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Nach der großen Resonanz auf Working while female höre ich öfter die Meinung, Frauen müssten die entsprechenden „Techniken“ hierarchischer (oder arschiger) Kommunikation lernen, um dann das System von innen auszuhöhlen. Oder was auch immer.

Das erinnert mich an Karatefilme: Wir trainieren dich, machen dich hart, statten dich mit einer Rüstung und dem nötigen Waffenarsenal (oder netter: Handwerkszeug) aus und dann gehst du da rein. Cover me, I’m going in.

Ich frag mich immer: Wie soll das bitte aussehen? Ich mache einen Kurs, „Aggressionen für Anfängerinnen“ oder so, in dem ich z. B. lerne, schnurstracks geradeaus zu laufen und alle aus dem Weg zu räumen, die mir entgegenkommen. Denn Ausweichen ist für Weicheier – pardon, für Frauen. Lacht nicht, es gibt solche Kurse.

Agentin des Guten

Wenn ich dann alles gelernt habe, was ich brauche, um in einer HORG oder einer extremen Marktkultur (Stichwort Wolfsrudel, siehe weiter unten) erfolgreich zu bestehen, gehe ich rein und mische bei allem schön mit: bei den Machtspielchen, dem EINE-HAND-WÄSCHT-DIE-ANDERE, dem REVIER-ABSTECKEN und JEMANDEN-ANS-BEIN-PINKELN, beim SCHWANZVERGLEICH, beim ICH-CHEF-DU-NIX, beim JA-DU-BIST-DER-GROSSE-MEISTER-WETTARSCHKRIECHEN, dem STILLHALTEN-BIS-MEINE-CHANCE-KOMMT – und vielleicht sogar beim Königsmord.

All das tue ich natürlich reinen Herzens und ich bewahre mir meine angeborene moralische und kommunikative weibliche Überlegenheit (falls es sowas überhaupt gibt) – bis zu dem Moment, wo ich als Agentin des Guten ganz an der Spitze bin. Und dann kille ich das System mit seinen eigenen Waffen.

Oder, hm, vielleicht auch nicht. Vielleicht beiße ich auch alle anderen weg, damit ich meinen fetten Dienstwagen, mein fettes Gehalt, mein fettes Eckbüro und meine fette Altersvorsorge behalte. Ups, das System hat mich korrumpiert. Die ganze Anpassungsnummer hat zu nichts geführt – außer dass ich jetzt so bin, wie das System mich haben will. Und nicht mehr ich selbst.

OK, zweiter Versuch. Ich lasse das bleiben mit der Machismo-Ausbildung, gehe einfach so rein und vertraue auf meine weiblichen Qualitäten. (Ungefähr so, wie ich es gemacht habe.) Im Gegenzug bekomme ich das Gefühl, falsch zu denken, falsch zu kommunizieren, falsch zu sein. Jahrelang. Es hatte schon seine Gründe, warum ich ein kleines grünes Ü-Ei-Alien auf meinem Schreibtisch stehen hatte.

Wenn ich kämpferischer Natur bin, dann kämpfe ich gegen alles an, was mir falsch erscheint. Und wenn ich nicht gestorben oder krank geworden bin, dann kämpfe ich noch heute…

Meine persönliche Erfahrung ist: Bevor du das System änderst, ändert es dich. Oder es frisst dich auf. Oder es stößt dich aus. Sicher ließe sich mit einer kritischen Masse auf einen Schlag (Frauenquote!) was machen. Aber als einzelne Frauen mit der Idee „Ich verändere das System“ da reinzugehen, halte ich für unrealistisch.

Stop fixing the women! Fix the system

Stop fixing the women heißt übrigens ein toller und wichtiger Artikel von male feminist Robert Franken, in dem er u. a. erklärt, warum es nichts bringt, Frauen männliches Verhalten anzutrainieren.

Was er nicht erwähnt und was ich deshalb an dieser Stelle ergänzen möchte, ist die unglaubliche Verletzung, die darin liegt, Menschen (in diesem Fall Frauen) ständig zu sagen, dass sie nicht OK sind, so wie sind. „Du musst …. werden.“ (Setze ein: schlanker, taffer, fröhlicher, fitter, gewiefter, erfolgreicher, härter“ – und Du hast das Virus, an dem unsere westliche Gesellschaft krankt.)

Tatsache ist: Die heutige Arbeitswelt, insbesondere die HORG, ist in weiten Teilen genau so konzipiert, dass ich, wenn ich wirklich meine weiblichen Stärken ausagiere, keine Chance habe. Das System ist für Männer und ihren Aufstieg gebaut. Ich kann mir nichts Falscheres vorstellen, als Frauen aufzufordern, sich daran anzupassen und sich selbst zu verleugnen. Vor allem: Wozu? Damit sagen wir ja, dass das System richtig ist, so wie es ist. Ist es aber nicht.

