Schlagwörter

, , ,

„Ich war arm und ich war reich. Reich ist besser“, wird die Schriftstellerin Beatrice Kaufman zitiert. Ich habe da so meine Zweifel. Klar, niemand will arm sein. Ich hatte eine ärmere Phase in meinem Leben, früher, als ich noch selbstständige Fernsehautorin war. Damals musste ich mich jede Woche entscheiden, ob ich für mein Budget von 10 Mark Essen oder Katzenfutter kaufte. Meistens gewann das Katzenfutter und ich schnorrte mich irgendwie durch.

Das war etwa ein halbes Jahr, in dem ich mir nichts leisten konnte, fucking gar nichts. (Im Übrigen war das Problem, dass Kunden nicht oder sehr spät zahlten.) Damals ging ich nicht mehr aus – nicht mal, wenn ich zu jemandem nach Hause eingeladen war. Weil ich mir die Flasche Wein für 2,99 Mark als Mitbringel nicht leisten konnte. Und mit leeren Händen wollte ich nicht dastehen.

Auch jetzt, als Existenzgründerin, gab es oft nur Spaghetti mit Tomatensoße. Bis ich das Zeug nicht mehr sehen konnte. Ich leide darunter, denn ich mag gutes Essen. In Anlehnung an den Spruch von George Best würde ich sogar sagen: „Ich habe mein ganzes Geld für Essen Gehen, ein dickes Auto und Reisen ausgegeben. Und den Rest habe ich einfach verfressen.“ 😀 Ich finde, das ist gut investiertes Geld. (Bis auf das Auto, aber dazu ein andermal mehr.)

Zwischendurch habe ich viele Jahre sehr gutes Geld verdient. Richtig gut. Das war toll. Als Löwe bin ich dem Luxus ja nicht abhold. 😉 Aber das Geld hat mich auch verändert.

Einfach Kohle raushauen

Ich hatte mehr, als ich brauchte. Ich bin wahnsinnig viel und weit gereist, nach Sri Lanka, Myanmar, in den Himalaya. Ich konnte mir alles kaufen, was ich wollte, ohne darüber nachzudenken. (Auf Dauer wird das etwas langweilig, wenn ich das mal erwähnen darf.)

Schön ist, dass man großzügig sein kann: Leute einladen, die weniger haben. Für gute Projekte spenden. Und auch einfach mal die Kohle raushauen, heidewitzka!

Aber nicht für alles

OK, als Ostkind habe ich ein paar natürliche Grenzen, wo ich dann finde, das geht zu weit. So gerne ich lecker esse, aber für ein molekulares Rote-Bete-Raviolo und ein blanchiertes Salatblatt einen fürstlichen Preis latzen und dann hungrig rausgehen? Thanks, but no, thanks.

Der 800-Euro-Mantel von Strenesse, im Outlet erjagt für den Schnäppchenpreis von 650. Ein schicker schwarzer Autofahrerinnenmantel, durch den der Wind pfiff. Er passte mir wie angegossen und sah mega aus, aber ich habe ihn zurückgebracht. Ist doch pervers. Und der hält nicht mal warm! Wie kann ein Mantel 800 Euro wert sein? Aber die Versuchung ist da – einfach, weil man es kann.

Oder teure Hotels. Wieso geben Leute eine halbe Monatsmiete oder mehr für eine Nacht aus? Ich versteh’s nicht. Man pennt doch dort nur. Ein Hotelzimmer, sauber, ruhig und mit einem bequemen Bett – besser geht es doch nicht?! Was braucht man mehr?

Alles weitere sind doch überflüssige Rubine, wie mein Urgroßvater gesagt hätte. Er war Uhrmacher und pflegte zu sagen:

Ein Uhrwerk mit 15 Rubinen ist perfekt. Du kannst auch eine Uhr mit 18 oder 25 Steinen kaufen. Die ist dann teurer. Aber sie wird nie besser sein als die mit 15. Es ist technisch nicht möglich.

Diese gewisse Bodenständigkeit hat mich wohl davor bewahrt, komplett abzuheben.

Faul und unsensibel

Kaum jemand will es zugeben, aber viel Geld zu haben, verändert einen. Bei mir war es so, dass ich durch das Geld faul und nachlässig wurde und dann auch Sachen durchgehen ließ, wo ich normalerweise um mein Geld gekämpft hätte. Ungerechtfertigte Heizkostennachzahlungen zum Beispiel. Einfach, weil ich nicht musste.

