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Als das Liquidrom in Berlin vor einigen Jahren eröffnet wurde, war es ein Designertempel für Wellness-Anhänger: graue Betonwände, alles aufs Wesentliche (oder noch weniger) reduziert – eine Art Bunker, halb New York City, halb Leni Riefenstahl. Mittlerweile ist der Lack etwas ab, jedenfalls für mich. Ich bin immer gern dorthin gegangen. Vorige Woche war ich zum letzten Mal da.

Die größte Attraktion ist die Therme. Dort lässt man sich im warmen Salzwasser treiben – im Halbdunkel unter einer Betonkuppel. Auch ich hing im Wasser, nur gehalten von zwei Poolnudeln, und lauschte der Unterwassermusik. Die totale Entspannung, Mutterleib-Feeling – ich muss immer aufpassen, dass ich nicht einschlafe und untergehe.

Bis ich die Augen öffnete und am anderen Ende des Beckens ein Pärchen entdeckte, dass sich rhythmisch im Wasser bewegte. „Nicht schon wieder“, dachte ich. Sex in einem öffentlichen Pool, vor den Augen der anderen Badegäste und vor allem im selben Wasser – pfui Deibel!

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Und es war nicht das erste Mal, das so etwas passierte. Die anderen Badegäste verschwanden unauffällig, sobald sie die zwei entdeckt hatten. Bloß nichts sagen.

Ich rief dem Pärchen zu, dass ich das widerlich fände – keine Reaktion. Waren ja auch schwer beschäftigt. Also verließ ich das Becken und gab der Bedienung am Tresen Bescheid – sie war not amused, machte sich sofort auf den Weg und warf die Kopulierenden aus dem Pool. (Was ist das für 1 Job?)

Rücksicht? Fehlanzeige!

Zwanzig Euro bezahlt, um sich nach dem Baden dreckiger zu fühlen als vorher – ein schlechter Deal. Noch mehr regt mich aber auf, dass Rücksicht nehmen irgendwie aus der Mode gekommen zu sein scheint.

Können die Menschen ihre Mitmenschen und deren Bedürfnisse gar nicht mehr wahrnehmen? Oder wollen sie nicht?

Letztere Möglichkeit drängte sich mir im Liquidrom auf. Denn neben dem Poolpärchen gab’s da noch den Badegast, der unter der Dusche stöhnte und grunzte wie ein Tier. Und zwar nicht einmal aus Versehen, sondern mehrere Minuten lang. Was war da los? Tat ihm was weh, hatte der auch Sex, mit sich selbst? Nö, er genoss seine Dusche. Durchdringend genug, um die Gäste drumherum zu erschrecken. WTF??

Dann waren da die drei Türstehertypen, die sich überall – egal, ob in der Sauna oder in der Therme – lautstark unterhielten, was bei einer Betonwandakustik besonders gut kommt. Wohl gemerkt, all das passierte an EINEM frühen Montagabend innerhalb von knapp zwei Stunden.

Egal, wo man hinkommt: Me first! Quatscher im Kino sind nicht mehr die Ausnahme, sondern fast schon die Regel. Einfach mal für anderthalb Stunden die Klappe zu halten, scheint viele Leute zu überfordern. Neuerdings gibt es auch noch die digitale Quatschfraktion, die während des Films (dzzzz, dzzzz, leucht, leucht) komplette Konversationen über WhatsApp abwickelt.

Ruhe im Karton

Als ich klein war, haben meine Eltern mir beigebracht, dass es Orte gibt, wo man leise zu sein hat: im Kino, auf dem Friedhof, in der Kirche, in Verkehrsmitteln, in der Sauna. Wird das nicht mehr vermittelt? Ist das out, so wie das Grüßen und das Händewaschen vor dem Essen? Was ist los?

Dass da noch andere Leute sind, die das gleiche Geld bezahlt und die gleichen Rechte wie sie selbst haben, interessiert nicht. Vielleicht ist das in Berlin besonders krass: Alles geht, alles ist cool. Keiner sagt was. Denn das wäre ja uncool.

