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Je länger ich mich mit Arbeit beschäftige, desto mehr zweifle ich am Gesamtkonzept. Immer öfter stelle ich mir die Frage: Was ist eigentlich Arbeit? Warum arbeiten wir? Und wo geht die Reise hin?

Bevor man sich mit Ideen wie New Work auseinandersetzt, sollte man mal einen Blick zurück riskieren, sozusagen auf Very Old Work: Wie fing das alles an?

Auf die Frage „Was ist Arbeit?“ gibt es jede Menge Antworten – je nachdem, wen man fragt:

  • Sprachwissenschaft: Arbeit kommt vom lateinischen Arvum, also Acker. Denn für die meisten Menschen bedeutete Arbeit Landwirtschaft. Im Alt- und Mittelhochdeutschen bedeutete das Wort „Mühsal“, „Strapaze“, „Plage“. Nicht fehlen darf auch der Hinweis auf das russische „работа“ (rabota), das bekanntlich von „раб“ (rab), also Sklave, abgeleitet ist. Der russische Adel ließ lieber arbeiten: Die Leibeigenschaft, eine Form der Sklaverei, wurde erst 1861 offiziell abgeschafft – 50 Jahre später als in Westeuropa.
  • BWL: Arbeit ist Wertschöpfung.
  • Sozialwissenschaftler: Arbeit ist eine Tätigkeit, mit der Menschen in ihrer Umwelt zu überleben versuchen.
  • Philosophie: Arbeit ist bewusste schöpferische Tätigkeit, die Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Natur.
  • Psychologie: …und sich selbst.

Auf jeden Fall existiert das, was wir unter Arbeit verstehen, noch gar nicht so lange. Archäologen gehen davon aus, dass die Plackerei erst mit der Sesshaftigkeit vor 12.000 Jahren ihren Anfang nahm.

Die Erfindung der Arbeit

Im Zuge der Neolithischen Revolution begannen die Menschen, ihre Nahrungsmittel selbst herzustellen – und dazu mussten sie wohl oder übel an einem Ort bleiben und Dorfgemeinschaften bilden. Da sie langsam immer besser wurden mit der Feldbewirtschaftung und Viehhaltung, konnten sie mehr Nahrungsmittel herstellen, als sie brauchten. Von den Überschüssen war es erstmals möglich, spezialisierte Arbeiter zu beschäftigen und zu ernähren. Die Arbeit war erfunden.

(Ich weiß nicht, was die Leute vorher gemacht haben. Vermutlich hingen sie einfach herum. Vielleicht jagten sie auch Mammuts, sahen das aber nicht als Arbeit an.)

Bevor man auf die Idee kam, Arbeit gegen Ware einzutauschen, war sie ein Tauschgut im Sinne von „Hilfst du mir, so helf ich dir“, das die Menschen miteinander verband.

In der Antike war zumindest die körperliche Arbeit ziemlich unbeliebt. Die großen Denker blickten auf die Schufterei herab und widmeten sich lieber der geistigen Schöpfung. Wer gezwungen war zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, galt als „unfrei“ – oder wie man heute wohl sagen würde: uncool.

Wehe dem, der nicht arbeitet

Erst die Protestantische Ethik von Martin Luther (und noch viel mehr der Calvinismus) machte Arbeit zu einer ehrenwerten Sache – und das Nichtarbeiten zu einer gefährlichen. In der Bibel (2. Brief des Paulus an die Thessalonicher 3,10-11) heißt es:

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

Dieser Satz erfreute sich in der Politik großer Beliebtheit: August Bebel, Hitler und Stalin benutzten ihn.

Den Sowjets gefiel er so gut, dass sie ihn gar in ihre Verfassung aufnahmen. Im Artikel 12 der sogenannten Stalin-Verfassung von 1936 heißt es:

Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“.

In der 1977 beschlossenen sogenannten Breschnew-Verfassung fehlt der Satz. Aber auch der neue Artikel 14 enthält Bemerkenswertes:

Die gesellschaftlich nützliche Arbeit und ihre Ergebnisse bestimmen die Stellung des Menschen in der Gesellschaft.

Der Staat trägt, indem er materielle und moralische Stimuli miteinander verbindet und das Neuerertum sowie die schöpferische Einstellung zur Arbeit fördert, dazu bei, die Arbeit zum ersten Lebensbedürfnis jedes sowjetischen Menschen zu machen.

