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Ich gucke ja gerade „Black Mirror“ auf Netflix, eine etwas unheimliche Serie darüber, wie ein komplett digitalisiertes und vernetztes Leben aussehen könnte. In einer Folge haben die meisten Menschen ein Implantat im Kopf, mit dem ihr Leben komplett aufgezeichnet wird. Die Kamera: Kontaktlinsen, die alles aufzeichen, was sie sehen. Alles lässt sich vor den eigenen Augen oder auf Bildschirmen jederzeit abspielen.

Und so erzählt man sich gar nicht mehr, was man erlebt hat, sondern spielt einfach den Film ab. Und im Streit, wenn es mal wieder heißt: „DU hast doch aber gesagt…!“, wird der Film einfach zurückgepult und dann kann man sich anschauen, was wirklich gesagt wurde. Daraus ergeben sich alle möglichen Verwicklungen…

Hier ist übrigens die komplette Folge:

Das Krasse ist, dass vieles ja technisch schon möglich ist – oder zumindest nicht mehr weit entfernt. Sowohl Samsung als auch Google haben schon eine Kontaktlinsenkamera patentiert. Das gilt auch für viele der Features in anderen „Black-Mirror“-Folgen. Was all das mit den Menschen und ihrem Miteinander macht, zeigt die Serie (und gerade diese Folge) auf beeindruckende Weise.

Mir wurde jedenfalls schon etwas schwummrig bei diesen Aussichten. Aber dann:

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BÄM! …landete ich auf dem Boden der Tatsachen. Hey, wir sind in Deutschland hier. Da ist die Gefahr der Digitalisierung einfach, öhm – naja, sagen wir mal so: Solange einem im privaten WLAN irgendwo im Zentrum der Hauptstadt angezeigt wird, dass der Upload eines Videos auf Youtube

1h 45 min

dauern wird, sind wir vor dem ganzen neumodischen Kram sicher.

Das fühlte sich fast an wie in den 90ern:

39-yrs

(c) 90skids

 

Oder als mein Bloggerkollege Hendrik Epe neulich in einem Hotel das hier fand:

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Ist doch ein Schnäppchen! Wahrscheinlich hat das Hotelmanagement mal irgendwas von Digitalisierung in der ZEITUNG gelesen und dachte sich: „Hey, da müssen wir auch mal was anbieten.“ (So wie der Chef aus meiner Playmobil-Serie „Corporate Fotolovestory“, der sich den Jour fixe zur Digitalisierung erst mal in seinen Filofax einträgt…)

Ich hoffe nur, das Hotel-WLAN ist wirklich Premium. Nicht, dass das 24-Stunden-Premium-WLAN dann doch 39 Jahre für den Upload eines Youtube-Videos braucht… 😛

Digitalisierung – für viele Unternehmen ein Fremdwort

Ein paar Beispiele aus der Praxis: Ein Mittelständler mit mehreren Dutzend Angestellten managet seine kompletten Personalprozesse durch genauso viele untereinander verknüpfte Excel-Tabellen. Wie die Mitarbeiter Urlaub beantragen? Natürlich per Word-Dokument. Ausgedruckt und unterschrieben, bitteschön. Das wird dann alles in die Excel-Tabellen eingetragen.

Erst langsam kommt man auf den Trichter, dass eine (mittlerweile absolut erschwingliche und gut funktionierende) Personalsoftware nicht nur einen Haufen Zeit und damit Geld spart, sondern auch für mehr Komfort und Transparenz sorgen kann. Stichwort: „Wieviel Resturlaub habe ich eigentlich?“

Kurioserweise ist dieses Unternehmen sogar im digitalen Business unterwegs – aber scheinbar blind demgegenüber, wie es selbst vom digitalen Wandel profitieren kann. Und ich meine, it’s not rocket science we are talking here.

Aber das ist noch gar nichts. In einer Firma aus dem sozialen Bereich ging der Betriebsrat auf die Barrikaden. Der Grund: Er war nicht beteiligt worden bei der Einführung von Outlook. Und gemeinsame Online-Kalender seien ja wohl eine Form der Überwachung und Leistungskontrolle von Beschäftigten und damit Teufelszeug… Bidde?? Wir reden hier übrigens über eine Institution, bei der schon der Umstieg vom Papierantrag auf Excel als Bedrohung angesehen und von den meisten Mitarbeitern zunächst abgelehnt wurde.