Auch auf Reisen stand mir wohl auf der Stirn geschrieben, dass mein Geld locker saß. Ich habe öfters ärmeren Menschen irgendwas abgekauft, nur, damit sie Umsatz machen. Das klingt zwar nett, aber irgendwie hinterließ es einen bitteren Beigeschmack. Weder brauchte noch wollte ich die Sachen, die sie mit viel Mühe hergestellt hatten. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich es auch getan, um mir die Leute vom Hals zu schaffen und meine Ruhe zu haben. Weil ich es konnte.

Man kann Geld benutzen, um sich Dinge einfach zu machen – in jeder Hinsicht. Und um sich mit seiner Hilfe vor etwas zu drücken. Das stärkt nicht gerade den Charakter.

Aber es gibt noch grundlegendere Veränderungen. Man verliert die Bodenhaftung und das Gefühl für das, was normal und angemessen ist. Ich hatte einfach vergessen, wie sich Menschen fühlen, die knapsen müssen. Das macht mitunter unsensibel. Da ist gar kein böser Wille dabei – es fehlt einem einfach die Erfahrung – bzw. wenn man sie wie ich schon mal hatte, verblasst sie. Vielleicht verdrängt man das auch. Es ist ein bisschen so, wie wenn ein Radfahrer aufs Auto umsteigt: Mit dem Fuß auf dem Gaspedal vergisst er ziemlich schnell, wie es ist, sich auf dem Rad abzustrampeln.

Alles gegen Cash

Geld ist deshalb toll, weil es frei und unabhängig macht – auch von anderen Menschen. Unsere Gesellschaft ist mittlerweile so beschaffen, dass man sich fast alles kaufen kann. Das, was früher ein Freundschaftsdienst war (Babysitten, Kinderklamotten abgeben, kleine Reparaturen, Umzüge oder Fahrdienste) ist jetzt eine Dienstleistung. Man muss  niemanden mehr um etwas bitten – man zahlt einfach.

Man ist tatsächlich weniger darauf angewiesen, Freunde zu haben, wenn man Geld hat. Man muss sich weniger auf Menschen einlassen. Dadurch verlernt man das bis zu einem gewissen Grad. Und man muss auch nichts mehr zurückgeben – man gibt ja das Geld, das muss reichen. Damit geht eine gewisse Demut verloren – und macht der Anmaßung Platz. Man hat ja schließlich einiges an Kohle hingelegt. Dann kann man ja wohl auch was erwarten, bitteschön! Das steht einem doch zu.

Asozial und rücksichtlos

Es ist schwer, da gegenzusteuern. Kommt wohl auch darauf an, wie anfällig man für Luxus und Bequemlichkeit ist, fürs Abheben. Interessanterweise habe ich versucht, meine gefühlte Entfremdung wiedergutzumachen: Ich hab wohltätige Organisationen unterstützt, in einer Grundschule in Südafrika gearbeitet, auf Reisen in einfachsten Hotels übernachtet, meditiert. Trotzdem hatte das Geld einen Einfluss, der sogar wissenschaftlich belegt ist:

Zu viel Geld macht asozial. Wenn man sich anschaut, was Wissenschaftler alles herausgefunden haben, müsste man eigentlich für einen Warnhinweis auf Geldscheinen plädieren: Reiche Menschen halten sich nicht an Regeln und benehmen sich rücksichtlos, z. B. im Straßenverkehr. Sie hinterziehen Steuern und teilen ungern. Sie stehlen eher und trinken zu viel. Sie haben Probleme mit der Empathie (braucht man ja auch nicht, wie oben beschrieben) und Schwierigkeiten damit, die einfachen Dinge des Lebens zu genießen. Fast können sie einem leid tun.

Aber dann auch wieder nicht, denn sie sind nimmersatt. Für einen ZEIT-Artikel über Gerechtigkeit wurden Menschen verschiedener Einkommensklassen (bis zum Hartz-IV-Empfänger) interviewt. Am unglücklichsten waren die Topverdiener: eine Ärztin und ein Manager. Warum? Beide waren der Meinung, sie müssten eigentlich mehr verdienen.