Das Ergebnis solcher Manipulation durch Aus- und Weiterbildung begegnet mir gelegentlich auf Veranstaltungen: junge Menschen (= Männer und Frauen, denn wollen wir mal nicht vergessen, dass es auch Männer mit positiven weiblichen Qualitäten gibt) – junge Menschen also, die schon derartig auf HORG trainiert wurden, dass ihre Persönlichkeit, ihre Authentizität und ihre innere Stärke bereits hinter der Maske verschwinden. Gruselig ist das.

Das fängt an bei überangepassten Azubis, die jedem Knochen hinterherjagen, den man ihnen hinwirft – ohne auch nur einmal stehenzubleiben und zu hinterfragen, wofür sie eigentlich irgendwas jagen sollen. Was stimmt nicht mit denen? In welcher Hundeschule waren die denn, wenn sogar ich als DDR-Kind rebellischer bin?

Oder junge Menschen auf Autopilot. In der Reha habe ich mal eine Frau Ende 20 kennengelernt mit vier, fünf Ausbildungen, karrieremäßig von Anfang an voll durchgestartet. Sie hatte dort, auf Kur, zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, innezuhalten, über alles nachzudenken und sich zu spüren, Bilanz zu ziehen.

Roboter der neuen Generation

Und es endet bei den jungen Leuten, die ich Führungsroboter nenne, denen man künstlich „Selbstbewusstsein“ und irgendwelche billigen Pseudomethoden (aktives Zuhören!) eingetrichtert hat. Und denen man das eigene Urteilsvermögen abtrainiert hat. Das kann ja auch sehr hilfreich sein im Berufsalltag. 😛

Ein junger Mann berichtete mir, dass ihm bei einem Praktikum in einem großen Unternehmen beigebracht wurde, für mehr persönliche „Visibility“ – mein neues Hasswort – zu sorgen. Es gab sogar Punkte (!) dafür. Die Begründung war: Wer nicht sichtbar ist, wird nicht befördert. So züchtet man Schaumschläger heran. Und Hündchen, die irgendwelchen Punkten hinterherjagen.

Ich möchte diese jungen, im Übrigen sehr netten (natürlich!) und hochmotivierten Leute am liebsten packen und durchschütteln. Ich sehe ihr zukünftiges Roboterleben vor mir, ihre Entfremdung, ihre Verlorenheit, ihre Reise in den Burnout. Ich will ihnen sagen, dass es auf all das gar nicht ankommt, dass sie auf ihr Herz hören sollen und auf sonst gar nichts.

Frauenunternehmen

Was ist also Phase, Mädels? (Hehe, mal coolen Berliner 80er-Spruch ausgegraben.) Was können wir tun, um in Frieden zu arbeiten? Gibt es Hoffnung in einem Land, in dem sogar Frauenzeitschriften von Männern herausgegeben werden? Vor einigen wenigen Tagen bin ich auf die News Mavens gestoßen, ein Netzwerk von europäischen Journalistinnen, die Nachrichten aus Frauensicht machen wollen. Ich finde das gut und bin sehr gespannt, wie das aussieht.

Ich finde es gut quasi als Pendelausschlag in die andere Richtung, nachdem jahrhundertelang Nachrichten von Männern gemacht wurden. Die Welt durch die Frauenbrille sehen – of course. Erfahrungen mit und in Organisationen machen ohne Männer – of course.

Aber natürlich sind reine Frauenunternehmen nicht die Lösung. Genau wie reine Männerclubs. Oder um es mit den Worten der Theaterpädagogin Sarah Bansemer, die mehrere freie Theatergruppen in Berlin leitet, zu sagen:

In reinen Männergruppen ist es wie im Wolfsrudel. Reine Frauengruppen hingegen ertrinken in ihrer eigenen Harmonie. Deshalb arbeite ich mittlerweile lieber mit Gruppen, in denen das Verhältnis ausgewogen ist.

Jaja, ich weiß, Stereotypen. Nicht in jeder Männergruppe gibt’s eine Hackordnung und nicht jede Frauengruppe macht Ringelpietz mit Anfassen. Und doch finde ich solche Erfahrungen aus der Praxis (wie die von Sarah) ganz hilfreich.

Oder Experimente wie dieses Video, das im Netz als Beweis der überlegenen Empathie von Mädchen gefeiert wird:

Zusammenfassung auf deutsch: Jungen und Mädchen bekommen versalzene Limonade serviert. Die Jungs: „Ekelhaft!“ Die Mädchen: „Najaaaaaa, ist nicht schlecht, aber schmeckt ein wiiiinziges bisschen zu sehr nach Zitrone.“

Hm, ich weiß nicht, was Ihr seht. Aber ich sehe hier Jungs, die unverblümt ihre Meinung sagen und Mädchen, die sich der lieben Harmonie (oder Höflichkeit oder Gefallsucht) wegen auf die Zunge beißen. Und wer trinkt am Ende lächelnd salzige Limonade?

Ich kann es gar nicht fassen, dass das als etwas Positives dargestellt wird! Hello?! Das sind die gleichen Mädels, die später im Führungskräfte-Meeting sitzen und die ganze Zeit „whatthefuckwhatthefuckwhatthefuck“ denken und dabei lächeln und den Mund nicht aufmachen.

