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Aldi hat ja jahrzehntelang keine klassische Werbung gemacht. Leider hat sich der Discounter von dieser wohltuenden Praxis verabschiedet und nervt jetzt mit fast exakt den gleichen TV-Werbespots wie Lidl, Edeka und Rewe.

Ja, guckt Euch die mal alle hintereinander an. Wenn Ihr es aushaltet. (Büronymus-Challenge!)

Aldi kommt dabei eher konsumkritisch daher: Wir brauchen doch gar nicht so viel. (Hauptsache billig ey, da stehste doch druff.)

Übrigens wird sich eines beliebten Klischees in der deutschen Werbung bedient: unsympathische Klugscheißer-Kinder, die den Erwachsenen die Welt erklären. Kidsplaining – hab ich da gerade ein neues Wort erfunden?

Das Innovative an diesen Spots: Es geht nicht um so etwas Profanes wie Äpfel, Nudeln und Klopapier. Wenn mal ein krossgebratener Truthahn durchs Bild getragen wird, ist das subtile Andeutung genug. Die Zuschauer sind ja nicht blöd.

Nein, diese Filmchen spiegeln uns, wie wir von denen (den Supermarktketten, aber noch mehr den Werbern) gesehen werden:

Wir wissen genau, wie Ihr Euch fühlt. Ihr Opfer. Immer nur ackern, damit Ihr Euch den ganzen Kram hier leisten könnt. Darüber vernachlässigt Ihr Eure Familien. Opa ist bald tot!!! Und mit Euren Kinder könntet Ihr Euch auch mal wieder beschäftigen. Drachen steigen lassen statt immer nur vor dem ipad hocken. Schnitzt doch mal was! Und Freunde habt Ihr auch keine. Fragt Euch mal, warum.

Wie, das sind Klischees und so sind wir gar nicht? Jedenfalls nicht alle. Nicht immer. Und selbst wenn, dann wollen wir das nicht von unserem Supermarkt hören. FRESSE, SUPERMARKT!

Ich sag Euch jetzt mal, wofür wir Kunden Euch (und Eure Bananen) bezahlen: Jubelt uns keinen abgelaufenen Ketchup unter und keine matschigen Avocados. Lächelt uns an der Kasse an und findet ab und zu ein paar nette Worte (gilt nur außerhalb Berlins – ich will niemanden überfordern). Behaltet die coolen Öffnungszeiten bis 24h bei (yay, Berlin!) und jut is. DAS WAR’S. Ich glaube, das ist gar nicht mal so wenig, wenn man’s ordentlich machen will.

(Innovationsmäßig erwarten wir von Euch eigentlich nix. Da ist ja in den letzten Jahrzehnten außer breiteren Gängen und ner Lupe am Einkaufswagen nix passiert. In den Genuss von selbstfahrenden Einkaufswagen, frischgepflückten Kräutern aus dem Supermarktgarten, Lunchpaketen für die Mittagspause oder abendlichen Kochkursen wird wohl frühestens die Generation unserer Urenkel kommen. Wenn überhaupt.)

Wenn es jedenfalls etwas gibt, ewas wir nicht brauchen, dann Lebenshilfe vom Supermarkt. Behaltet Euren schmierigen guilt-trip.

Kümmert Euch lieber um Euren eigenen sozialen Fußabdruck, statt Euch hier als Hüter moralischer Werte aufzuspielen. Wie Ihr mit Euren Mitarbeiterinnen und Führungskräften umgeht und so. Mal abgesehen von allem anderen: der Preisdrückerei, der Ausbeutung von Bauern und Natur.

Wer hat’s erfunden?

So, und jetzt zu denjenigen, die diesen Mist in die Welt bringen. Den Werbern. (Nix gegen Werber – einige meiner besten Freunde sind Werber. In einem früheren Leben habe ich den Scheiß sogar studiert.)

Also, die Werber sind ja ein ziemlich homogenes Völkchen. Hier in Berlin in der Regel Hipster und unter 40.

Und – genau wie die meisten Drehbuchautoren der Öffentlich-Rechtlichen – haben sie nur so eine wage Ahnung vom Leben da draußen. Wie auch, wenn sie nie rauskommen. Und noch nie einen real job hatten. Also, wo es wirklich um was geht. Kinder erziehen, Leben retten und so. Familie haben auch die wenigsten – wenn, dann eher die Männer ab 40.

Die typische Werberin ist 30 und kinderlos, hat im Sauerland oder im Heidiland eine glückliche Kindheit verbracht und ist dann ganz aufgeregt in die große Stadt gekommen, um ihr Studium abzubrechen und das echte Leben kennenzulernen. Indem sie 65 Stunden die Woche in der Agentur vor ihrem Mac hockt. In ihrer „Freizeit“ geht sie zum Yoga, trinkt grüne Smoothies und strickt Beanies.

Oder aber: Er, der junge Werber, Vollbart, hatte eine ganz und gar nicht idyllische Kindheit in einem ostdeutschen Kinderheim, ist da irgendwie rausgekommen und redet nicht drüber. „Freizeit“: Berghain.

Deshalb machen die beiden (nennen wir sie der Einfachheit halber Anna-Lena und Philipp) jetzt Fernsehspots, in denen sie sich entweder ihre Heidi-Kindheit zurückwünschen (ist ja auch verdammt anstrengend in dog shit city) oder aber die sehnsuchtsvolle IDEE einer schönen Kindheit in die Welt hinausprojizieren. Wo die Eltern endlich mal Zeit haben. Und der Opa nicht alleine Weihnachten feiern muss.

Die wahre Wahrheit

So ein Quatsch! Was für miese Klischees, die Anna-Lena und Philipp (ohne Artikel, weil ausm Osten).

In Wirklichkeit gibt es eine Werberakademie, wo man lernt, wie man einen zeitgeistigen und zu Herzen gehenden TV-Spot macht. Mir wurde da tatsächlich was zugespielt, was man als Rezept bezeichnen könnte. (Ich gebe jetzt hier das Geheimwissen preis, das eigentlich Generationen von Werbern ein Auskommen sichern sollte – sorry ‚bout that.)

zettel-spot

Ich bin froh, dass diese jungen Leute eine so verantwortungsvolle Aufgabe übernommen haben: uns, den Konsumentinnen und Konsumenten der Bundesrepublik Deutschland, beizubringen, worauf es im Leben ankommt. Denn damit kennen sie sich ja aus.

Früher hat das übrigens das Propagandaministerium übernommen. Jetzt erledigen das halt die Supermärkte. Nun ja. Früher war tatsächlich alles besser.

PS: Ach, einen hab ich noch. Von Lidl Rumänien. Achtet auf die Musik.

PPS: Fast vergessen: Rewe! Nicht nur, dass sie für diesen Weihnachtsspot den alten gay hit „I will survive“ missbraucht und damit gegen Punkt 1 des o.g. Rezepts verstoßen haben.

Vor allem frage ich mich: Wo wart Ihr, Pussyhat-Trägerinnen, als diese Hausfrauenschmonzette (Mutti am Herd reißt sich ein Bein aus für Schwiegermutters Anerkennung) durchgewunken wurde?!

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