Es gibt Kommunalpolitiker, die hintenüber fallen, wenn jemand eine Telefon- (oder gar Skype-)Konferenz anberaumen möchte. Nein, das sei zu kompliziert – und könne doch auf keinen Fall das persönliche Treffen ersetzen.

Die fast schon sture Unbeholfenheit vieler (nicht aller!) Lehrer im Umgang mit neuen Technologien und Medien ist immer wieder Thema in der Presse.

Im Gegensatz zu Österreich schafft es Deutschland nicht, das Gesundheitswesen von Zettelwirtschaft auf Vernetzung umzustellen. Viele Arztpraxen haben nicht mal einen Internetanschluss – aus Angst, gehackt und ausgespäht zu werden. (Dafür liegt die Papierakte des vorigen Patienten offen auf dem Schreibtisch der Ärztin herum – habe ich mehr als einmal erlebt.)

All das muss auf Außenstehende bizarr wirken.

Andere Länder lachen über uns

Denn, wie deutsche Journalisten immer wieder staunend berichten: In Estland kann man seit Ewigkeiten mit dem Handy bezahlen. Dabei ist das nur ein (scheinbar ganz medienwirksames) Schmankerl desses, was Wikipedia als „die elektronische Revolution“ des Landes bezeichnet:

„Seit dem Jahr 2000 garantiert der Staat per Gesetz seinen Bürgern einen Zugriff auf das Internet. Im ganzen Land gibt es WLAN-Zugangspunkte zum Internet, mit denen die bewohnten Flächen abgedeckt werden. Rund 99 Prozent des Landes sind mit diesem kostenlosen Hot-Spot-Netz abgedeckt. Wer keinen eigenen Rechner hat, darf gratis an einem von 700 öffentlichen Terminals in Postämtern, Bibliotheken oder Dorfläden ins Netz. Eine solche Regelung ist in Europa einmalig. In Estland sind außerdem alle Schulen online. Seit 2005 kann bei Wahlen auch über das Internet abgestimmt werden. Estland verfügt über die meisten Internetanschlüsse pro Kopf weltweit.“

Ich war mit meinen über 70-jährigen Eltern in Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Es gibt ein bemerkenswertes Foto, wo beide in einem traditionellen Café der Stadt vor holzgetäfelten Wänden sitzen und auf ihren iphones das WLAN suchen. Sie haben es gefunden und ja, ich kann das kostenlose Netz für das Innenstadtgebiet bestätigen. (Genauso war es übrigens im Zentrum von Helsinki.)

Wie man sieht, ist es also keine Altersfrage, wie offen man neuen Technologien gegenübersteht. Die Hoffnung, diese analogen Dinosaurier würden einfach aussterben und dann geht’s richtig los hier, ist daher trügerisch.

Keine der oben genannten Organisationen ist überaltert oder altmodisch. Im Gegenteil, sie selbst sehen sich vermutlich als ziemlich modern und fortschrittlich.

Dagegen sind viele meiner gleichaltrigen oder jüngeren Freunde bemerkenswert offline. Selbst die, die technisch bestens ausgerüstet sind, nutzen oft nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten.

Verdammte Skepsis

Andere sind superskeptisch gegenüber jeder technischen Neuerung. Als ich die App Mapswipe der Ärzte ohne Grenzen entdeckte, war ich sofort Feuer und Flamme. Diese App nutzt die Schwarmintelligenz ihrer Nutzer, um Satellitenkarten nach Gebäuden durchforsten und markieren zu lassen. Das Ziel: menschliche Ansiedlungen z.B. im Südsudan identifizieren, sodass Hilfslieferungen dorthin gebracht werden. Die App nutzt den Spieltrieb des Users, gibt Feedback und man kann verschiedene Level erreichen.

Während ich von meinem Sofa aus (sowas begeistert mich ja immer total 😉 ) etwas Gutes tat und Kartenausschnitt für Kartenausschnitt Lehmhütten im Südsudan suchte, fühlte ich mich den Familien „da unten“, die möglicherweise nicht einmal wissen, was eine App ist, seltsam verbunden. Mir ging vieles durch den Kopf: das einfache Leben dort, mitten im Wald oder in der Savanne, ohne irgendwelche Anschlüsse, oft ganz auf sich gestellt, denn die nächsten Nachbarn waren, wie ich ja sehen konnte, etliche Kilometer entfernt.

