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Ich dachte immer, es liegt an mir. Jedesmal, wenn ich im Job nicht gehört oder nicht ernstgenommen wurde. Jedesmal, wenn meine Idee erst dann aufgegriffen wurde, wenn sie von einem Mann wiederholt worden war.

„Ich bin wohl nicht durchsetzungsstark genug, meine Argumente sind nicht überzeugend genug, vielleicht bin ich dank meiner Stimmbandlähmung auch einfach zu leise“, dachte ich.

Dann stieß ich auf diesen Artikel über Martin und Nicole. Die beiden arbeiteten für einen Bewerbungsservice in den USA und verwendeten einen gemeinsamen E-Mail-Account. Einmal schrieb Martin einen Kunden versehentlich mit der Signatur seiner Mitarbeiterin Nicole an. Er staunte, wie unhöflich und grob der Kunde war, zickig und unzufrieden. Dann entdeckte er seinen Fehler. Kaum hatte er den Kunden wieder als Martin „übernommen“, lief alles wie geschmiert. Dabei waren seine Fragen und Vorschläge exakt dieselben wie vorher.

Das Experiment

Nicole und er beschlossen, für zwei Wochen jeweils unter dem Namen des anderen zu arbeiten. Martins Fazit:

It sucked. Everything I asked or suggested was questioned.

(Zu Deutsch: „Es war ätzend. Alles, was ich fragte oder vorschlug, wurde in Frage gestellt.“) Selbst die Klienten, mit denen Martin zuvor prima klargekommen war, behandelten ihn plötzlich von oben herab. Nicole dagegen hatte als „Martin“ die produktivste Woche aller Zeiten…

Am wenigsten überrascht war übrigens Nicole vom Ausgang des Experiments. Mich hat es schon erstaunt. Dass man als Frau doppelt so viel Zeit braucht, um den Respekt des Kunden zu erlangen und zu ihm durchzudringen, ist heftig. Aber woher soll man es wissen, wenn man keinen Vergleich hat?

Jetzt weiß ich also: Meine Probleme, gehört zu werden, könnten einfach damit zusammenhängen, dass ich eine Frau bin.

It’s the status, stupid!

Nun könnte man dieses Experiment als Einzelfall abtun, gäbe es nicht Erkenntnisse, die ich in meinem Artikel „Das gekaufte Herz“ bereits erwähnt hatte. Die Soziologin Arlie Russell Hochschild schreibt in ihrem gleichnamigen Buch: „Menschen mit einem hohen Status genießen in der Regel das Privileg, dass man ihre Gefühle zur Kenntnis nimmt und für wichtig hält.“

Man beachte, dass Nicole die Mitarbeiterin von Martin war, also einen niedrigeren Platz in der Hierarchie hatte. Gleichzeitig ist sie eine Frau und hat damit einen niedrigeren Status in der Gesellschaft inne (ja, leider, auch hierzulande, auch 2017). Hochschild beschreibt, wie sich der niedrigere Status des Frau-Seins auswirkt:

Gefühle von Frauen werden weniger zur Kenntnis genommen und für wichtig gehalten. „Man glaubt, dass Frauen emotionaler sind, und dieser Glaube bedingt die Abwertung ihrer Gefühle. Das bedeutet, dass Gefühle von Frauen nicht als Reaktion auf wirkliche Ereignisse, sondern als Reflex ihrer ‚Emotionalität‘ verstanden werden. … Der einzige Ausweg aus dieser Gefühlsdoktrin besteht im Durchbrechen der grundlegenden Verknüpfung zwischen Geschlecht und Status.“

Offenbar gilt das nicht nur für Gefühle, sondern auch für sachliche Argumente im beruflichen Kontext Job. Frauen werden per se weniger ernstgenommen.

Das heißt: Nicole hatte die doppelte Arschkarte – niedrigerer Status als Frau und niedrigerer Status in der Hierarchie.

Offener und unbewusster Sexismus

Ich habe im Laufe meiner Karriere keine offene Diskriminierung als Frau erlebt – also keine direkten Angriffe. Das traut sich wohl heute kaum noch jemand. Dachte ich.

Bis ich neulich auf einer Veranstaltung eine Frau traf, die Unerhörtes aus einer renommierten Werbeagentur berichtete: In ihrem vorwiegend männlichen Team fiel täglich bis zu 30 Mal das Wort „F*tze“. Selbst der CEO fand das geil und meinte, sie müsse damit leben. Sie hat gekündigt.

