Schlagwörter

, , , , ,

Als ich angefangen habe, aktiv zu twittern, war sein Account einer der ersten, dem ich gefolgt bin. Allein schon der Name: @Low_Performer. Der Knaller! *grins* (Ein „Low Performer“ ist im HR-Sprech ein „Minderleister“.) Dieser Unbekannte twittert anonym aus seinem #Konzern, postet anonymisierte E-Mails, selbst kreierte Business Facts, aber auch Erlebnisse mit #Chefin.

Der geheimnisvolle Twitterer und Büronymus sind schon länger in Kontakt, aber nie klappte es mit einem Interview. Jetzt aber! 🙂 Vor ein paar Tagen trafen wir uns in einem Café.

Was kann ich Euch über den Low Performer berichten, ohne zu viel über seine Identität zu verraten? Nach dem Studium heuerte er bei einem traditionellen Konzern an – und arbeitet bis heute dort, allerdings in einem anderen Unternehmensteil.

Im Gespräch wirkt er ruhig, bedächtig – wie einer, der sich Gedanken macht. Manchmal kommt er beim Erzählen ins Stocken – um dann mit umso mehr sprachlicher Wucht einen Treffer zu versenken. Das war unser Gespräch:

Büronymus: Du twitterst aus dem geheimnisvollen #Konzern. Was frustriert Dich am meisten?

Low Performer: Du kommst rein, lernst die Regeln, wie etwas funktioniert. Und kriegst dann mit, wie selbstverständlich die Leute, je höher sie kommen, diese Regeln brechen. Je höher die hierarchische Position, desto mehr kommt die Denkweise: „Das steht mir zu.“ Die Leute werden unverschämt, die Maßstäbe verschieben sich.

Ich glaube aber nicht, dass das im Menschen angelegt ist. Sie beobachten das bei anderen und imitieren, um zu sehen: Was kann ich mir erlauben?

Kannst Du mal ein Beispiel nennen?

Bei uns werden z.B. die Gehälter nach gewissen Regeln festgesetzt. Die Vorstände aber streichen der einen willkürlich die Zulagen („Die verdient schon so viel“), ein anderer bekommt dafür einfach einen Zuschlag, der ihm formal gar nicht zusteht. Wenn es bei 2.000 Mitarbeitern zwei Ausnahmen gibt, ist das OK. Aber 120 Ausnahmen bei 2.000 Leuten – das sind keine Ausnahmen mehr.

Erst heißt es von #Chefin: Wir müssen den Vorstand steuern. Kurz danach kommt sie aus einem Meeting mit ihm und sieht alles ganz anders. Die Führungskräfte haben überhaupt kein Problem damit, ihre Meinung um 180 Grad zu drehen.

Hierarchien begünstigen ungerechte Entscheidungen.

Natürlich bekommen die Mitarbeiter das mit. Einmal wurde ich von einem Teamleiter eingeladen, weil es Unruhe in seinem Team gab. Die Leute fühlten sich ungerecht bezahlt, vermuteten Extrawürste für ausgewählte Mitarbeiter.

Ich stell mich da hin, quasi als Hüter der Fairness, erkläre die Regeln, versuche Vertrauen aufzubauen, dass wir diese achten – und hinterher komme ich zurück ins Büro und #Chefin kreiert wieder einen Sonderfall, der gegen alle Regeln verstößt. Da ging es mir richtig schlecht.

Wenn es so schrecklich ist – was hält Dich im #Konzern? Du hast mir mal gesagt, Geld ist Dir nicht so wichtig?

Was hält einen? Nach dem ersten Interview habe ich viel darüber nachgedacht, es kamen auch viele Rückfragen dazu. Ich kann Dir nur eine absurde Antwort darauf geben:

Es halten einen genau die Schäden, die durch die HORG entstanden sind.

Es gibt nicht den einen Grund, eigentlich gibt es überhaupt keinen logischen Grund. Es ist eher wie ein Gift, das sich in den Körper schleicht: Das Bauchgefühl, die innere Stabilität stirbt ab.

Das ist krass, was Du beschreibst. Das würde ja bedeuten: HORGs produzieren ihre eigenen Gefangenen. Man baut sich eine Art inneren HORG-Käfig. Mir läuft es gerade kalt den Rücken runter. Aber das deckt sich mit meiner Erfahrung. Ich hatte ja sogar Angst, dass ich irgendwann so schwach bin, dass ich es gar nicht mehr rausschaffe.