Ich gebe zu, ich hab selbst oft keine Lust, was zu sagen. Ich bin hier nicht die Oberaufseherin – und eigentlich bin ich ja der Meinung, die Leute müssten das selber merken. Tun sie nur leider oft nicht.

Aber diese Zurückhaltung aus falsch verstandener Coolness ist ein Problem. Niemand will der Spielverderber sein, die Spaßbremse, der Spießer. Dadurch verschieben sich die Maßstäbe. Immer mehr geht.

Zu cool für die Polizei

Vor vielen Jahren, während meines Studiums, jobbte ich in einer Bar. Eines Abends ertappte ich eine Taschendiebbande auf frischer Tat. Und? Rief ich die Polizei? Nein, weil… ich kam gar nicht drauf. Wäre auch irgendwie uncool gewesen.

Als ein Kollege eines Nachts Geld aus der Kasse entwendete, konfrontierte ich ihn direkt, nahm ihm das Geld wieder ab und informierte den Inhaber des Ladens. Polizei? Ach nee, lass mal, das regeln wir so.

Dieser Kollege hatte eine beträchtliche kriminelle Energie – nach dem ersten Vorfall hatte ich ihn auf dem Kieker. Eines Abends während meiner Schicht versuchte er, einen volltrunkenen Gast um sein Geld zu bringen. Der hatte eine Sporttasche voller Geldscheine bei sich. (Klingt wie ein schlechter Film, war aber so. Zwei Models hatte er auch noch im Schlepptau. War wohl seine Glücksnacht, bis er auf meinen Kollegen traf. 😀 ) Und was tat ich? Ich warnte den Gast – der war schlagartig wieder nüchtern und zog ab. Aber die Polizei rufen? Irgendwas hielt mich ab. Bald verlor dann auch unser Chef die Geduld mit diesem Typen und schmiss ihn raus.

Das Schlimmste an solchen „Wir sind zu cool/zu nett/zu faul, um einzugreifen“-Aktionen ist, dass die Täter dadurch ermutigt werden, weiterzumachen. Läuft doch. Hat doch keine Konsequenzen. Diebstahl als Kavaliersdelikt. Irgendwie verschieben sich da die Maßstäbe. Und es geht noch schlimmer.

Ganz aktuell: die Geschichte von dem 82-Jährigen, der bewusstlos in einer Essener Bankfiliale lag. Vier Bankkunden stiegen über ihn hinweg, ohne zu helfen. Erst der Fünfte erbarmte sich – da lag er dort schon 20 Minuten. Der ältere Herr ist ein paar Tage später gestorben. Mir geht das nahe, ich denk dann immer: Das hätte auch jemand sein können, den ich kenne. Der liegt dann da und alle sehen weg.

Zuschauen statt handeln

Der sogenannte Zuschauereffekt geht auf den Fall Kitty Genovese aus dem Jahr 1964 zurück. Die junge Frau war 1964 nachts in ihrem Wohnviertel in New York City vergewaltigt und erstochen worden, obwohl 38 Personen das Verbrechen mitbekamen. Danach begannen Wissenschaftler zu forschen, woran es liegt, wenn niemand eingreift.

Eine Theorie besagt, dass die Anwesenden zunächst einmal die Situation interpretieren müssen. Im Falle des Essener Rentners: Ist da wirklich jemand zusammengebrochen oder schläft da vielleicht „nur“ ein Obdachloser? (Nebenbei bemerkt kann man da auch mal einen Blick riskieren, ob er noch atmet.)

Sind mehrere Personen im Raum, greift sofort ein Phänomen, das „Aufteilung von Verantwortung“ genannt wird: Jeder verlässt sich darauf, dass die anderen schon was tun werden.

Außerdem orientieren wir uns am Handeln anderer. Tut jemand etwas? Dumm nur, dass die anderen dasselbe Verhaltensmuster zeigen. Und so schaut jeder in die Runde, guckt, was die anderen machen (nämlich nichts) und macht das dann auch.

Meiner Erfahrung nach ist es aber der erste Punkt, an dem viele steckenbleiben: das richtige Interpretieren. Ich habe selbst im Berufsleben viele Situationen erlebt, in denen ich einfach nicht glauben konnte, was gerade geschieht, und deshalb nicht (oder spät) eingegriffen habe.