Neben solchem offenen Sexismus gibt es aber noch etwas, das uns Frauen Probleme bereitet – und von dem wir leider selbst nicht frei sind: unbewusste Ressentiments (unconscious bias) gegenüber Frauen. Die Studienlage ist überwältigend, alle Studien zeigen dasselbe:

Unconscious bias bedeutet, dass unsere Gesellschaft unbewusst zum Männlichen tendiert und das Männliche bevorzugt. Es geht hier also gar nicht darum, dass jemand bewusst diskriminiert (was es auch gibt), sondern um unbewusste Prozesse, die auch bei wohlmeinenden Menschen ablaufen.

Wollt Ihr wissen, ob Ihr unbewusste Vorurteile habt? Dann schaut Euch mal dieses BBC-Video an (Englisch):

Auf Autopilot zum Mann

Ich gebe Euch selbstkritisch ein Beispiel: Ich bin am Flughafen und habe ein Problem, steuere also auf den Schalter der Fluggesellschaft zu. Dahinter stehen ein Mann und eine Frau in Uniform. An wen wende ich mich automatisch? An den Mann, weil ich unbewusst davon ausgehe, dass er den höheren Status hat. Weil ich unbewusst annehme, dass er mehr zu sagen hat und mir schneller helfen kann. Das ist x-mal so passiert.

Mir ist das erst klar geworden, als ich „Das gekaufte Herz“ gelesen habe. Und ich finde es furchtbar. Wie steuere ich gegen? Mich in so einer Situation immer an die Frau zu wenden, wäre auch irgendwie gaga, also werfe ich mental eine Münze.

Es gibt übrigens sehr gute Assoziationstests der Harvard University, die das Unterbewusstsein anzapfen. Falls Ihr mal wissenschaftlich testen möchtet, ob Ihr unbewusste Vorurteile habt, macht den Test! (Bemerkenswert finde ich den Warnhinweis auf der Testseite: Möglicherweise findet man Dinge über sich heraus, die einem nicht gefallen werden. Diese Amis! 😀 )

Gender Bias

Dass der gender bias existiert, wurde in unzähligen Studien immer wieder nachgewiesen:

Was geht ab im Unterbewusstsein?

Die Neurowissenschaftlerin Janet Crawford erklärt in diesem TEDx-Video, wie unser Gehirn gender bias produziert:

Kurz gesagt (das Video ist leider nur auf Englisch verfügbar): Unser Gehirn scannt die Umgebung ständig nach Mustern ab und legt sie als „So sind die Dinge oder so sollten sie sein“ ab. Auf diese Weise erschließen wir uns unsere Welt und reagieren auf Umweltreize. Meistens funktioniert das gut – und vor allem schnell. Allerdings macht sich das Gehirn keine Gedanken (hehe!) um Sinnhaftigkeit, Gerechtigkeit oder Wahrheit dieser impliziten Assoziationen.

Ein Beispiel für eine solche implizite Assoziation ist: Ich spreche jemanden (vermutlich eine Frau) in einem Geschäft an in der Annahme, sie sei eine Verkäuferin. Sie ist aber gar keine – peinlich, peinlich. Hinterher frage ich mich: Wie bin ich bloß auf die Idee gekommen, sie sei eine Verkäuferin? Vielleicht hatte sie als einzige im Laden keine Jacke an. Vielleicht trug sie ein Namensschild am Revers. Vielleicht sah sie aus, als würde sie Ware sortieren. Mein Unterbewusstsein hat sie jedenfalls als Verkäuferin eingeordnet.

Genauso funktionieren übrigens unbewusste Vorurteile gegenüber anderen Völkern und Rassen. Ich habe einmal aus den Augenwinkeln eine Frau wahrgenommen und unbewusst in die Schublade „Roma“ gepackt, obwohl sie keine war. Hinterher wurde mir klar: Sie trug einen bunten, bodenlangen Rock (die kamen gerade in Mode) und große Kreolen.

Studien haben gezeigt, dass wir auf gleiche unbewusste Weise Worte wie „Leader“ oder „stark“ mit Männern assoziieren, Worte wie „emotional“ und „zerbrechlich“ hingegen mit Frauen. 16 Millionen Menschen haben den Test absolviert und die Ergebnisse zeigen, dass diese impliziten Assoziationen bei den meisten Männern und Frauen vorhanden sind – und zwar unabhängig von ihrer politischen Einstellung.

Das kann einen ganz schön runterziehen, oder? Unbewusste Vorurteile kommen fast wie eine Naturgewalt daher. Auch das hat die Wissenschaft bestätigt: Das Wissen um den gender bias ist für Frauen deprimierend. (Sorry, Mädels.) Aber das soll uns nicht grämen. Kampf dem bias!

Was können wir dagegen tun?

