Schlagwörter

, ,

„Geld kommt und geht, Zeit geht nur“, habe ich neulich geschrieben. Mittlerweile ist mir Zeit mindestens genauso teuer wie Geld. Vielleicht ist es eine Frage des Alters – vielleicht auch ein Trend.

Urprünglich war das ideale Menschenleben so aufgeteilt: Die ersten Jahre bereiten uns darauf vor, „fit für den Arbeitsmarkt“ zu werden. Dann arbeiten wir richtig viel, „leisten was, damit wir uns was leisten können“ – um dann im Lebensabend die Früchte unserer Arbeit genießen zu dürfen.

Das wirkt heute skurril –  nicht nur, weil das mit der Rente für meine und folgende Generationen ausfallen dürfte. Sondern auch, weil viele Menschen schon in einen gewissen Wohlstand hineingeboren werden. Wozu immer noch mehr?

Viele Leute in meinem Alter haben außerdem erlebt, dass die Eltern krank geworden sind durch Stress und Ärger im Job. Der schöne Plan ging nicht auf: Die Rentnerjahre, auf die sie im Wortsinn hingearbeitet hatten, konnten sie kaum noch nutzen für Hobbys, Reisen und so.

Es spricht einiges dafür, die Zeit jetzt, wo man noch halbwegs auf dem Damm ist, zu genießen und später später sein zu lassen. Leute mit Kindern äußern solche Gedanken oft: Sie möchten die Kids aufwachsen sehen, Zeit mit ihnen verbringen. Aber es geht nicht immer nur um Familie – vielleicht möchte man ja auch richtig gut im Bogenschießen werden oder einfach nur lesen.

Wertvoller als Geld

Es gibt genug Anzeichen, dass Zeit wertvoller wird: die Zahl der Teilzeitjobs hat sich vervielfacht, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen. Sabbaticals werden immer beliebter: „Halb Deutschland träumt von einer Auszeit“, titelt die BILD und liefert gleich noch die Gründe dafür: mehr Zeit für sich haben, reisen, sich selbst finden oder einen Burnout vermeiden bzw. überwinden. In dieser Reihenfolge.

Nachdem Eltern- und Pflegezeit erfolgreich eingeführt wurden, wird der Ruf nach noch mehr Flexibilität laut. Die IG-Metall forderte unlängt eine optionale 28-Stunden-Woche. Die Arbeitgeber waren empört – mehr als über die gleichzeitig geforderte Lohnerhöhung. „28-Stunden-Woche – wertvoller als Geld“, heißt es im SPIEGEL. Das sollte uns zu denken geben.

Geld oder Leben

„Time is money“, sagt der Ami. Noch heißt der Deal für die meisten Angestellten: Lebenszeit gegen Geld. (Da kommt nur raus, wer etwas herstellt. Deshalb auch der Verlag, Leute. Oder aber man investiert in Wertpapiere oder Immobilien.) Ansonsten geht es um eine Balance zwischen Zeit und Geld.

Klar, ein bedingungsloses Grundeinkommen würde Abhilfe schaffen, indem Geld und Arbeit etwas voneinander entkoppelt würden. Einstweilen müssen wir wohl selbst dafür sorgen, dass die Balance stimmt. Und die sieht für jeden anders aus.

Die 40-Stunden-Woche ist da lediglich eine gesellschaftliche Konvention. Oder wie kommt’s, dass angeblich jeder Job in exakt 40 Stunden pro Woche passt? Ein Schelm, wer dabei an das Parkinsonsche Gesetz denkt:

Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.

Wackelndes Konzept

Noch aus anderen Gründen wackelt das Konzept „Zeit gegen Geld“: Bei einfachen Arbeiten (nehmen wir mal Holzhacken) lässt sich die Tätigkeit relativ easy messen. Pro Stunde schafft man 25 Scheite. (Keine Ahnung, ich habe noch nie Holz gehackt. :P)

Bei Wissensarbeit ist das schon schwieriger. Wenn ich Texte nach Stunden kalkuliere, kann ich aus Erfahrung einen Durchschnittswert ansetzen. Aber wie lange ich wirklich für einen Text brauche, hängt von vielem ab: Welche Infos liegen vor? Muss ich noch recherchieren und wenn ja, wie viel? Wie hoch ist der Anspruch? Gibt es schon ein Konzept oder mach ich das? Wie tief soll der Text gehen? Wie gut kann ich mich konzentrieren? Und nicht zuletzt: Wie eilig ist es?

Je kreativer die Arbeit, desto mehr Zeit braucht man. Oder umgekehrt: Je mehr Zeit man hat, desto besser wird’s. (Anschaulich vorgeführt in diesem Video.)

Die Nietzsche-Woche

Schon Friedrich Nietzsche wusste:

Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.

Das ist doch mal eine konkrete Ansage. Zieht man von 24 Stunden die acht Stunden Nachtschlaf und eine Stunde für Fahrten oder Pausen Pause ab, bleiben 15 Stunden pro Tag. Zwei Drittel sollte man für sich haben – das macht 10 Stunden am Tag. Für die Arbeit blieben fünf Stunden. Nietzsches Arbeitswoche wäre also eine 25-Stunden-Woche.

(Das deckt sich übrigens mit meinen Erfahrungen in meiner frei gestalteten Arbeit. Nach fünf bis sechs Stunden ist die Luft raus. Man kann dann natürlich noch weitermachen, aber es bringt nicht mehr viel.)

