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Wenn es ein Gefühl gibt, das mir am häufigsten im Berufsleben begegnet ist, dann ist es die Angst. Nun sind wir Deutschen ja sowieso bekannt für unsere German angst – in dem Maße, dass wir sogar das Wort exportiert haben.

In Unternehmen verhindert Angst ein (fast möchte ich vermessenerweise sagen: entspanntes) Miteinander auf Augenhöhe. Dabei wollen das doch angeblich so viele: Firmenbosse, Führungskräfte, Mitarbeiter. Aber so einfach scheint es nicht zu sein. Irgendwie kippt die Wippe doch ganz gern – meist in Richtung Chefetage.

Das Problem mit der Angst: Sie frisst das Vertrauen der Menschen auf. Eine der beiden Parteien fängt an, sich von Angst leiten zu lassen – und schon nimmt das Unglück seinen Lauf.

So denkt das ängstliche Unternehmen:

  • Existenzangst: „Der ruiniert mich!“
    Gerade, wenn es finanziell eher schlecht läuft für den ganzen Laden, kann man schon mal paranoid werden als Unternehmer oder Führungskraft. Und anfangen, den Kaffee zu rationieren und die Toilettenpausen mit der Stoppuhr zu beaufsichtigen. (Ich denk mir das nicht aus.)
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  • Verlustangst: „Wenn die geht, bricht hier alles zusammen!“
    Wohl der Angestellten, die so fest im Sattel sitzt. Momentan gilt das auf dem Arbeitsmarkt beispielsweise für Developer. (Oder sonstige Leute mit Spezialkenntnissen oder sehr großer Erfahrung.) Alle anderen sind ja leicht ersetzbar.Zumindest glaubt das die Geschäftsleitung, die oft den einmaligen Wert eines Angestellten bzw. das damit verbundene Risiko gar nicht erkennt. Manchmal gibt es auch jemanden, der die Leichen im Keller der Oberhäuptlinge kennt und deshalb Narrenfreiheit hat. Womit wir beim nächsten Punkt wären.
  • Angst vor Verrat: „Wenn der quatscht…“
    Gerade in unserer vernetzten Zeit ist das Risiko, dass Betriebsinterna nach außen dringen, nicht mehr beherrschbar. Das kann ohne böse Absicht geschehen wie bei dem Siemens-Mitarbeiter, der ein Video des firmeninternen Healthineers-Events für seine Kollegen online stellte – und damit einen weltweiten Shitstorm auslöste. (Zu Recht! Was soll der Scheiß?)Um Betriebsgeheimnisse weiterzuverbreiten, gibt es heute jede Menge technischer Möglichkeiten.Oder der Geheimnisträger läuft gleich zur Konkurrenz über – blöd, wenn er dann keine entsprechende Klausel im Arbeitsvertrag hat.

    Last but not least gibt es Whistleblower, die wahlweise Wikileaks, die Aufsichtsbehörde, die Staatsanwaltschaft oder gleich die Presse über Missstände informieren. Frei nach ihm hier:

“Speaking the truth is not a crime.” Reporter ohne Grenzen – found in Kreuzberg submitted via Email by Simone

  • Angst vor Einigkeit: „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will“
    heißt es im bekannten Arbeiterkampflied. Ein Glück für die Arbeitgeber, dass sich die wenigsten Mitarbeiter ihrer Macht bewusst sind. Um ganz sicher zu gehen, dass sich ihr Team nicht gegen sie verbündet, nehmen sich viele Führungskräfte ein Beispiel an den alten Römern: „Teile und herrsche!“ Leider ist das immer noch sehr effektiv.
  • Angst vor Kriminalität: „Der trägt mir hier die Ware raus!“
    Lidl machte 2008 mit der Bespitzelung von Mitarbeitern Schlagzeilen. Die Angst von Arbeitgebern vor Betrug und Kriminalität war hier außer Kontrolle geraten.Andererseits vernachlässigen viele Unternehmen die einfachsten Sicherheits- und Compliance-Maßnahmen wie das 4-Augen-Prinzip. Oder ahnden Betrug nicht, wenn er praktischerweise dem Unternehmensziel dient. Ein fatales Signal an die Mehrheit der ehrlichen Mitarbeiter. (Auch das denke ich mir nicht aus.)
  • Angst vor Sabotage: „Der sitzt hier nur noch seine Zeit ab.“
    Ja, auch solche Mitarbeiter gibt es. Andererseits muss man sich als Arbeitgeber auch fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte.Ist es das Ergebnis von jahrelangem Frust, liegt es an der fehlenden Qualifikation oder hast jemand einfach nur einen schlechten Charakter? Soll’s ja auch geben. Es ist leider so: Vertrauen wird nicht immer mit Vertrauen belohnt. Aber meistens.