Spannend wäre gewesen, wie die Reaktionen der Kids in einer gemischten Runde ausgesehen hätten…

Aber kommen wir zurück zu der Frage:

Wie kann man/frau/mensch HORGs verändern?

Gegenfrage: Warum sollte man? Ich gehe davon aus, dass sie von selbst eingehen, wie ich in diesem Interview „HORGs sind tot, sie wissen es nur noch nicht“ von Gunnar Sohn schildere.

Und das ist jetzt kein reines Wunschdenken. Wenn sich unsere Welt durch die Digitalisierung tatsächlich so verändern sollte, dass Arbeiten immer mehr eine freiwillige, sinnorientierte Sache wird, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gibt oder die Menschen eigene, unabhängige Einnahmequellen haben (z. B. einen Onlineshop), wenn die Menschen selbstbewusst genug sind und selbstbestimmt arbeiten gelernt haben – dann darf man getrost fragen, wer eigentlich noch für so einen hierarchischen Laden arbeiten möchte? Nach dem Motto: „Stell Dir vor, es gibt HORGs und keiner geht hin.“

Während einer Veranstaltung bei Unilever kam neulich eine Frage an die Gastgeberin auf: Würde in einer rein sinngetriebenen Arbeitswelt überhaupt noch jemand Tütensuppen produzieren wollen? Die Antwort der Unilever-Mitarbeiterin kam prompt: Möglicherweise nicht.

Einige HORGs werden also ihre Mitarbeiter verlieren, weil sie keinen Sinn anbieten. Und/oder sie werden ihre Kunden verlieren, weil sie sich nicht rechtzeitig an deren verändertes Konsumverhalten anpassen. Oder aber weil sie ihre Mitarbeiter und Kunden nicht ernstnehmen. Arrogance killed the cat.

Und dann?

Überleben werden Unternehmen, die sich transformieren, z. B. auf eine konsequente Mitarbeiterbeteiligung (sowohl finanzen- und machttechnisch) setzen oder gleich auf die Umwandlung in Stiftungen oder Genossenschaften. Das würde vermutlich zu einer neuen Sinnorientierung führen sowie zu einer Ausrichtung an neuen Werten, die auch Frauen und Minderheiten entgegenkommen.

Auch eine Dezentralisierung und Aufteilung großer HORGs in kleinere, autonome Einheiten wäre möglich. Nach dem Motto: Entscheidungen fallen dort, wo die Kompetenz vorhanden ist. Der bürokratische Wasserkopf kann abgebaut werden.

Ich weiß, das ist vielen zu radikal. Aber wie heißt es so schön: Take it, change it or leave it. Da ich „Aushalten“ in Anbetracht unserer begrenzten Lebenszeit und unserer dankenswerten Möglichkeiten (aka Priviliegien) in der westlichen Welt eine sehr schlechte Alternative finde, bin ich für echte Veränderung durch Transformation oder fürs Abhauen.

Wie können Frauen also Karriere machen erfolgreich sein ein gutes Leben haben?

Wie Ihr seht: Das Wort „Karriere“ verwende ich gar nicht mehr, das habe ich so gut wie beerdigt, nachzulesen im Beitrag „Frauen – zu blöd für die Karriere“. Besser gefällt mir die Umdeutung von Marcus Raitner:

Auch das Wort Erfolg finde ich mittlerweile dubios. Was ist Erfolg? Er kommt mir vor wie das Quantenteilchen: Sobald man genauer hinschaut, ist er weg. 😛

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr möchte ich nicht nur Frauen, sondern alle Menschen vor „Karriere“ schützen, vor allem die jüngeren. Macht nicht die gleichen Fehler! Steigt nicht auf die Karriereleiter, begebt Euch nicht ins Hamsterrad! Lohnt sich nicht, ey. Seht lieber zu, dass Ihr ein gutes Leben habt und Euch abends fröhlich im Spiegel zugrinsen könnt. Entfaltet Euch und sucht Euch einen Platz, wo Ihr Euch wohlfühlt und etwas bewirken könnt.

Vielleicht ist es ja gerade die Aufgabe der Frauen (und entsprechend interessierten Männer), Arbeit neu zu definieren, ein gutes Leben neu zu definieren, mit neuen Systemen und Organisationsformen zu experimentieren. Ich kann mir das gut vorstellen.

Gerne alles etwas kleiner, weniger Größenwahn, mehr Vorsicht. Kommunikation, Flexibilität, Diversity. Nachhaltigkeit. Vereinbarkeit. Es gibt schon eine Menge solcher Unternehmen.

Meine Botschaft ist also: Vergesst diese ganze Anpassungsnummer. Geht raus aus ungesunden Arbeitsverhältnissen, sucht Euch Unternehmen, die in der Transformation sind oder am besten: Macht Euer eigenes Ding, baut Euch Eure eigene Welt, Eure eigenen Unternehmen. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, singt Pippi Langstrumpf. Es könnte die Hymne der Gründerinnen werden.

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Foto: Von Reisen8 – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48669102

 

Update vom 19.07.17:

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