehr ich.

Vielleicht traf es mich so hart, weil ich an Worte glaube. Ich hab schon als Kind ununterbrochen geredet. Worte sind mein Medium; ich lebe durch Sprache – für andere ist es vielleicht Bewegung. Oder Musik, Farben, Texturen. Manche Menschen erschließen sich die Welt über Zahlen. Whatever.

Ich habe mal einen TV-Beitrag über eine Opernsängerin gedreht. Eine spröde Frau; ich fand keinen Zugang zu ihr. Bis sie anfing zu singen. Alles, was sie war, packte sie in ihren Gesang. Da verstand ich sie. Undenkbar, dass diese Frau eines Tages nicht mehr singen könnte…

Würde ich alles rückgängig machen, wenn ich könnte? Ich weiß es nicht. Immerhin habe ich sehr viel gelernt. Ich bin jetzt jemand anders. Ich rede weniger und schreibe mehr. Und wahrscheinlich ist das gut so.

Der Verlust macht Künstler aus uns allen und lässt uns neue Muster in den Stoff unseres Lebens weben. ~ G.W. Crosby

Titelfoto: Ryan Pouncy, Unsplash.com
Gif via giphy.com
Foto Lesung: privat
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