Dieses Auf-sich-selbst-Vertrauen, das Selbstvertrauen eben, geht verloren. Im Mikromanagement kann man sich nicht entwickeln, alles muss mit #Chefin abgesprochen werden, man lebt ständig in der Angst, Fehler zu machen.

Alles in einem wird durchgerüttelt, man weiß nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Obwohl man das früher ganz genau wusste und sich das nie ändert.

Ich nenne das den inneren Kompass, der verloren geht. Genauso war es bei mir auch. Oft hab ich mich gefühlt wie eine Geisterfahrerin. Offenbar waren alle richtig unterwegs, nur ich fuhr in die falsche Richtung… Dabei wusste ich tief drinnen, dass ich meiner inneren Wahrheit folge und dass das richtig ist.

Menschen, die Angst haben und durcheinander sind, stellen keine Fragen.

Zum Beispiel die aktuelle Lufthansa-Werbung, sie kokettiert ja mit Anna Wintour: Sie zeigt, dass es OK ist, sich so zu verhalten, Angst zu verbreiten. Viele träumen doch davon, diese Macht zu haben. Mich wundert eigentlich, dass noch niemand diesen Spot kritisiert hat.

Stell Dir vor, Du wärst die Hand Gottes und könntest quasi von oben eingreifen: Was würdest Du im #Konzern ändern?

Ich hab da inzwischen eine sehr krasse Meinung. Es gibt ja auch diesen Tweet von mir:

In so einer Befehl-und-Gehorsam-Diktatur könnte man ja den Befehl geben: „Ab jetzt anders!“ Das würde ich machen. Ich würde alle schlechten Führungskräfte, also Führungskräfte, die autoritär mit ihren Mitarbeitern umgehen, rausnehmen. Natürlich auch bockige Mitarbeiter. Und dann würde ich mal 4 Wochen testen, was passiert.

Wie bei einem Jenga-Turm: Ich zieh ein paar Bausteine heraus –und guck mal, er steht immer noch! Ich bin mir sicher, es geht auch ohne die. Und ganz entspannt. Dann waren die wohl nicht so wichtig für die Stabilität und den Zusammenhalt.

Ich bin ja davon überzeugt, dass HORGs längst tot sind – sie wissen es nur noch nicht. Wie siehst Du das?

Ich glaube nicht, dass es den einen gesellschaftlichen Trend gibt: „HORGs haben sich überlebt.“ Es entwickeln sich neue Formen der Zusammenarbeit, aber die alten haben ein großes Beharrungsvermögen.

Leider werden sie nie aussterben. Es ist wie in der Gesellschaft: Wir sind nicht mehr in den Fünfzigern, man kann vor der Ehe zusammenleben usw. Aber es gibt trotzdem noch konservative Menschen, auch unter den Jungen. Ich glaube, alles wird sich noch weiter ausdifferenzieren. Aber ich hoffe, dass HORGs eines Tages ins Kuriositätenkabinett wandern.

Wie bei so einem alten PC mit Floppy Disk, wo man sich wundert: „Oh, der läuft noch?“ Ja, der läuft noch, aber es ist trotzdem komisch.

Hierarchische Beziehungen gibt es ja draußen kaum noch. Selbst auf dem Amt ist man fast schon auf Augenhöhe, das war früher anders…

Genau, und stell Dir mal vor, heute würde sich ein Lehrer mit Rohrstock vor die Klasse stellen und die Methoden von damals anwenden!

Besonders schlimm finde ich, dass die Leute so umschalten können: im Job der hierarchische Typ, der klare Ansagen macht, zuhause dann der liebe Papa oder die liebe Mama. Ich glaube das irgendwie nicht.

Meine Chefin ist auch so: Wenn sie nach Hause kommt, ist sie ganz die liebe Mama.

Was ist das für ein krasses Menschenbild, wenn ich mit dem eigenen Kind ganz anders umgehe als mit den Mitarbeitern?

Genau, lass uns mal über #Chefin reden. Sie scheint Euer Team ja regelrecht zu tyrannisieren. Was ist sie für ein Typ?

Sie ist ein hochaggressiver Mensch, wird oft laut, sehr laut. Sie klopft auf den Tisch, stampft mit den Füßen. Dadurch nicken wir alles ab, was von ihr kommt. Wir trauen uns nicht, etwas zu sagen.

Sie benimmt sich wie ein rücksichtsloser Bulldozer, ist dazu noch launisch: In einer Sekunde total charmant und lieb, dann plötzlich super aggressiv. Sie stellt sich ständig in den Mittelpunkt. Es geht immer um sie. Sie glaubt auch, alles erklären zu können. So wie man es von Obermachos wie Marlon Brando kennt.

