Jetzt habe ich tatsächlich zwei Tage gebraucht, um es einigermaßen wegzustecken: Ein rassistischer und sexistischer Soziopath, ein notorischer Lügner, ein rücksichtloser Bulldozer hat seinem Namen alle Ehre gemacht – Donald Trump wird US-Präsident.

Ich hatte damit gerechnet – das macht es nicht besser. Es fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Wie konnte das passieren?

Wie so viele durchforstete ich das Netz auf der Suche nach Ursachen. Oder Schuldigen. Sind die Amis Sexisten, wie Laurie Penny schreibt, und wollten partout keine Frau im Weißen Haus? Rassisten, die ihr white privilege behalten wollen? Sind die sozialen Medien Schuld, all die Twitter Bots? Ich war in der Wahlnacht viel auf Twitter unterwegs. Trump-Anhänger (und Trump-Bots) dominierten und manipulierten ganz klar die Debatte online.

Oder fehlte Hillary die Story? „Any story always beats no story“, wie der Autor schreibt. Oder, eine in Deutschland und bei Michael Moore sehr beliebte Annahme: Wurde Trump vor allem vom „white trash“ gewählt – und sind wir (Wer ist eigentlich wir? Sind wir non-trash?) die wirklichen Schuldigen, weil wir den Abgehängten nicht besser zugehört haben?

All of the above, wie der Ami sagt. All das Genannte ist zumindest in Teilen wahr. Und doch fehlt etwas – etwas, das die unheimliche, fast nicht zu stoppende Dynamik des aktuellen Zeitgeschehens erklärt.

Das Rad der Geschichte

Erst durch Charles Eisenstein, der die Welt als narratives (Erzählungen) denkt, fügten sich die Puzzleteilchen für mich zusammen: Das, was wir GESCHICHTE (Merkt Ihr was?) nennen, ist ein Drehbuch. Momentan beschreibt es das Bröckeln der Normalität, die sich ausbreitende Unsicherheit, die entweder, wenn Hass der Soundtrack ist, in den Faschismus führt.

Oder die, wenn das Lied der Liebe siegt, etwas Neues, eine menschlichere Gesellschaft, gebiert. The more beautiful world our hearts know is possible nennt Eisenstein das. Donald Trump ist genau der Charakter, der zu diesem Zeitpunkt auf diese Bühne gehört, damit die Handlung weitergeht, damit sich das Rad der GESCHICHTE weiterdreht.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet ein Filmemacher wie Michael Moore Trumps Sieg richtig vorhergesagt hat. Auch er denkt in Geschichte(n). Und auch ich hatte, trotz allen Entsetzens, eine Ahnung, dass es seinen schrecklichen Sinn hat, dass diese „abartige Karikatur eines jeden räudigen Reflexes der radikalen Rechten“ jetzt der leader of the free world ist. Es ist ein Sog, dem sich niemand entziehen kann: Geschichte schreibt sich selbst.

Der cultural backlash

Trumps Sieg hat mir Übelkeit beschert, einen Migräneanfall und einen Heulkrampf, als ich die ersten Studentenproteste sah. Dieser Typ, der alles verkörpert, was mit zuwider ist, spaltet die Gesellschaft – vom ersten Tag an. Heute früh wachte ich auf und las von rassistischen und sexistischen Überfällen in den USA, wie sie in UK seit dem Brexit vermehrt auftreten.

Weiße Männer wollen Passantinnen „bei der Pussy packen“, Schwarze werden als „Nigger“ und „Baumwollpflücker“ beschimpft, Asiaten sollen doch „zurück nach Hause“ gehen. Ein Latino-Junge wird in der Schule von weißen Mitschülern zusammengeschlagen.

Ein Schulhofschläger ist jetzt Präsident – und das ist ein Freifahrtschein für alle Schulhofschläger. So weit, so schlimm. Aber keine Überraschung für Frauen, Schwarze, sexuelle und religiöse Minderheiten. Die wussten auch vorher schon: Das Hässliche war immer da, wenn auch mit Zuckerguss überdeckt. Jetzt kommt es heraus, das Monster erhebt sein scheußliches Haupt. Das gibt uns die Chance, es abzuschlagen.

Das Horrorszenario

Niemand weiß, was passiert wäre, wenn Hillary Clinton, für viele die Verkörperung des „Establishments“ (anders als Trump, der bescheidene Rächer des kleinen Mannes, der bekanntlich aus einfachen Verhältnissen stammt und sich seinen Reichtum hart erarbeitet hat *Ironie off*), gewonnen hätte. Wirklich, das hätte mir fast noch mehr Angst gemacht.

Denn wenn die Wähler einen Kurswechsel so sehr wollen, dass sie bereit ist, ein Meerschweinchen zum Präsidenten zu wählen, dann rasten sie komplett aus, wenn es so weiter geht wie bisher. Trump hatte mit seinem Gerede von Wahlbetrug (#VoterFraud), der getürkten Wahl (rigged election) und der Aussage, er werde die Wahl nur dann anerkennen, wenn er gewinnt, bereits den Boden bereitet, um seine Anhänger im Fall einer Niederlage auf die Barrikaden zu bringen.

Ein Sieg von Hillary Clinton hätte möglicherweise dazu geführt, dass der Hillbilly seine KKK-Kapuze aufgesetzt hätte, die Wumme aus dem Schrank geholt hätte, in seinen Pick-up gestiegen wäre und mal eben ein paar „Nigger“ abgeknallt hätte. Ein Horrorszenario, ich weiß. Und ein sehr, sehr schwacher Trost, dass es nicht dazu gekommen ist.