Immer mehr von allem

Es ist einfach nie genug. Die Menschen „brauchen“ immer mehr Geld, immer mehr Platz (für sich allein oder für ausgewählte Menschen). Früher reichten drei Zimmer für vier Personen und in den Urlaub fuhr man im Trabi oder Käfer. Heute muss jeder sein eigenes Zimmer haben, dazu am besten noch Arbeits- und Gästezimmer – und nach dem SUV kommt jetzt der Trend zum Familienvan.

In London bauen vermögende Immobilienbesitzer ihre Häuser aus – drei bis vier Stockwerke tief in den Boden. Sie brauchen mehr Platz! Für den Pool, für die Sauna, für die Galerie. Auf Kosten ihrer Nachbarn, die unter Baulärm, verstopften Straßen und Rissen in den Wänden leiden. Ach ja, und scheiß auf die Umwelt! Hier wird zubetoniert, bis der Arzt kommt. Stichwort Rücksichtslosigkeit.

Woher kommt das? Ich glaube, dass hinter dem Streben nach immer mehr Aufwertung eine tiefe Unsicherheit liegt – das Gefühl, als Mensch unwert zu sein und sich mit äußeren Dingen aufwerten oder „vergrößern“ zu müssen. Die einen kaufen sich dann Juwelen, die anderen ein dickes Auto *ähem* oder bauen sich einen unterirdischen Palast.

Und so, wie unser Gesellschaftssystem gestrickt ist, trichtert es uns genau diese Botschaften ein: Dass wir Defizite haben (faltige Haut, das falsche Waschmittel und eine behandlungsbedürftige Seele, ach komisch!), dass wir so, wie wir sind, nicht gut genug sind. Wir müssen uns „enhancen“, „anreichern“.

Welcome to my world

Der große Vorteil daran, viel Geld zu haben, sagte ein Krimineller mal in einer Talkshow, sei, dass man sich seine eigene Welt erschaffen könne. Und wer dort Zutritt hat, entscheidet man selbst. Ich habe da lange drüber nachgedacht. Ich kann das schon nachvollziehen, dass das geil ist.

Man kann sich abschotten, aussuchen, mit wem man sich abgibt. Nicht ohne Grund wohne ich in einer mittlerweile teuren Gegend, einem Stück heiler Welt in einer manchmal kranken Stadt. Ich geb’s zu, das kommt mir entgegen. Man muss halt nur aufpassen, dass man nicht irgendwann vergisst, wie der Rest der Welt aussieht.

Ich bin aber auch überzeugt davon, dass Reichtum Ängste schürt. Verlustängste! Mit weniger Geld auszukommen, ist unerträglich – ja, unvorstellbar!Das war einer der Gründe, warum es mir so schwer fiel, meinen gutbezahlten, aber ungeliebten Job zu kündigen. Mir fehlte die Fantasie, wie ich mit weniger Geld klarkommen sollte. Heute weiß ich, es geht.

Ein armer Mensch hingegen macht ständig die Erfahrung, dass es trotz aller Widrigkeiten immer irgendwie weitergeht. Er ist gezwungen, kreativ zu werden, Lösungen zu finden, das Unmögliche möglich zu machen. Und er merkt: Es funktioniert. Das stärkt das Vertrauen in die Welt, in den Lauf der Dinge – und in sich selbst. Wer reich ist und ein Problem hat, schiebt einfach nur nen Schein rüber.

Wieviel ist genug?

Ich will die Kohle nicht verteufeln – hab ja auch beschrieben, was sie mir Schönes gebracht hat. Und klar hab ich lieber etwas mehr als zu wenig, bin ja nicht blöd. 🙂 Aber ich wünsche mir ein ausgewogeneres Leben. Im Moment geht es auf und ab – ich mag das irgendwie. Es bringt mich immer wieder auf den Boden.

Ich wünsche mir, dass ich ein Auskommen habe. Ich möchte einfach nur genug haben – auch genug Zeit übrigens. Denn Geld kommt und geht – Zeit geht nur.

Ich war arm und ich war reich. Genug zu haben, ist besser.

Bitte folgen Sie mir unauffällig! Auf Twitter und Facebook.

Photo by Jesse Schoff on Unsplash
Advertisements