Wie bereits erwähnt: Gender bias ist bei beiden Geschlechtern vorhanden. Er ist unabhängig von unserem guten Willen, unserer Bildung usw. Wir können gegensteuern, indem wir uns selbst und einander beobachten, das Unbewusste ins Bewusstsein bringen und thematisieren.

Männer, die Frauen bewusst und offen unterstützen, sind extrem wichtig. Die Tatsache, dass es male feminists wie Robert Franken gibt, hilft enorm. Er ist ebenfalls Gründer der Initiative #men4equality, in der sich namhafte Speaker verpflichten, keine reinen Männer-Events (#allmalepanel) mehr zu besuchen. Männer mit feministischen Tendenzen – meldet Euch bei Robert! 🙂 Womit wir beim nächsten Thema wären:

Gender representation

Warum ist es wichtig, wie Geschlechter im öffentlichen Leben verteilt sind? Weil wir genau aus diesen unbewussten Wahrnehmungen unsere Weltsicht (sprich: Vorurteile) basteln. Als ich klein war, war es zum Beispiel unüblich für Frauen, Auto zu fahren. (Ja, so alt bin ich.) Als meine Mutter eines Tages den Führerschein machte, sträubte ich mich massiv, zu ihr ins Auto zu steigen. (Sorry, Mutti.)

Niemand hatte mir je explizit gesagt, dass Frauen nicht Auto fahren können. Ich hatte es nur nie gesehen. Und nahm daher an, sie könnten es nicht. Gleiches gilt übrigens für die Verwendung einer Bohrmaschine. Kein Hexenwerk, trotzdem hatte ich lange Zeit Respekt davor – einfach weil ich dachte, Frauen könnten das nicht so gut.

Und jetzt übertragt das aufs Berufsleben.

Konkrete Tipps:

  • Über 50 Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen, auf den Podien von Veranstaltungen sitzen aber zu 74 Prozent Männer, wie die Statistik des Watchblogs „50 Prozent“ zeigt.
    Ihr könnt dort Veranstaltungen eintragen, um die Statistik zu füttern, und natürlich die Veranstalter solcher #allmalepanels kontaktieren und nachhaken.
  • Frauen auf die Bühne! Die Ausrede Nummer Eins der Veranstalter lautet: „Wir konnten keine kompetente Frau finden.“ Speakerinnen.org ist ein Portal, in dem sich Frauen mit ihren Themen als Rednerinnen anbieten.
    Registriert Euch dort, wenn Ihr Lust habt, Vorträge zu halten. Ich hab’s auch getan. Und ja, Ihr seid kompetent genug.
    Falls Ihr Euch in punkto Vorträge weiterbilden möchtet, bietet die Women’s Speaker Foundation Kurse an, ebenso die German Speakers Association. Eine nicht-kommerzielle Alternative sind die Toastmasters, wo man das Sprechen bei regelmäßigen Clubtreffen üben kann.
  • Filme und Bücher featuren vor allem Männer in den Hauptrollen. Auch in Talkshows, Dokus, Wissenschaftsendungen usw. sind Frauen oft unterrepräsentiert. Falls Ihr im Film- oder Fernseh-Business seid, könnt Ihr was dagegen tun: Achtet auf eine gerechte Verteilung der Geschlechter.
    Wenn Ihr glaubt, das sei doch egal, irrt Ihr Euch. Eine Studie der Uni Münster zeigt, dass Jugendliche z. B. ihre Berufwahl stark an Fernsehserien orientieren. Junge Menschen in Serien arbeiten aber hauptsächlich im Medienbereich, der Modebranche oder der Gastronomie. Technische oder Fertigungsberufe findet man eher selten. Film und Fernsehen haben also einen enormen Einfluss darauf, wie Kinder und Jugendliche die Welt sehen. Neben Eltern und Bildungseinrichtungen.
  • Schule: Oh je. Zur Einschulung eines kleinen Jungen war ich auf das offizielle Schulfest eingeladen. Die Zweitklässler führten ein Stück für die Einschüler auf. In der Hauptrolle: ein kleiner Junge. (Natürlich.) Er spielte einen Zauberer, der dank seiner magischen Fähigkeiten ganz schnell lernen konnte. Oder so ähnlich. In den Nebenrollen: drei kleine Mädchen als – wait for it – Mäuschen!
    Mir kocht jetzt noch das Blut. Die Rolle der drei Mäuschen bestand vor allem darin, den Zauberer anzuhimmeln und um Hilfe zu bitten. Weil der ja die magischen Kräfte hatte. Sowas tun wir unseren Kindern an. Bzw. sowas hecken sich Grundschullehrerinnen aus – und denken sich nichts dabei. Eltern üben die Rollen mit ihren Kindern ein – und denken sich nichts dabei. Unconscious bias, sag ich nur! Als ich das vorsichtig ansprach, sah das übrigens keiner meiner Freunde so. „Ach was, war doch niedlich.“ „Sind doch nur Kinder.“ Ja, aber diese Kinder sind irgendwann erwachsene Frauen, denen eigentlich 50 Prozent der Welt gehören. Oder wie war das?
  • Medien: Unfassbare zwei Prozent aller Chefredakteure der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen sind Frauen. Von den 12 Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind lediglich drei weiblich. Der Verein „Pro Quote“ formuliert das Problem so:

