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Ein Interview mit Sarah Bansemer, Theaterpädagogin und Status-Trainerin, über Business, Theater und Businesstheater

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Büronymus: Sarah, bevor du Theaterpädagogin wurdest, hattest du ursprünglich kaufmännische Assistenz gelernt. Du hast dann als selbstständige Assistentin in verschiedenen Büros gearbeitet. Wie war das?

Sarah Bansemer: Ich hab schnell gemerkt, dass mir das total auf den Zeiger geht.

Was hat dich gestört?

Erst mal die Umgebung. Du kannst sie dir nicht so anpassen, wie du sie zum Arbeiten brauchst. Zum Beispiel wollen manche immer das Fenster offen haben, andere frieren. Ich finde, wenn man schon den ganzen Tag dort verbringt, sollte man es sich insgesamt gemütlich einrichten.

Auch die Kleidung: Ich mag es nicht, den ganzen Tag in Straßenschuhen zu verbringen. Aber in den meisten Firmen ist es nicht üblich, dass man Hausschuhe trägt. Im Gegenteil, man soll am besten in Pumps und Kostüm steif am Schreibtisch sitzen und eine gute Figur machen.

Das Motto war oft: Anwesenheit ist alles. Wer als längstes den Tisch festgehalten hat, hat gewonnen.

Auch das Kollegium war ein Grund. Die Kommunikation war schwierig. Oft waren das keine Leute, mit denen ich mich super gut verstanden habe. Es war eher so ein nebeneinanderher Arbeiten.

Ich habe auch oft schlechte Orga gesehen, Vorgänge laufen nicht effizient, Geld wird verplempert. Und ich kann nichts ändern, auch wenn ich etwas sage. Ich war ja nie lange im System, hab immer nur zwischendurch reingeschaut und dachte mir: Oh mein Gott, was geht da ab?

Das finde ich super, dass du das so früh für dich erkannt hast. Es klingt aber auch ein bisschen, als würdest du dich nicht so gern anpassen?

Ich bin schon anpassungsfähig, aber nicht, wenn es gegen mein eigenes Wohlbefinden geht. Das war wohl ein Erziehungsfehler meiner Mutter. Sie hat immer gesagt: „Du musst nichts machen, was du nicht willst.“ Schon als Kind war das so: Wenn ich etwas nicht wollte, habe ich es nicht gemacht. Ohne Wutanfall oder Brimborium. Ich habe es einfach nicht gemacht.

Klingt nach einer gesunden Einstellung… Du hast dann Dein Hobby zum Beruf gemacht und eine Ausbildung zur Theaterpädagogin absolviert. Heute leitest du drei Theatergruppen hier in Berlin. Kann jeder Theater spielen?

Ja. Auch wenn nicht jeder talentiert ist. Es geht nicht ums Talent. Die Theaterpädagogik kommt aus der Arbeit mit Kindern: Es geht darum, ihnen bestimmte Werte und Verhaltensweisen zu vermitteln. Die Erwachsenen kamen erst später dazu.

Das Theater ist letztlich das Mittel zum Zweck, um Konzentration, Teamfähigkeit und Selbstbewusstsein zu erlangen. Das ist ähnlich wie bei Musik- oder Kunsttherapie. Die Methode ist das Mittel, um mit sich selbst und anderen besser klarzukommen.

Mittlerweile nutzen immer mehr Trainer und Coaches Theaterelemente, denn Spiele oder Powerpoint und Flipchart reichen oft nicht mehr aus, um Menschen zu erreichen.

In klassischen Trainings und Seminaren werden ja gern Rollenspiele gemacht. Der Unterschied ist: Der Trainer steht vor dem Flipchart und erzählt. Plötzlich heißt es: „Und jetzt brauch ich jemanden für ein Rollenspiel.“ Und dann will keiner. Oder nur die Rampensäue – aber das ist ja nicht der Sinn der Sache, dass die sich schon wieder präsentieren.

Jeder soll die Chance haben, etwas auszuprobieren und für sich mitzunehmen. Wir Theaterpädagogen kennen sozusagen die Tricks, wie man die Leute dazu bringt.

Ihr weckt also den Spieltrieb der Menschen?

Genau. In der Arbeitswelt darf man nicht spielen. Man darf nichts ausprobieren, alles muss perfekt sein. Wenn es aber perfekt sein soll, dann müssen wir das tun, was ganz sicher funktioniert. Und das ist das, was wir schon tausend Mal gemacht haben.

Wenn aber etwas Neues entstehen soll, müssen wir probieren. Aus Versuch entsteht Kreativität. Wir Theaterpädagogen wecken die Lust, nicht nur etwas Simples wie ein Ballspiel zu spielen, sondern mit sich selbst zu spielen.

Das kostet sicher Überwindung?