Das klingt netter, als es gemeint ist: „Ihr habt jetzt bitteschön das Bedürfnis zu arbeiten.“ Inwieweit Arbeit von verschiedenen Gesellschaftssystemen als Druckmittel und Bestrafung eingesetzt wurde und wird, könnt Ihr im hier verlinkten Artikel „Arbeitssucht und Arbeitswahn“ von Christel T. nachlesen.

Die AfD bedauert übrigens, dass „Arbeitslager in Deutschland politisch verbrannt sind.“ (Vorsicht mit den Verbrennungsmetaphern in Deutschland – kleiner Tipp von mir.)

Momentan macht die frischgekrönte Miss USA Schlagzeilen mit ihrer Aussage, bezahlbare Gesundheitsleistungen seien ein Privileg für arbeitende Menschen und kein Recht für alle Amerikaner.

Ich staune über die Hybris solcher Menschen: Es ist offfensichtlich jenseits ihrer Vorstellungskraft, dass auch sie mal zu krank oder erschöpft sein könnten, um zu arbeiten. Oder dass sie vielleicht andere Prioritäten haben könnten. Offensichtlich ist ihr Selbstwert so stark an Arbeit gebunden, dass sie sich einen solchen Gedanken nicht erlauben können.

Recht und Pflicht

Mit der Aufklärung verbreitete sich die Idee eines Rechts auf Arbeit. Deutsche Philosophen erklärten Arbeit sogar zur Existenzbedingung und sittlichen Pflicht des Menschen. Kant allerdings thematisierte in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798, §87) die Schutzfunktion der Faulheit:

Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte.

Hat Kant da den Burnout vorausgeahnt?

Im Jahre 1880 verfasste Karl Marx‘ Schwiegersohn Paul Lafargue „Das Recht auf Faulheit“ – übrigens als Gegenentwurf zum durch die Französische Revolution eingeführten „Rechts auf Arbeit“. Er war der Meinung, dass drei Stunden Arbeit am Tag ausreichen sollten – übrigens ist das in etwa die Zeit, die Jäger und Sammler für ihr Tagwerk aufwendeten.

Dunkle Zeiten

Lafargue hatte zurecht ein grausiges Bild von Arbeit. Gerade mal 200 Jahre ist es her, dass im Zuge der Industrialisierung die Lohnarbeit aufkam. Und die war alles andere als vergnügungssteuerpflichtig: Da die Maschinen möglichst rund um die Uhr ausgelastet werden sollten, waren 15-Stunden-Schichten keine Seltenheit.

Die monotone Akkordarbeit an den Maschinen entfremdete die Arbeiter von ihrer Tätigkeit und erschöpfte sie psychisch und physisch. Kinderarbeit, Hungerlöhne und eine fehlende soziale Absicherung bei Erwerbslosigkeit, Unfall, Krankheit oder Tod ließen die Arbeiter und ihre Familien verelenden. Die katastrophalen Wohnverhältnisse in den Mietskasernen der Städte taten ein Übriges.

Durch die Lohnarbeit war die Arbeitskraft, ja der Arbeiter selbst zu einer Ware geworden. Karl Marx schrieb in „Lohnarbeit und Kapital“*:

Der freie Arbeiter verkauft sich selbst, und zwar stückweis. … 8, 10, 12, 15 Stunden seines täglichen Lebens gehören dem, der sie kauft.

Prof. Frithjof Bergmann, geistiger Vater der New Work, wies in seinem Vortrag auf der XING New Work Experience 2017 auf den Unterschied zwischen landwirtschaftlicher und Lohnarbeit hin: Während die Arbeit auf dem Feld und im Stall den Bauern in seiner Selbstwirksamkeit gestärkt habe, schwäche uns die moderne Lohnarbeit.

Mit dem Aufkommen des Taylorismus Anfang des 20. Jahrhunderts wurde den Arbeitern auch noch das Denken abgenommen. Dafür war schließlich das Management zuständig.

Weniger arbeiten = mehr Gesundheit, Freizeit und Konsum

Irgendwem muss aufgefallen sein, dass es ökonomisch keinen Sinn macht, die Arbeiter zu verheizen. So führte Bismarck 1883 die Sozialversicherung ein, weitere Absicherungen folgten. Im Jahr 1900 wurde der 10-Stunden-Arbeitstag (bei einer 6-Tage-Woche) gesetzlich geregelt. Als Folge der Novemberrevolution einigte man sich 1918/19 auf einen 8-Stunden-Arbeitstag.

