Heute früh fand ich diesen Tweet in meiner Twitter-Timeline:

Merry Christmas to you, Syria! Und 15 % Rabatt auf Schmuck für Euch. Autsch.

Ich lese den Tagesspiegel gar nicht – aber als ich diesen Tweet eines Pressesprecher-Kollegen sah, regte sich meine alte Pressesprecher-Seele: Da muss die Zeitung doch reagieren!

Innerhalb von Sekunden retweetete ich den Post mit der Bemerkung: „Was für ein Fauxpas!“

Kurz darauf landete ein etwas unglücklicher Kommentar eines Ressortleiters der Zeitung in meiner Timeline. Ich fragte kritisch nach und es entspann sich ein Dialog, in den sich noch andere Nutzer einmischten. Der Tenor war: Entschuldigt Euch, aber dalli! Aber nicht so, das reicht nicht. Das macht es nur noch schlimmer. Entschuldigen geht anders…

Das alles vor 9 Uhr, wohlgemerkt – also für Berliner (vor allem für Journalisten 😉 ) zu nachtschlafener Zeit. Ich stellte mir vor, wie der Ressortleiter beim Frühstück saß, an seinem Croissant knabberte und nebenbei twitterte. Wie sich langsam ein Shitstorm zusammenbraute und er realisierte, dass er sich gerade um Kopf und Kragen schrieb.

Am Ende gab ich ihm den Tipp, sich intern abzusprechen und ein Statement abzugeben. Icke also voll im alten Pressesprecher-Modus.

Gegen 9 Uhr dann der erlösende Tweet der Redaktion:

Ich war erleichtert: Sie haben sich entschuldigt.

Gleichzeitig fühlte ich mich leer. Jetzt hatte ich, was ich wollte. Jetzt hatten WIR, die rechtschaffene Twitter-Gemeinde, die Hüter der öffentlichen Moral, was wir wollten. Und nun? War es das wert, diesem Ressortleiter das Frühstück zu verderben? Was für ein Recht habe ich eigentlich, hier Forderungen zu stellen? Wie gesagt: Ich lese das Blatt nicht mal. (Aus Gründen.)

Hatte ich den Journalisten mit meinen Tweets unter Druck gesetzt? Das ist doch das Letzte, was ich will – mehr Stress in die Welt bringen.

Und überhaupt: „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Schon klar. Ist es aber. Weil auch beim Tagesspiegel Menschen arbeiten und Menschen nun mal Fehler machen. Weil die Welt verrückt ist – oder VUCA. Jeden Tag passieren Dinge, die nicht passieren dürfen. In Syrien zum Beispiel. Oder im Trump Tower.

„Es tut uns sehr leid.“ NATÜRLICH TUT ES IHNEN LEID! Sowas macht doch niemand mit Absicht. Kein Chefredakteur setzt sich hin und sagt: „Lasst uns mal so ne ganz fiese Titelseite machen. Irgendwas, was so richtig reinhaut in diesen Zeiten. Vielleicht was mit verreckenden Menschen in Syrien und Merry Christmas. Wir brauchen mal wieder einen schönen Shitstorm, das Social-Media-Team langweilt sich.“

Wer sowas glaubt, glaubt auch die Verschwörungstheorie, dass Journalisten von einer geheimen Stelle (vermutlich der Zentralen Themenvergabe) gleichgeschaltet werden. (Wer sowas glaubt, war noch nie mit einem Haufen Journalisten in einem Raum, hehe. )

Wenn also eigentlich allen klar ist, dass das ein Versehen war: Warum sind wir dann so erpicht auf eine öffentliche Entschuldigung? Warum wollen wir den Sünder mit hängendem Kopf „Mea culpa“ rufen hören?

Warum zeigen wir voller Lust mit dem Finger auf andere, in diesem Fall die Mitarbeiter des Tagesspiegels? „IHR habt einen Fehler gemacht! Entschuldigt Euch!“ (Auf der nächsten Eskalationsstufe müssen dann Köpfe rollen oder Veranwortliche „enteiert“ werden.)

Wäre der Tagesspiegel ein Mensch, ein Freund vielleicht sogar, wie würden wir dann reagieren? Vielleicht eher so: „Oh Mann, Tagesspiegel, was fürn Scheiß! Dumm gelaufen. Nächstes Mal die Titelseite besser mit Marketing absprechen, wa? Hier haste nen Kaffee.“

Dieses Ritual von Schuld und Ent-schuldigung, das jedem Pressesprecher in Fleisch und Blut übergegangen ist, erscheint mir plötzlich absurd. Vor allem, wenn wir über eine neue Fehlerkultur reden.Darüber, dass es nichts bringt, Schuldige an den Pranger zu stellen. Dass Belohnung und Bestrafung kontraproduktiv sind. Dass es doch eigentlich darum geht, die Ursache des Fehlers zu finden, damit er nicht noch mal passiert.

Dann sollten wir vielleicht mal im Netz mit der neuen Fehlerkultur anfangen. Bei uns selbst.

Bitte folgen Sie mir unauffällig! Auf Twitter und Facebook.

 

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