    Männer bestimmen, was wir lesen, hören und sehen. Wir brauchen eine Berichterstattung, die die gesamte Gesellschaft abbildet.

    „Pro Quote“ setzt sich für eine Frauenquote von bescheidenen 30 Prozent* in deutschen Redaktionen ein. Und für mehr Frauen auf Chefposten.

  • Werbung: Eieiei, ein harter Brocken! Ich kenne einige Leute in der Werbung und bekomme auch selbst Aufträge aus der Werbeindustrie. Neulich hatte ich wieder zwei Filmskripte auf dem Tisch liegen: In dem einen spielte ein Mann die Hauptrolle: als cooler Draufgänger. In dem anderen eine Frau: Sie lachte. Und neben ihr saß eine weitere Frau, die lachte und kreischte auch. Ja, traurig.
    Wenn Ihr in der Werbung seid: Ändert das! Denn auch Ihr habt einen riesigen Einfluss auf die Wahrnehmung der Geschlechterrollen.
    Wobei ich das Dilemma verstehe, da es mir hier auf dem Blog auch immer wieder begegnet: Einerseit will man die Wirklichkeit abbilden oder zumindest nah dran sein, so dass das Publikum sich mit den Inhalten identifizieren kann. (Z. B. sind die Chefs in meinen Texten fast immer männlich. Denn erstens ist das in meinem Berufsleben so gewesen und zweitens fände ich es ungerecht, ausgerechnet bei meinen kritischen Schilderungen Chefinnen als Beispiel zu verwenden.) Andererseits verfestigt man so den Status quo. Ich denke also, die Werbung könnte ein paar draufgängerische Frauen und kichernde Männer vertragen,
  • In Kinderbüchern erleben Jungen Abenteuer, während Mädchen Ponys streicheln. Falls Ihr Kinder habt, kauft ihnen Bücher ohne Rollenklischees. (Mehr Tipps zur Rosa-Hellblau-Falle findet Ihr auf Ich mach mir die Welt und bei Pinkstinks.)
  • Ups! In vielen Kinderbüchern kommen ja gar keine weiblichen Figuren vor. Oder sie haben leider keine Sprechrolle abbekommen, sondern stehen dekorativ irgendwo rum. Speziell für Mädchen (aber nicht nur!) gibt es Bücher über coole Frauen, die sich selbst etwas aufgebaut haben, z. B. dieses hier: Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen (Amazon Partner Link).

Back to you, Nicole

Falls es Euch aufgefallen ist: Eine Person ist in diesem Artikel noch gar nicht zu Wort gekommen, nämlich Nicole aus der Geschichte ganz am Anfang. Ihr erinnert Euch, das Experiment mit den getauschten E-Mail-Signaturen.

Nicole hat ihre Sicht der Dinge unter dem Titel Working while female beschrieben. (Ich fand den Titel so treffend, dass ich mir erlaubt habe, ihn hier zu verwenden. Die deutsche Übersetzung „Arbeiten als Frau“ trifft es nicht so, denn ich arbeite ja nicht als Frau 😀 , sondern ich arbeite, während ich zufällig eine Frau bin.)

Sie schildert darin, wie ihre männlichen Vorgesetzten sie routinemäßig unterbrachen und über sie hinwegredeten, ihre Vorschläge „überhörten“. Wir kennen das ja jetzt schon.

Nach dem Experiment berichteten Martin und Nicole ihrem Chef, was sie entdeckt hatten. Die Reaktion ihres Chefs haute Nicole um: Er zweifelte die Schlussfolgerung der beiden an. Tausend andere Gründe kamen für ihn in Frage, warum Nicole es so viel schwerer hatte als Martin. Aber es lag bestimmt nicht daran, dass sie eine Frau war.

Vor ein paar Wochen hätte ich das auch noch geglaubt.

*Update 19.07.17: Der Pro Quote e.V. hat sein Ziel auf 50 Prozent korrigiert.

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Foto: Unsplash, Joyce Huis
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