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Ist Euch eigentlich klar, dass wir (fast) alle druff sind? Also, auf Droge? Das Schmiermittel der „wohlgeölten Maschine“ unseres Systems ist, neben Geld, wohl Kaffee.

So richtig bewusst wurde mir das erst, als ich wegen einer homöopathischen Behandlung plötzlich keinen Kaffee mehr trinken sollte. Dazu muss ich sagen, dass ich nicht mal ein besonderer Kaffeejunkie bin. Morgens zwei Latte, das war’s.

Nun also: Kaffeeverbot. Zuerst fiel mir auf, wie schnell man zur Außenseiterin wird, wenn man Kaffee ablehnt. Und wie verdammt oft er einem angeboten wird, gerade im Job. „Nein, danke, ich trink keinen Kaffee.“ Komische Blicke. Herzprobleme? Mormonin? Nee, Homöopathie. Ständig musste ich mich rechtfertigen. (Das war, bevor man sich auch noch für Homöopathie rechtfertigen musste.)

Auf Entzug

Viel schlimmer waren die Entzugserscheinungen. Mit dem Rauchen aufzuhören war ein Spaziergang dagegen. Ohne Kaffee wurde ich depressiv, bekam schlechte Laune und war vor allem sehr, sehr müde. Sechs Wochen lang.

Klar, Kaffee verhindert biochemisch Müdigkeit (siehe Erklärbärvideo von TED). Das ist ja einer der Gründe, warum Menschen Kaffee trinken.

Irgendwie logisch also, dass ich müde wurde. Aber soooo müde?? Ich konnte wochenlang nur mühsam die Augen offenhalten. Ein paarmal schlief ich tatsächlich im Büro ein – mit dem Kopf auf meiner Tastatur, wie so ein Beamter. 😛 Wer weiß, wie viele Schlafstörungen auf Kaffeekonsum zurückgehen…

Dass ich insgesamt langsamer, bedächtiger und weniger aufgeregt war: OK, auch das war zu erwarten gewesen. Was mich aber total überraschte: Ich bekam massive Wortfindungsstörungen. Aber hallo! Keine Ahnung, ob meine Kollegen das merkten, aber mir fielen Worte einfach nicht mehr ein. Oder ich benutzte die falschen. Das ist nun so gar nicht witzig, wenn man sein Geld mit Worten verdient und auch noch Verantwortung trägt für das, was man sagt.

Meine Schreibe wurde ungelenker, eckiger.

Die Ideenmaschine

Zufällig hatte ich Jahre vorher eine Reportage über Schriftsteller gesehen. Es ging darum, woher sie ihre Inspiration nahmen. Frauen, Alkohol oder gar die Natur? Nö, bei den meisten war es Kaffee. Honoré de Balzac soll es auf 50 (!) Tassen Kaffee am Tag gebracht haben. Dass er um dessen Wirkung aufs Sprachzentrum und die Kreativität wusste, zeigt dieses Zitat:

Der Kaffee kommt in den Magen, und alles gerät in Bewegung; die Ideen rücken an wie Bataillone der Grande Armée auf einem Schlachtfeld. […]

Kaffee scheint also neue Ideen und Geschichten zu produzieren. Er bekämpft Müdigkeit, außerdem macht er uns aufmerksamer und fokussierter.

Kaffee im Blut

Komisch, dass so wenig darüber gesprochen wird, was Kaffee eigentlich mit unserer Gesellschaft als Ganzes macht. Und das, wo doch ein Großteil der westlichen Welt druff ist. Es ist halt ein Riesengeschäft. Wir Deutschen trinken pro Kopf und Jahr mehr Kaffee (150 Liter) als Mineralwasser (130 Liter) oder Bier (110 Liter – WTF??). Tendenz steigend, übrigens.

Die Wissenschaft weiß, was Koffein – der wichtigste Bestandtteil von Kaffee – bewirkt: Es wirkt aufs Zentralnervensystem, regt die Adrenalinproduktion in den Nebennieren an, beschleunigt Puls und Atmung, erhöht den Blutdruck, ist nicht so toll für den Blutzucker und reizt den Magen.

