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„Auf Augenhöhe arbeiten, das war für mich eigentlich immer selbstverständlich“, sagte neulich jemand. In mir rumste es. Denn das war es für mich auch!

Deshalb irritiert es mich langsam, dass mir ständig Geschichten über Chefs begegnen, die sich vom Saulus zum Paulus gewandelt haben, ihre Mitarbeiter jetzt anständig behandeln  und die dafür gefeiert werden wie nix Gutes. Zum Beispiel hier.

Wahnsinn, der Mann hat entdeckt, dass seine Ressourcen Menschen sind. Und dass man sie entsprechend behandeln sollte. Schade, dass der Friedensnobelpreis schon vergeben ist für dieses Jahr.

Entschuldigung?! Wieso wird jemand für etwas derart Selbstverständliches gefeiert? Und komischerweise sind es immer Männer. Männer, die sich von ihrer Frau anregen ließen. Männer, die plötzlich Kommunikation (und auch noch auf Augenhöhe – Wahnsinn!) für sich entdeckt haben. Vielleicht sogar ihre Gefühle? Männer, bei denen der BWL-Sprech immer wieder durchscheint, übrigens. Scheinbar ist „die späte Läuterung das neue Hobby der Old Boys“, wie mein Twitter-Kumpel Low Performer schrieb.

In der Dramaturgie nennt man das Fallhöhe: Jemand, der ein Arschloch war und sich bessert, ist per se interessanter als jemand, der schon immer fair war. Das ist wie in der Schule: Wenn das Legasthenikerkind lesen gelernt hat, wird es gelobt. Das Kind, das schon vor der Einschulung lesen konnte, aber nicht. Im Gegenteil, es nervt, der kleine Klugscheißer! 😛

Zugegeben, manch einem Chef nehme ich eine tiefgreifende Transformation ab. Ich ahne auch, wie einige Männer sozialisiert wurden und wie schwer es sein muss, das hinter sich zu lassen. Menschen können sich ändern und dazulernen. Ich habe Respekt vor jedem, der das tut. Da kriege ich Gänsehaut.

Aber einfach mal bisschen netter zu seinen Leuten sein, damit die Rendite wieder stimmt und dann rumrennen und so tun, als wäre man Jesus höchstpersönlich, der zudem noch das Rad neu erfunden hat – geht mir weg!

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Auch der komplette Kulturwandel, der Bodo Janssen bei der Hotelkette Upstalsboom gelungen ist, ringt mir Respekt ab. Einfach, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass so etwas wahnsinnig schwer (um nicht zu sagen: fast unmöglich) ist. Mich stört, sich fast schon personenkultartig dafür feiern zu lassen – warum?

Ich habe in einer HORG (Hierarchie-Organisation), in dem Augenhöhe nicht selbstverständlich war, eine Insel aufgebaut (meine kleine Stabsstelle), in der wir gut miteinander umgegangen sind. Weil ich es nicht anders kannte. Und konnte. Und wollte.

Das hat keine Sau keinen Menschen interessiert. Wie man führt, war egal. Führungskräfte, die ihre Leute in die Psychiatrie gemobbt hatten (aka Arschlöcher), wurden befördert. Das macht mich heute noch wütend.

Glückliche Mitarbeiter waren weder Teil der Unternehmensziele, noch wurde das Erreichen dieses nicht vorhandenen Ziels honoriert. Logisch. Die Prioritäten lagen woanders, nämlich – mangels besserer Ideen – beim Kostensparen. Und der Mensch verhält sich intelligent innerhalb des Systems. Von ein paar wenigen Unverbesserlichen abgesehen. 😉 Aber die machen den Unterschied.

Das Sozialverhalten war nicht einmal Teil der jährlichen Feedbackgespräche, geschweige denn, dass es auf den Zeugnissen auftauchte. (Ich hatte versucht, das zu ändern, erinnere mich aber nicht, was dabei rauskam. Vermutlich hatte ich nach dem dritten Nachfragen keinen Bock mehr. So sterben ja viele Ideen in HORGs.)

Was ich damit sagen will: Es gibt so viele Führungskräfte und Mitarbeiter, Männer und Frauen, die schon lange, einige ihr ganzes Leben lang auf Augenhöhe miteinander gearbeitet haben.

Die natürlich auch ständig an sich selbst arbeiten – von nix kommt nix. Die vielleicht auch nicht als Mister oder Miss Sozialkompetenz geboren wurden (so wie mein Oberhäuptling, dieses Naturtalent 😀 ).