In den 50er und 60er Jahren setzten beide deutsche Staaten die 5-Tage-Woche und die 40-Stunden-Woche um. Irgendwann mussten die Arbeitenden ja auch Zeit haben, ihr Geld wieder auszugeben: für neue Waren, Hobbys und Vergnügungen.

1990 wurde für einige Branchen eine 35-Stunden-Woche eingeführt. Seit Ende der 1990er Jahre wurden die Arbeitszeitverkürzungen vielerorts zurückgenommen und die Arbeitszeit teilweise auf bis zu 42 Wochenstunden verlängert.

Seitdem gab es trotz technischer Fortschritte keine weiteren Versuche, die Wochenarbeitszeit zu verkürzen.

Im Gegenteil: Dank Smarthpones, Tablets und Laptops arbeiten immer mehr Menschen auch in ihrer Freizeit – oder stehen zumindest bei Fuß. Arbeit heute ist viel schneller und verdichteter, wie dieser Rückblick in die gemütliche, aber auch nervenaufreibenede Zeit des Analogen Büros zeigt.

Unbezahlte Arbeit

Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass Arbeit nicht unbedingt bezahlte Arbeit ist. Haushalts-, Pflege- und Sorgearbeit (schreckliches Wort!), Ehrenamt und Freundschaftsdienste sind nach wie vor unbezahlt. Dies ändert sich allerdings gerade, da viele dieser Leistungen kommerzialisiert werden:

  • Mal-auf-die-Kinder-aufpassen wird zum professionellen Babysitting
  • Gebrauchte Kinderkleidung wird nicht mehr verschenkt, sondern auf ebay zu Geld gemacht
  • Man nimmt nicht mehr einfach jemanden mit dem Auto mit, sondern bietet einen Chauffeursdienst an (Uber)
  • Freunde beherbergen wird zur Übernachtungsdienstleistung (AirB’n’B)

Die erwähnte Idee des Tauschguts, das Menschen verbindet, tritt immer mehr in den Hintergrund.

Gleichzeitig übernehmen wir unbezahlt immer mehr Aufgaben, die ursprünglich von bezahlten Dienstleistern erfüllt wurden:

  • Wir bauen unsere Möbel selbst auf
  • Wir buchen unsere Überweisungen und zahlen uns selbst Geld aus
  • Wir recherchieren und buchen unsere Flüge und Übernachtungen selbst
  • Wir checken am Flughafen selbst ein
  • Wir diagnostizieren unsere Krankheiten selbst
  • Wir designen selbst
  • Wir informieren und beraten uns selbst bei größeren Anschaffungen

Manchmal frage ich mich, ob das ein weiterer Grund ist, warum viele Menschen sich so gestresst fühlen: weil wir immer mehr Teiljobs von anderen (und damit auch die Verantwortung für das Gelingen) selbst übernehmen?

Neue Arbeit

Unter Neuer Arbeit, New Work oder Arbeiten 4.0 wird heute gern alles subsummiert, was anders als die Old Work ist: weniger oder keine Hierarchien, selbstorganisiert, agil, flexibel, menschenfreundlich.

Frithjof Bergmann schildert im obigen Video, dass er New Work in den 70ern für die ersten „Opfer“ der großen Automatisierungswelle entwickelte: Arbeiter aus der Automobilindustrie des rust belt. Schon damals stand für ihn fest, dass das klassische Job-System bröckelt – und er stellte sich die Frage: Was werden die Menschen tun, wenn es weniger Arbeit gibt?

New Work setzt sich aus folgenden Faktoren zusammen:

  • 1/3 Erwerbsarbeit zum Überleben
  • 1/3 Hightech-Selbstversorgung und smart consumption (whatever that means)
  • 1/3 Arbeit, die man wirklich, wirklich will

Für mich persönlich ist New Work eine große Inspiration. Wobei mein Ziel bleibt, irgendwann bei 2/3 „Arbeit, die ich wirklich, wirklich will“ zu landen – und das restliche Drittel frei zu haben.

Im Teil 2 dieser Serie wird es um die Frage gehen: „Warum arbeiten wir?“

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #NewWork17 von Dr. Wilfried Felser.

*Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital, S. 23. Dietz Verlag, Berlin. (1984)
Foto: Martin Wessely, Unsplash.com
Grafik: Pixabay.com

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