 

Es stimuliert das Nervensystem und reduziert den beruhigend wirkenden Neurotransmitter Serotonin. Mit anderen Worten: Koffein macht unruhig – und süchtig, wie wir aus dem alten deutschen Kanon wissen:

C-A-F-F-E-E, trink nicht so viel Kaffee.
Nicht für Kinder ist der Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich blass und krank.
Sei doch kein Muselmann,
der das nicht lassen kann.

Nervenschwach also, na super, und süchtig! Ich erinnere mich daran, wie ich mit Freunden in einem Ferienhaus Urlaub machte und eine Frau Sonntag früh dermaßen ausrastete, weil kein Kaffee da war, dass ich freiwillig zur Tanke fuhr, um für sage und schreibe acht Euro ein Glas Nescafé zu kaufen. Nur, damit sie wieder runter- (bzw. endlich drauf-)kam.

Die Kaffeeindustrie propagiert, dass Kaffee gesund ist („Koffein schützt vor XY“). Diese PR-Masche hat ja schon bei Rotwein gut funktioniert, der mittlerweile in Apotheken verkauft werden müsste. Mit einem Glas Rotwein am Tag galt man früher als Alkoholiker – heute ist man gesundheitsbewusst. 😉

Kaffee macht Stress

In Asien hat Kaffee keinen guten Ruf. Ayurveda-Ärzte sehen die psychoaktive Substanz Koffein als Gift an. Sie löst im Körper eine Stressreaktion aus, obwohl kein äußerlicher Stressor vorhanden ist. Wer sich gestresst fühlt oder psychovegetative Störungen hat, dem raten Ayurveda-Ärzte, auf Kaffee zu verzichten.

Falls es jemand überlesen haben sollte: Kaffee produziert Stress im Körper. Das ist doch eigentlich der Hammer! Wir setzen unseren Körper täglich künstlich unter Stress. Und rennen dann zum Yoga oder meditieren, um wieder runterzukommen.

Rennen ist übrigens ein gutes Stichwort. Wenn ich aus Asien zurückkomme, bin ich immer wieder erstaunt, wie schnell und aggressiv sich die Leute hier in Berlin bewegen. Die stampfen ihre Wut in die Erde. Arme Erde! Im Supermarkt bahnen sie sich ihren Weg durch die Regalreihen, als wären sie in einem Actionfilm: „Aus dem Weg, oder muss ich mir den freischießen?!“ Angriff der Kaffee-Zombies. Achtet mal drauf.

Wir stehen (fast) alle ständig unter Strom. Wir sind die Aufgeputschten. Kaffee gibt einen künstlich erhöhten Takt vor, macht uns angriffslustiger, als wir ohne wären. Aber eben auch kreativer.

Ein Kollege war mal sehr aggressiv drauf und als ich ihn fragte, was los sei, antwortete er: „Vielleicht liegt es daran, dass ich heute sechs Espresso getrunken habe.“ Sprach’s und machte sich noch einen.

‚kay… Die Frage, die ich mir stelle: Wenn ich merke, dass ich aggressiv, unruhig oder gestresst bin – brauche ich dann wirklich noch einen Kaffee?

Mein Entzug dauerte sechs Wochen. Danach war ich zwei Jahre clean, bis ich wieder Lust hatte, Kaffee zu trinken. Ich würde behaupten, ich könnte jederzeit aufhören… 😉

Kaffee Croissant Reportagen.jpg

Foto: Lydia Krüger

Das Zitat von Balzac ist übrigens ziemlich lang und endet mit den Worten:

Wenn es keinen Kaffee gäbe, so könnte man nicht schreiben, soll heißen: nicht leben.

Balzac starb mit 51 an Herzversagen. Er litt unter Magenkrämpfen, Gesichtszuckungen, Kopfschmerzen und Bluthochdruck.

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Foto: Unsplash.com, Clem Onojeghou

 

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