Die unter widrigen Umständen einen Raum schaffen, eine Blase von mir aus, in der man Luft holen kann und Mensch sein darf. Und die null Anerkennung dafür bekommen oder sich sogar noch rechtfertigen müssen.

Deshalb an dieser Stelle ein Katzenbabybild für Euch: Ihr seid großartig. Gebt nicht auf! ❤

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Und auch für die ist es nicht einfach. Selbst mit den besten Absichten kann man vom Weg abkommen.

Fünfzehn Jahre zuvor: Ich stand (damals noch) rauchend auf dem Balkon unseres Großraumbüros, als Suse aus meinem Team sich dazugesellte. Unvermittelt brach sie in Tränen aus. Ich erschrak und fragte sie, ob bei ihr alles OK sei. „Nein!“, brach es aus ihr heraus. „Gar nichts ist OK! Ich habe das Gefühl, ich werde hier gar nicht mehr als Mensch gesehen! Nur noch als Arbeitskraft!“

Ich war schockiert. Suse war unsere Beste, talentiert, engagiert und absolut zuverlässig. Jemand, den man landläufig als Leistungsträgerin bezeichnet. (Wie doof das klingt. Sagen wir einfach: Sie hatte es drauf.) Wenn es nicht lief oder schnell gehen musste, rief ich sie herbei. Die Arbeit mit ihr war ein Selbstläufer – zumindest hatte ich das gedacht.

Suse war ja immer da, wenn man sie brauchte und lieferte immer höchste Qualität ab. Und wir waren doch alle ein super Team?! Ja, das waren wir. Aber gleichzeitig litten wir unter den ungünstigen Rahmenbedingungen unserer Arbeit: hoher Termindruck, chronische Unterbesetzung des Teams, schlechte technische Ausstattung.

Wir waren auch Opfer unserer eigenen hohen Ansprüche, unseres Perfektionismus. Mit unzureichenden Mitteln wollten wir Grandioses abliefern. Für dieses Ziel trieben wir nicht nur uns selbst als Führungskräfte, sondern auch die Teammitglieder an ihre Grenzen.

Praktikanten, die nur für wenige Wochen bei uns waren, hatten sich entsetzt gezeigt, wie wenig wir privat miteinander sprachen. Wir merkten das gar nicht mehr. Es war einfach keine Zeit dafür. Trotzdem hatten wir alle ein gutes Verhältnis zueinander – was sich darin zeigte, dass Suse mir ihr Herz ausgeschüttet hatte.

Und mir war nichts aufgefallen! Ich war entsetzt, dass ich mich von „den Umständen“ so weit hatte treiben lassen. Ihr Zusammenbruch machte mir bewusst, dass ich dabei war, meine eigenen Mitarbeiter (und mich selbst) zu verheizen. Und dass ich ihnen (und mir selbst) zu wenig Aufmerksamkeit widmete.

Dabei hatte ich mich doch immer als gute Chefin gesehen! Bis heute bin ich Suse sehr dankbar für die offenen Worte, denn sie forderten mein Selbstbild heraus und lehrten mich, menschliche Beziehungen eben nicht als Selbstläufer anzusehen – und mich auch um die Mitarbeiter zu kümmern, die es scheinbar nicht brauchen. Die Klugscheißerkinder, die Alleskönner.

15 Jahre später in einer HORG. Während eines Führungskräfteseminars sollten wir Teilnehmer uns gegenseitig einen Zettel auf den Rücken kleben und jeweils eine positive Eigenschaft des Gegenübers draufschreiben. Dann liefen wir durch den Raum und ergänzten alle Zettel – solange, bis jeder so um die zehn Attribute auf dem Rücken trug – von jedem Kollegen eins. Eine schöne Idee, ich steh ja auf so Verspieltes.

Manchmal war es schwierig, weil man die Kollegen nicht so gut kannte. Deshalb fand ich auch Blabla auf meinem Zettel: offen, kompetent, sympathisch und so. (Die kannten mich eindeutig nicht – hehe, Scherz. 😉 )

Dann fiel mein Blick auf ein Wort, das mir für einen Moment die Sprache verschlug:

menschlich

Jemand hatte mich erkannt. (Und ich weiß auch wer.) Ich habe diesen Zettel sehr lange aufgehoben, um mich selbst daran zu erinnern, was ich bin, was ich sein möchte. Dieses Wort bedeutet mir mehr als jede Abfeierei.

Titelfoto: Gratisography

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