Die Kollegen rätseln oft, was ihr Problem ist: Soziopathin, hochbegabt, ADHS? Ich finde es mittlerweile müßig, mir darüber Gedanken zu machen. Eigentlich ist sie eine ziemliche Witzfigur.

Was meinst Du, warum ist sie so geworden?

Ich kann da nur spekulieren und Vorurteile bringen: Sie ist sehr jung in eine Führungsposition gekommen.. Sie ist sehr klein, will sich bemerkbar machen, hat einen starken Geltungsdrang. Sie muss sich ja auch in einer Männerbranche durchzusetzen.

Neben diesen schlechten Erfahrungen mit einer Frau als Führungskraft habe ich übrigens auch weibliche Führungskräfte getroffen, die ganz wunderbar sind. Das, was man immer sagt, was weibliche Kompetenz ausmacht – die leben das.

Bei #Chefin steckt aber sicher auch dieses Bild dahinter: Wenn einer hart zu seinen Leuten ist, dann hat er die unter Kontrolle.

Ich glaube mittlerweile, die Vorgesetzten von #Chefin wissen das und finden das gut, was bei uns abläuft. Diese erniedrigende Behandlung, diese kollektive psychische Folter.

Ich sage ganz klar: Ihr wollt das, Ihr unterstützt das – einfach, weil Ihr nichts dagegen tut.

Letzte Frage: Gibt es eigentlich auch was Positives zu erzählen über Deinen #Konzern?

Es gibt natürlich viel menschliche Kooperation. Das ist ja alles gleichzeitig vorhanden: nette Kollegen, die einem helfen, und die Arschlöcher. Der Pförtner, die Leute in der Kantine sind freundlich. Aber auch auf höherer Ebene gibt es Menschen, die einfach nett sind.

Ich denke, es wird heute so viel auf Kosten geschaut: finanzielle Kosten, Umweltkosten – man sollte auch auf die Mitarbeiterkosten schauen. Ist ja schön, wenn ein Projekt termingerecht abschließt – aber #Chefin hat die Mitarbeiter dafür geschunden! So wie wir den Regenwald schützen und gegen Kinderarbeit sind, müssten wir die Schäden bei den Mitarbeitern berücksichtigen. Wenn alle erschöpft sind, können wir uns doch nicht auf die Schulter klopfen?

Warte mal, ich muss noch eine Frage hinterherschießen, die mich persönlich interessiert: Du bist im Bereich HR. Meiner Erfahrung nach sitzen gerade dort oft Leute, die keinerlei Bock auf Menschen haben. Wie kommt das denn? Man sollte meinen, dass dort gerade die arbeiten, die zugewandt sind, Interesse an den Menschen haben?

Viele wollen irgendwas mit Menschen machen und gehen in den Bereich HR. Aber eigentlich wollen sie Menschen steuern, unter Kontrolle haben. Die wollen was mit Menschen machen, aber die wollen einfache Menschen, die genau das machen, was ihnen gesagt wird.

Aber das ist kein Menschenbild, das ist das Bild einer Marionette.

Und wenn die Menschen nicht das tun, was man will, wird’s stressig. Wenn man zum Beispiel die Arbeitszeitregelung ändert, dann gibt es drei Gruppen: Die einen finden es toll, den anderen ist es egal und die dritte Gruppe widerspricht. Das ist normal. Das ist ja auch eine Chance, etwas zu erklären, sich auszutauschen. Aber es darf maximal eine Rückfrage kommen, dann sollen sie Ruhe geben.

HR-Leute glauben, sie wissen, wie Menschen ticken. Aber sie sehen den Menschen wie eine Maschine, ein Programm, das auf bestimmte Trigger reagieren soll.

Da steckt auch eine gewisse Arroganz dahinter, wenn man glaubt zu wissen, wie Menschen ticken, oder?

Also, ich habe ja den National Geographic abonniert. Und ich habe da ein Muster erkannt. Es gibt da immer Experten, die, sagen wir, seit 35 Jahren die Berggorillas studieren. Und ihr Fazit lautet immer: „Wissen Sie, nach 35 Jahren weiß ich immer noch nicht genau, was die da machen.“ Das ist die höchste Form der Intelligenz, so etwas zu erkennen.

Low Performer, vielen Dank für das Gespräch.

Übrigens habe ich doch noch Hoffnung, dass es zu Ende geht mit diesem #Konzern: Mitarbeiter verschwinden!!!1!!11

Folgen Sie dem Low Performer auf Twitter!

Folgen Sie Büronymus unauffällig: auf Twitter und Facebook!

Advertisements