Oft haben wir Angst, etwas zu spielen, was wir nicht sind. Denn andere nehmen uns dann so wahr und denken, wir sind wirklich so. Man kennt das von Soap Operas: Den Zuschauern fällt es schwer, Mensch und Rolle zu trennen.

Der Vorteil beim Theater ist ja: Das Selbstbewusstsein wächst. Man merkt: Ich bin immer noch ich. Ich kann auf der Bühne stottern, dumm sein, ein Arschloch sein. Das Publikum könnte denken, ich bin wirklich so – aber ich kann damit umgehen.

Die Methode, die du in unserem Workshop „Überleben im Job: Konflikte“ anwenden wirst, ist das Improvisationstheater. Was reizt dich an Impro?

Es ist extrem praktisch – gerade für Workshops und Seminare – weil man keinen Text lernen muss. Wir improvisieren ja immer, wenn wir uns unterhalten. Außer bei Konflikten, da geht man verschiedene Szenarien im Kopf durch, die dann sowieso nicht eintreten.

Improvisation kann jeder – das ist ein natürliches Verhalten. Man muss sich aber trauen, weil es erst mal eine künstliche Situation ist.

Ich selbst habe Impro ein paar Mal ausprobiert und fand es faszinierend, aber auch ganz schön anstrengend.

Es ist deshalb anstrengend, weil man sich konzentrieren muss. Da ist immer die Angst, dass etwas Falsches herauskommt. Wir haben uns Spontaneität abgewöhnt. Deutsche sind ein eher unsicheres Volk. Wir gehen körperlich wenig aus uns heraus, haben wenig Selbstvertrauen im Vergleich zu eher expressiven Kulturen.

Wir urteilen schnell, sind miesepetriger als zum Beispiel die Amerikaner. Dieses negative Urteil habe ich dann im Kopf und traue mir dann nicht zu, etwas anderes zu machen. Weil ich weiß, wie ich als Zuschauer reagieren würde.

Ein Teufelskreis!

Durch Impro-Übungen kommt man aber schnell in die Spiellust, eine Ausprobierlaune. Man öffnet sich innerlich, um etwas Neues kennenzulernen. Sie sind super geeignet, um das eigene Verhalten zu ändern: gegenüber Vorgesetzten, Kollegen, der Familie. Der Vorteil von Impro ist: Man kann beliebig oft neu improvisieren und viele Varianten ausprobieren. Wie ist es, wenn ich das lauter oder leiser sage, gut oder schlecht gelaunt?

Und ich bekomme das direkte Feedback vom Gegenüber. Das ist manchmal ganz überraschend. Vielleicht erkennt man: Es gibt ja Verhaltensweisen, die mir fremd sind, aber gar nicht so schwer umzusetzen sind.

Impro ist auch ein super Übungsplatz für Schlagfertigkeit. Sozusagen ein Schlagfertigkeitsspielplatz. Oft fallen einem ja die guten Antworten erst hinterher ein. Mit Impro kann man das trainieren. Dadurch wächst das Selbst-Vertrauen – also das Vertrauen in sich selbst, dass einem immer etwas einfällt.

Man lernt auch, bei sich zu bleiben, fokussiert zu sein.

Es ist eine Art Achtsamkeitstraining. Man muss ja im Moment sein, um reagieren zu können.

Und genau diese Konzentration geht durch soziale Medien, das Tempo unserer Arbeitswelt, das Multitasking verloren. Viele kommen in meine Kurse und sind nach der Arbeit völlig hinüber. Ich mache dann Übungen mit ihnen, die viel Konzentration erfordern. Erst klappt das nicht, aber mit der Zeit wächst die Konzentration. Wenn sie es dann geschafft haben, eine simple Aufgabe zu erfüllen, haben sie ein Erfolgserlebnis. Wenn sie tagsüber keine Erfolgserlebnisse hatten, dann sogar zum ersten Mal.

Das sind Erfolgserlebnisse, die du im normalen Leben oft gar nicht mehr hast. Da machst du viele Sachen parallel, also Multitasking. Du hast etwas fertig und schon kommt das Nächste. Es ist aber unglaublich wichtig, dass wir alle Phasen unserer Arbeit durchlaufen, sozusagen den Zyklus vollmachen.

Deshalb ist es auch so wichtig, den Abschluss einer Arbeit zu feiern. Es wird viel zu wenig gefeiert. In Gedanken sind wir schon wieder am Pläne schmieden. Es ist unglaublich wichtig, sich den Moment zu nehmen, zu feiern und auch andere zu würdigen. Das gilt im Theater wie im richtigen Leben.

Sarah Bansemer und ich geben am 25. Februar in Berlin einen Workshop mit dem Titel „Überleben im Job: Konflikte“. Dabei spielen wir auch mit Impro-Elementen ein. Mehr Infos und Tickets gibt es hier.

Foto: Sarah Bansemer

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