Hemingway Vertrauen.001

Und wie sieht es bei den Mitarbeitern aus? Auch die drehen am Rad ihrer Ängste – ob nun berechtigterweise oder nicht:

  • Verlustangst: „Die schmeißen mich raus.“
    Der Fall einer Leserin hat es gezeigt: In Deutschland ist ein unbefristeter Arbeitsvertrag nichts wert. Jedenfalls bietet er keine Sicherheit, denn man kann jederzeit ohne Grund gekündigt werden. Das geht ratzfatz. Den Arbeitgeber kostet das eine kleine Abfindung (von der nach Steuern und Anwaltskosten nur wenig übrig bleibt). Ausnahmen sind natürlich Unternehmen mit Tarifverträgen und einem Betriebsrat – ansonsten ist man ganz schnell draußen.
  • Existenzangst: „Ohne diesen Job bin ich verloren.“
    Naja, hier wird dramatisiert. Allein das Wort Existenzangst: Als ob ich aufhöre zu existieren, weil ich keinen Job (oder halt einen anderen) habe. Das ist ein Tunnelblick, der von Arbeitgebern und Kollegen oft dankbar forciert wird. In diesem Fall passt der Spruch von Fritz Perls:

    Angst ist Mangel an Alternativen.

  • Angst vor dem Unbekannten: „Hilfe, was kommt jetzt auf mich zu?“
    Umstrukturierungen lösen regelmäßig Panik bei Mitarbeitern aus. Werde ich woanders hin versetzt? Bekomme ich intern einen neuen Job? Muss ich mich in ein neues Thema einarbeiten? Das (Berufs-)Leben könnte sogar ganz spannend sein, wenn es nicht mit so vielen Ängsten besetzt wäre. Und wenn nicht die letzte Umstrukturierung erst vor sechs Monaten gewesen wäre…
  • Angst vor Manipulation: „Was steckt wirklich dahinter?“
    Manche Mitarbeiter haben die Fähigkeit, zwischen den Zeilen der Unternehmsbotschaften zu lesen, so perfektioniert, wie ich es früher nur aus der DDR kannte. 🙂 Sie sind halt gebrannte Kinder.Gerade die älteren Kollegen hat das Leben gelehrt, dass meistens etwas anderes hinter den offiziellen Verlautbarungen steckt. Frei nach dem Motto: „Erwarte stets das Schlechteste und du wirst nicht enttäuscht.“

    Hinzu kommt: In vielen Unternehmen gilt die Fähigkeit, den Untergebenen ungerührt ins Gesicht zu lügen, immer noch als ausgemachte Führungsqualität. Im Büro eines Kollegen hing eine Postkarte mit folgendem Spruch an der Wand:

    Gute Führung ist, wenn der Mitarbeiter so gekonnt über den Tisch gezogen wird, dass er die entstehende Reibung als Nestwärme empfindet.

    Das hing da so – für alle Mitarbeiter sichtbar. Und ich wette, die konnten sogar zusammen darüber lachen. Denn nach diesem Drehbuch spielten sie ihr Businesstheater…

  • Angst vor Demütigung: „Die machen mich fertig.“
    Die Angst, gedemütigt, degradiert (Fachausdruck: „enteiert“), ja gemobbt zu werden – traurig, dass es das noch gibt.
  • Angst vor Fehlern: „Oh Gott, was hab ich getan?!“
    Je mehr Verantwortung der Einzelne bekommt, desto größere Konsequenzen haben Fehler. Da gibt es dann zwei Sorten Mäuse: Die einen setzen ungerührt fette Beträge in den Sand (in der Chefetage gerne auch ein paar Millionen) – die anderen haben wegen einer falschen Formulierung schlaflose Nächte.
  • Versagensangst: „Ich bin nicht gut genug.“
    Das geht schnell heute, dass man sich nicht gut genug fühlt – kein Wunder angesichts der überzogenen Anforderungen vieler Arbeitgeber. Da braucht man sich nur mal ein paar Stellenanzeigen durchzulesen – schon fragt man sich, wo es solche Übermenschen eigentlich gibt. Und auch hier gibt es Führungskräfte, die bewusst mit solchen Ängsten der Untergebenen spielen. So verhindert man auch geschickt lästige Nachfragen nach Gehaltserhöhungen…

Wer also Augenhöhe in seinem Unternehmen fördern möchte, sollte genau hinschauen, wo Ängste sie verhindern. Und dann ganz viel in den Aufbau von Vertrauen investieren.

 

Titelfoto und Zitatfoto: Pixabay
Plakat: Reporter ohne Grenzen
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