Als ich meiner Begeisterung ob dieser intelligenten Kombination von Crowdsourcing und Gamification sowohl online als auch offline Luft machte (natürlich auch, um neue Mitstreiter zu gewinnen), war ich überrascht von der Reaktion. Die reichte von null bis skeptisch:

„Hm, diese Informationen können aber ganz leicht missbraucht werden von Leuten mit bösen Absichten, von irgendwelchen Terroristen.“ Das habe ich öfter zu hören bekommen. Ich fühlte mich wie ein Ballon, dem die Luft abgelassen wurde.

Da hat endlich mal jemand eine clevere App entwickelt, die die Welt verbessern könnte (im Gegensatz zu den Mutti-Apps* irgendwelcher Start-up-Jungs) – und nun das! Es gibt natürlich eine Menge Argumente gegen die Mapswipe-Skeptiker. U.a., dass bewaffnete Kämpfe rivalisierender Gruppierungen sowieso das Hauptproblem von Südsudan sind und es ja gerade darum geht, den Zivilisten zu helfen. Dass das Kartenmaterial sowieso öffentlich zugänglich ist (hallo, Google Maps?), dass Ärzte ohne Grenzen eine höchst glaubwürdige NGO ist usw.

Trotzdem traf mich diese Skepsis tief und ich merke immer mehr (wiewohl ich selbst im Herzen eine Skeptikerin bin), was für eine ätzende Wirkung sie haben kann.

Deutschland, einig Offline-Land

Spricht man mit Ausländern, wundern viele sich über dieses seltsame Offline-Land, in dem man seine Kreditkarte immer mit einem halbentschuldigenden Grinsen zücken muss („Ähm, nehmen Sie auch Visa?“) und in dem man beim Amt Anträge auf Papier abliefern muss.

Was ist es also, dass unser Land von der digitalen Transformation abhält?

Ich hätte da ein paar Ideen:

  • das Festhalten am Alten
  • das Heraufbeschwören aller möglichen Gefahren in Verbindung mit einer kulturell tief verankerten Risikoscheu
  • Angst vor Technik (witzig irgendwie im Land der Ingenieure, aber zeigt mal jemandem eine etwas kompliziertere Excel-Tabelle und schaut zu, wie er durchdreht)
  • fehlende Offenheit/Neugier bzw. die pauschale Ablehnung oder Stigmatisierung von Neuem (Pokémon Go! war so ein Fall)
  • fehlender Weitblick
  • fehlende Experimentierfreude/Angst vor Fehlern
  • deutsche Halbherzigkeit
  • Lern- und Entwicklungsfaulheit
  • Selbstgerechtigkeit und Arroganz
  • und vielleicht der wichtigste Grund: Angst vor Transparenz

Let’s face it: Viele Ärzte haben keine Lust auf die elektronische Gesundheitskarte, weil darauf (irgendwann, wenn die Datenschutzbedenken ausgeräumt sein werden – also nie) ihre Diagnosen und Verordnungen weitergegeben werden können. Der nächste Kollege könnte ja sehen, was man da verzapft hat – auweia!

Dass es vor allem darum geht, Untersuchungen und Behandlungen aufeinander abzustimmen, Wechselwirkungen zu verhindern und den Patienten gemeinsam (statt aneinander vorbei) zu behandeln  – dafür ist das Ärzte-Ego blind. Und ja, letztlich kann diese Vernetzung auch Geld sparen, z.B. indem man doppelte oder überflüssige Behandlungen verhindert.

Vielleicht wird ja wenigstens das ein Motor für die Digitalisierung: Einsparungszwang. Ein schwacher, bisschen trauriger Motor, nebenbei bemerkt.

Bis dahin können wir beruhigt weiter „Black Mirror“ gucken, denn zumindest hierzulande gilt: Eine Digitalisierung findet nicht statt.

 

*Mutti-Apps nenne ich Anwendungen, die von Jungs entwickelt wurden, um Dienstleistungen, die vormals durch Mutti erbracht wurden, zu ersetzen. Zum Beispiel: Zipjet (holt Klamotten ab und lässt sie reinigen), Foodora und deliveroo (bringt Essen vorbei), Helpling (putzt) etc. Auch Siri und die Schlafenszeit-App des iphones gehen in diese Richtung. Eine schöne Mutti-App gibt’s in diesem japanischen Video:

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 Foto: Pixabay
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