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Manchmal hört man eine Geschichte und bekommt sie nie wieder aus dem Kopf. Auf der DVD „Marshall Rosenberg: Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation“* gibt der Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation sinngemäß Folgendes zum Besten:

Eine Frau aus dem Publikum kam nach der Veranstaltung zu Rosenberg und sagte äußerst frustriert, ja aggressiv zu ihm: „Ihr Vortrag ging viel zu lange – und ich muss jetzt noch nach Hause und das Abendessen kochen!“ Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass die Frau es hasste zu kochen. Aber ihr Mann und ihre Söhne erwarteten es von ihr.

Also zwang sie sich jeden Abend, ein warmes Essen auf den Tisch zu bringen. Seit vielen Jahren. Marshall Rosenberg schlug ihr vor, diese verhasste Tätigkeit einfach einzustellen – und gleich heute damit anzufangen. Die Frau ging nach Hause und teilte ihrer Familie mit, dass sie es hasse zu kochen und ab heute nicht mehr kochen werde. Und wie reagierte die Familie?

Große Erleichterung machte sich breit! 😀 „Endlich müssen wir deine schlechte Laune beim Abendessen nicht mehr ertragen“, sagte einer der Söhne und machte sich ein Sandwich. Ab und zu kochte der Ehemann, ab und zu gab es belegte Brote, Take-out oder die Familie ging mal ins Restaurant.

Köchin wider Willen

Ein Problem, das die Frau jahrelang belastet hatte und das sie für unlösbar gehalten hatte, hatte sich in Luft aufgelöst. Ich kann mir richtig vorstellen, welche Felsbrocken ihr vom Herzen fielen

Was war geschehen? Sie hatte endlich „Nein“ zum Kochen gesagt und damit ihre Bedürfnisse klar geäußert. So hatte sie sich davon befreit, jeden Tag etwas tun zu „müssen“, was sie hasste. Denn warum sollte sie sich ständig quälen, um die vermeintlichen Bedürfnisse anderer zu befriedigen?

Ich höre schon den Aufschrei: „Aber Moment! Wenn das nun jeder machen würde? Was, wenn alle Eltern plötzlich das Kochen einstellen würden? Was, wenn der Müllmann keine Lust mehr hätte und die Arbeit einfach einstellen würde? Nur, weil er es hasst? Was ist mit Pflichterfüllung? Disziplin?“

Natürlich gibt es Pflichten, die man erfüllen muss – aber es sind viel weniger, als wir denken.

Pflichten, die gar keine sind

Die Frau, die nicht kochen wollte, hatte jahrelang jeden Abend eine Tätigkeit ausgeführt, zu der sie sich immer wieder überwinden, ja zwingen musste. Kochen war für sie eine Qual, machte sie aggressiv und – wie sich Jahre später herausstellte – hatten auch die anderen Familienmitglieder verdammt wenig Spaß an der Sache.

Nur weil die Frau in der falschen Annahme lebte, das abendliche Kochen werde von ihr erwartet. Am meisten erwartete sie es wohl von sich selbst. Sie wollte ja eine gute Mutter und Gattin sein.

Vielleicht hatte sie auch noch andere Normbilder im Kopf: von der glücklichen Familie, die gemeinsam dinierte. Leider sah die Realität anders aus. Vier Menschen, die sich jeden Abend durch ein angespanntes Abendessen quälen – wozu?

Ich habe zum Beispiel irgendwann das Bügeln aufgegeben. Gezwungenermaßen, denn es war einfach keine Zeit mehr dafür zwischen Vollzeitjob, Fernstudium und Prüfungen. Außerdem schob ich es immer ewig vor mir her. Über Wochen stapelte sich die ungebügelte Wäsche im Wohnzimmer, bis ich mich endlich überwand und das Bügeleisen in die Hand nahm.

Jedes Mal bekam ich Rückenschmerzen davon. Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich es hasste, bevor ich damit aufhörte. Jetzt lebe ich ohne Bügeln und ich kann Euch sagen: Es ist toll! Ich habe meine Garderobe auf bügelfreie Kleidung umgestellt – es funktioniert. Das meiste zieht sich eh am Körper glatt. 🙂

Hausarbeit – nein danke

Ich bin wirklich nicht so die Hausfrau, also nahm ich das nächste Problem ins Visier: Staubsaugen ist mir seit jeher verhasst. Auch davon bekomme ich Rückenschmerzen. Aber vermeiden lässt es sich nicht. Oder?

Doch! Zu meinem 40. Geburtstag sagte ich endlich Nein zum Staubsaugen und gönnte mir einen Staubsaugerroboter. Heute frage ich mich, warum ich das nicht schon viel früher getan habe. Die beste Erfindung seit der Geschirrspülmaschine!

Wenn ich nun ab und zu mal zum Staubsauger greife, um schwierige Ecken zu saugen, macht mir das nichts aus. Und das Aufräumen und Wischen geht mir viel leichter von der Hand, seit ich nicht mehr staubsaugen „muss“.

Siehst Du die unbegrenzten Möglichkeiten? Du hasst es abgrundtief zu putzen? Investiere in eine Putzfrau! Es lohnt sich, denn Du befreist Dich von dieser quälenden Tätigkeit und verschaffst Dir mehr Zeit für Dinge, die Du gern tust.

Du hasst es, Flaschen in den vierten Stock zu schleppen? Lass Deine Getränke liefern. Natürlich, diese Lösungen kosten Geld. Aber wie viel Geld werfen wir aus dem Fenster für Dinge, die wir nicht brauchen oder die uns sogar schaden?

Du hasst Deinen Job? Such Dir einen neuen. Oder mach Dich selbstständig.

Der zweite Satz

Voilà: Der zweite Satz, der mich sehr entlastet hat, lautet: „Du musst nicht.“

Wenn das mal keine guten Nachrichten sind!

  • Ich muss gar keine Karriere machen. Ich kann auch einfach versuchen, ein schönes Leben zu haben, Neues auszuprobieren und mein Potenzial zu entfalten.
  • Ich muss gar nicht so sein wie die anderen. Die anderen gibt’s ja schon.
  • Ich muss auch nicht unbedingt heute noch zu Rossmann. Kann auch morgen gehen oder nächste Woche. (Man wird dann sehr kreativ, um Mängel zu überbrücken. 😀 Manchmal merkt man auch, was man eigentlich alles gar nicht braucht.)
  • Ich muss auch nicht zu bestimmten „Pflichtterminen“, denn es gibt keine mehr. (Ämter, Anwaltstermine, TÜV und sowas mal ausgenommen.) Aber eine Party oder ein Event, auf das ich keine Lust habe, muss ohne mich auskommen. Ist letztlich besser für beide Seiten. 😉
  • Ich muss mich nicht mit unangenehmen Leuten abgeben.
  • Ich muss keinen Job machen, der mir widerstrebt.
  • Ich muss keine schlechten Texte lesen.
  • Ich muss keinen Konventionen entsprechen – es sei denn, ich möchte es gern.
  • Ich muss keine gute Miene zum bösen Spiel machen.

Eigentlich müssen wir alle verdammt wenig, wenn man mal genau hinschaut. Und wenn ich wieder mal das Gefühl habe, etwas trotz heftigen inneren Widerstands zu „müssen“, dann denke ich an die unglückliche Frau, die viele Jahre lang jeden Abend gekocht hat. Weil sie dachte, sie müsse.

PS: Hier geht’s übrigens zum 1. Teil dieses Artikels und damit zum 1. entlastenden Satz.

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Titelfoto: Unsplash, Kupono Kuwamura

 

 

 

 

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