Weniger als Vollzeit arbeiten zu wollen, klingt immer etwas nach Faulenzerei. Vor allem, wenn man keine ordentliche Begründung (also irgendwelche Pflichten) hat. Dabei gibt es so viel, was man mit der Zeit anfangen kann. Vor allem kann man wieder selbst über sie bestimmen – wenn man das nicht schon komplett verlernt hat.

Mich erschüttert es, wenn ich lese, dass manche Rentner schon am ersten Tag der Rente schier verzweifeln, weil sie nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Manche lernen es auch nicht mehr. Was für eine Schande, dass erwachsenen Menschen jegliche Fähigkeit, ihre Zeit zu gestalten, aberzogen wurde. Auch das spricht dafür, sich schon vorher freie Zeit aus dem Arbeitsleben herauszuschnitzen, um Selbstbestimmung zu üben.

Noch besser ist es, man lernt von klein auf, selbstbestimmt zu leben. Zum Beispiel in einer Schule, die Kinder nicht abrichtet, sondern ihnen Raum zum Wachsen lässt. (An dieser Stelle ein kleiner Hinweis auf eine Crowdfunding-Kampagne, die mir am Herzen liegt: für den Film „Augenhöhe macht Schule“, der über genau solche Schulen berichten will. Helft mit, dass der Film zustande kommt! Jeder kleine Betrag hilft.)

Wohin mit all der Zeit?

In der Tat ist es ja für den Staat eine feine Sache, wenn die Menschen beschäftigt sind. Sind sie wenigstens weg von der Straße. Nicht umsonst heißen sie ja auch „Beschäftigte“. So sie kommen nicht auf dumme Gedanken, stellen das System in Frage oder so.

Wer weniger arbeitet, muss sich die Frage stellen: Was nun? Wenn man nicht aufpasst, füllt sich die freie Zeit mit allerlei Erledigungen: Post, Drogerie, Baumarkt. Man kann aber auch schlafen oder abhängen, lesen, Filme schauen, gärtnern, sich mit anderen Menschen treffen, ehrenamtlich arbeiten, sich politisch engagieren oder das mit dem Bogenschießen probieren. Wenn man genug Geld hat, geht man vielleicht öfter aus oder reist durch die Welt.

Man kann die Zeit auch nutzen, um Dinge zu tun, die man sonst gegen Geld an andere auslagert: Brot backen, Kinder hüten, Haus bauen usw.

In einer Fernsehreportage sah ich ein Pärchen, das in einen Bauwagen gezogen war, um weniger Kosten zu haben. Dadurch mussten sie weniger arbeiten und hatten mehr Zeit für sich. Ein guter Plan. Und was taten sie mit der gewonnenen Zeit? Sie frönten ihren Hobbys: mittelmäßige Musik und ein Tanz, bei dem ich nicht ohne Fremdscham hinschauen konnte.

Hm, dachte ich, naja. Das ist ein bisschen wie Karaoke: Schön für diejenigen, die es machen, eine Qual für alle anderen. Steht uns das bevor? Eine Welle an schwülstigen Hobbykünstlern? Ich glaube, ja. Man sieht es ja an E-Books: Seit jeder von zuhause aus ein Buch schreiben und veröffentlichen kann, wächst die Zahl an unlesbarem Zeug. Mittelmäßigkeit ist ganz offensichtlich ein Preis, den wir als Gesellschaft zahlen müssen. Andererseits: Wer mehr Zeit zum Üben hat, wird vielleicht doch noch ein Meister. 😉

Zeitdiebe

Es gibt Leute, die sagen mir: Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich einfach mehr Netflix gucken. Die Gefahr, dass wir die neugewonnene Zeit vor Bildschirmen verbringen, ist gar nicht so gering. Facebook, Twitter, Youtube & Co. buhlen um unsere Aufmerksamkeit. 2001 erschien ein Buch mit dem Titel „Die Aufmerksamkeitsökonomie“. Der Tenor: Firmen wollen unsere Aufmerksamkeit und verdienen damit Geld.

Das wirkt geradezu niedlich, wenn man heute liest, welche psychologischen Techniken z. B. Facebook anwendet, um uns auf der Seite zu halten. Da gibt es den Refresh-Effekt, wenn man den Bildschirm auf dem Smartphone nach unten zieht: Er ist mittlerweile überflüssig, aber er macht süchtig – und deshalb wird er nicht abgeschafft. Diese slot machine bringt keinen Gewinn, sie kostet aber unsere Zeit. Und die ist wertvoll.

Tristan Harris, Ethiker im Silicon Valley, spricht in diesem Interview mit Wired vom hijacked mind, also dem gekaperten Geist:

The premise of hijacking is that it undermines your control. This system is better at hijacking your instincts than you are at controlling them.

Kapern bedeutet, dass deine Kontrolle unterminiert wird. Dieses System kann deine Instinkte besser kapern, als du sie kontrollieren kannst.

90 Prozent der Deutschen sind online – über zwei Stunden am Tag, hat eine Studie von ARD und ZDF ergeben. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es viereinhalb Stunden ihres Tages. Es geht längst nicht mehr um Aufmerksamkeit. Es geht um unsere Zeit. Holen wir sie uns zurück – von wem auch immer.

Bitte folgen Sie mir unauffällig! Auf Twitter und Facebook.

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade #Newpay von CO:X. Dort findet Ihr auch weitere Artikel zum Thema Geld.

Foto: Uros Jovicic, Unsplash.com, GIF: giphy.com
Advertisements