Der Irre von Washington

Jetzt ist das durchgeknallte Meerschweinchen president-elect, jetzt heißt es: Back to normal. Erfahrene Politiker schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. Gestern sagte ein außenpolitischer Korrespondent auf NPR auf die Frage, was denn das politische Programm des Donald sei: „Oh, he has no clue.“ Er hat keinen Schimmer.

Was ist der Donald überhaupt für ein Mensch, jenseits der Karikatur. Wie arbeitet so einer? Ich habe einige Aussagen von engen Mitarbeitern, Wahlkämpfern und Biografen zusammengetragen. Daraus ergibt sich folgendes Bild:

1. Trump ist ein Mikromanager

Er interessiert sich für jede Glühbirne in seinen Immobilien; jede Rechnung geht über seinen Tisch, bevor er sie bezahlt (oder auch nicht bezahlt). Für mich sind Mikromanager Kontrollfreaks, die mit ihrem Misstrauen die Motivation und Kreativität ihrer Mitarbeiter zersetzen. Und die sich mit ihrer Arbeitsweise komplett überfordern. Viel Spaß dabei, auf diese Art ein Riesenland zu regieren.

2. Trump ist loyal und „absorbiert“ seine Feinde

Gegenseitige Loyalität ist das Grundprinzip, auf dem alte weiße Männer ihre Macht aufbauen. Eine Hand wäscht die andere. Wie du mir, so ich dir. Feinde in die eigene Machtstruktur einzubauen, ist clever und effektiv. Aber wehe dem, der sich illoyal zeigt.

3. Trump liest nicht

Er hat in seinem ganzen Leben noch kein Buch gelesen und ist stolz drauf (da ist er in bester Gesellschaft).

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Seine Abneigung gegen Geschriebenes geht so weit, dass er sich Inhalte lieber in 20-30 Sekunden erzählen lässt. Dabei gilt: Er glaubt demjenigen, mit dem er als Letztes gesprochen hat. Enge Mitarbeiter harren mitunter in einer Art Wettbewerb bis in die Nacht bei ihm aus, um der Letzte zu sein und das eigene Anliegen durchzukriegen.

4. Trump entscheidet schnell und nach Instinkt

Trump ist ein Freund schneller Entscheidungen (was ja grundsätzlich nichts Schlechtes ist, wenigstens ist er kein Nicht-Entscheider). The Donald lässt sich nicht reinreden: „Man kann ihm alle möglichen Ratschläge geben, aber er handelt nach seinem Instinkt“, sagt der Geschäftsmann und Trump-Freund Phil Ruffin. Der englische Fachausdruck für so jemanden ist loose cannon, eine unkontrollierbare und unberechenbare Person  – ein Träumchen für seine politischen Berater.

5. Trump ist streetsmart, not booksmart

Diese Unterscheidung habe ich in Gunter Duecks Buch „Schwarmdumm“ entdeckt und finde sie sehr hilfreich: Es gibt Leute, die ihr Wissen aus Büchern haben, die eher dazu neigen, nach den Regeln zu spielen. Und dann gibt es die anderen. „Meine Schule ist das Leben“ und so. Die Streetsmarten können mit jedem, wenn es sein muss, sie kommen immer durch, sie brechen bedenkenlos Regeln. Mafioso-style, Berlusconi-style.

Das ist alles nicht wirklich beruhigend, ich weiß. Wenn es nicht um ein Land ginge, das mir am Herzen liegt, und um unser aller Leben, dann könnte ich mich jetzt zurücklehnen und gespannt zuschauen.

Ja, also was tun?

Wie schon nach den ersten AfD-Siegen habe ich – wie viele andere in meinem Umfeld – das diffuse Gefühl, etwas tun zu müssen. Ich habe aber keinen Plan.

Sich politisch engagieren? Naja. Es gibt keine Partei, für die ich mich wirklich begeistern kann. Außerdem habe ich sehr früh meine Erfahrungen mit Politik gemacht und es fühlt sich nicht gut an, meine Energie da zu investieren. Am ehesten würde wohl noch eine Menschenrechtsorganisation in Frage kommen.

Sich gesellschaftlich engagieren? Mache ich in der Flüchtlingarbeit. Mein klitzekleiner, hoffentlich wertvoller Beitrag zu einer besseren Welt.

Unabhängige investigative Medien wie Correctiv oder Krautreporter unterstützen, um den rechten Demagogen etwas entgegenzusetzen? Sobald Geld reinkommt, bin ich dabei.

Für den Weltfrieden meditieren? Check. Keine Ahnung, ob es hilft. Es fühlt sich fast lächerlich an angesichts des Sogs des Dunklen.

Charles Eisenstein, wie immer nicht geizig mit unbequemen Wahrheiten, schreibt, es gelte, den Hatern Empathie und Mitgefühl entgegenzubringen. Sorry, aber soweit bin ich noch nicht.

Meiner Erfahrung nach sind diese Hater unzugängliche, hartherzige Menschen, die sich mit einer sektenhaften Verbohrtheit an ihre Verschwörungstheorien klammern. Wie da überhaupt ein Dialog – geschweige denn eine Herzensverbindung – entstehen soll, ist mir ein Rätsel.

Vielleicht muss es wirklich erstmal krachen, bis die Menschen begreifen. Vielleicht hat der culture war um eine offene Gesellschaft, den wir schon fast als beendet angesehen haben, gerade erst begonnen.

Stay strong, America!   ❤

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Foto: Unsplash.com, Thomas Kelley
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