Wegsehen im Job

Eine Teamleiterin hat ein ganzes Lügengebäude errichtet – ohne Motiv, ohne einen Vorteil davon zu haben? Unser Team hat Wochen gebraucht, um das zu kapieren. Ja, sie hat es getan, auch wenn es keinen Sinn ergibt. (Später stellte sie sich als süchtig heraus und das krankhafte Lügen war wohl eine Auswirkung.)

Jemand, der dreist und offen klaut wie mein Kollege aus der Bar – das habe ich schnell begriffen. Und trotzdem hatte ich so eine Restloyalität zu ihm. War halt trotzdem mein Kollege. Verrückt, oder?

Wenn aber jemand in einem Unternehmen über Jahre riesige Beträge auf sein Privatkonto umleitet und dann entdeckt das jemand durch Zufall… Das ist mitunter schwer zu akzeptieren. (In meinem Umfeld gab es so einen Fall. Einer der charmantesten, beliebtesten und kompetentesten Kollegen entpuppte sich als abgebrühter Verbrecher. Das kriegt man kaum zusammen im Hirn. Auf jeden Fall dauert es eine Weile.)

Oder wenn Führungskräfte ihre Mitarbeiter quälen – das muss man erst mal begreifen, dass jemand so drauf ist! Ich möchte nicht wissen, wie viele sadistische Vorgesetzte ungeschoren davonkommen, weil sich einfach niemand vorstellen kann, dass die üblen Geschichten der Mitarbeiter wahr sind.

Und ja, jemanden zu verdächtigen, vielleicht jemanden, den man gut kennt oder mit dem man sogar befreundet ist – das ist heftig und will gut überlegt sein. Niemand will der Whistleblower sein, denn irgendwas bleibt immer hängen. Man sollte nur nicht zu lange überlegen.

Selbst Tote sind kein Grund hinzusehen

Auf SPON gibt es einen neuen Artikel über den mordenden Krankenpfleger Niels Högel, der mich schaudern ließ. (Es lohnt sich, für den Text 39 Cent auszugeben.) Zur Erinnerung: Der Pfleger hat mindestens 41 Patienten auf dem Gewissen, möglicherweise sind es Hunderte. Er spritzte ihnen Medikamente, die sie krank machten, um sie dann zu reanimieren. Das war seine Spezialität, das gab ihm einen Kick.

Jetzt kommt heraus: Etliche Kollegen hatten ihn im Verdacht. Es gab sogar eine heimliche Strichliste, bei der jemand versucht hatte, die Todesfälle mit den jeweils anwesenden Pflegekräften zu korrelieren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gegen die Klinikmitarbeiter.

Denn nur ganz wenige Kollegen wandten sich an ihre Vorgesetzten. Und die wiegelten erst mal ab. Als der Verdacht sich erhärtete, handelten die Verantwortlichen endlich und verabschiedeten Högel – mit einem goldenen Handschlag und einem super Zeugnis. Niels Högel zog weiter, zum nächsten Krankenhaus. Und mordete weiter. Weil alle wegsahen.

Wie hängt das alles zusammen: das rücksichtslose Pärchen im Salzwasserbecken, der betrügerische Kollege, der am Boden liegen gelassene Rentner, der mordende Pfleger?

Offenbar empfinden wir uns nicht mehr als Teil eines miteinander verbundenen Ganzen, so dass man sich immer auch um das große Ganze kümmert. Sondern als einzelne Einheiten, die nichts miteinander zu tun haben. Aber das ist wieder ein anderes Thema…

PS: Ich krieg’s nicht im Text unter: Es gibt mittlerweile professionelle Lösungen für Unternehmen, die anonymes Whistleblowing möglich machen, z.B. Integrity Line. So etwas hätte im Fall des Krankenpflegers geholfen, da die Klinikmitarbeiter, die einen Verdacht hatten, einen neutralen Ansprechpartner gehabt hätten.

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Foto: Gratisography
Gif: Giphy
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