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„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, heißt es schon bei Goethe. Diese Botschaft habe ich mit der Muttermilch (oder spätestens mit der Schulmilch) aufgesogen. Ich war auf einer Russischschule, wo uns permanent eingeimpft wurde, dass wir auserwählten Steppkes, „die Elite“, einmal die Welt verbessern würden. Das war zumindest der Plan. Kam ja dann einiges dazwischen.

Den Schwachen zu helfen, war in der Schulzeit oberstes Gebot – unser Vorbild war Timur und sein Trupp. Der half Omis über die Straße und bekämpfte das Böse in Gestalt einer Obst klauenden Bande. Auch wir veranstalteten Kuchenbasare für Nikaragua und El Salvador, leisteten am Wochenende Soli-Arbeitseinsätze im Altenheim, sammelten Spenden für dies und jenes.

Mal ganz abgesehen von all den Ehrfurcht heischenden Geschichten über antifaschistische Widerstandskämpfer, die wir ständig zu hören bekamen: Teddy Thälmann, Weiße Rose, Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe, Lilo Herrmann und so.

timur

Helden des Widerstands

Schon verrückt, wie man sein ganzes Leben mit dem Thema Widerstand konfrontiert sein kann und es doch nicht vollständig begreift. Weil es so abstrakt ist. Erst vor Kurzem wurde mir klar, was es heißt, für seine Überzeugung in den Knast zu gehen. Folter zu erleiden. Oder gar zu sterben. ZU STERBEN.

Ich sah irgendeinen Fernsehbeitrag über irgendeinen Oppostionellen in irgendeinem afrikanischen Land, der gerade aus dem Gefängnis kam, noch grün und blau geschlagen im Gesicht, und dem weitere Verfolgung drohte. Er schaute mit festem Blick in die Kamera und sagte, dass er weiterkämpfen werde – für eine Demokratie in seinem Land. Mir lief es kalt den Rücken runter.

Oder kennt Ihr die Szene, wo Angela Davis in den Gerichtssaal kommt? Die Situation ist ernst, der Staat will ein Exempel an ihr statuieren. Ihr droht die Todesstrafe. Aber sie latscht da rein, als wäre es ihr Wohnzimmer und reckt erst mal lässig die Black Power Faust. (Zu sehen in der absolut empfehlenswerten Netflix-Doku „The 13th“ über die Kriminalisierung der Schwarzen in den USA.) Seitdem hängt ein Foto von Angela Davis über meinem Schreibtisch. Einfach, weil sie so unglaubliche Eier hat. 🙂

What would you do?

Die Frage, die über allem steht (und die bisher nicht relevant war, aber es möglicherweise wieder werde könnte), lautet: Was wäre, wenn dir jemand drohen würde: „Gib deine Überzeugung auf oder ich bringe dich um!“?

Ganz ehrlich, ich würde wahrscheinlich antworten: „Hey, keen Ding, hier haste meine Überzeugung, ich mach dir noch ne Schleife drum. War auch sehr nett, Dich kennenzulernen. Ich geh dann mal, hab heute noch was vor. Und vielen Dank auch für mein Leben. Schüssiiiii.“

Ich weiß es nicht mit Sicherheit – manchmal kann ich auch ziemlich stur sein. Aber wie die meisten Menschen hänge ich ganz schön an meinem Dasein. Das geht mir dann doch irgendwie zu weit mit dem Heldentum. Umso wichtiger ist es, dass es Menschen gibt, die diese Grenze woanders ziehen.

Heldin mit Auftrag

Als ich auf der Berlinale den russischen Film „Pioniery geroi“ („Heldenpioniere“) sah, wurde mir klar, wie stark die Aufforderung zum Heldentum viele von uns Ostlern (und auf jeden Fall mich) geprägt hat.

Die eindrücklichste Szene im Film: Katja, eine der Hauptfiguren, besucht nach ihrem (Märtyrer-)Tod eines dieser überlebensgroßen Heldendenkmale – und steht dann vor ihrem eigenen Mahnmal. Sie hat es geschafft, sie ist jetzt eine von ihnen. (Das Video startet genau an dieser Stelle.)

Es ist absurd, aber sie hat damit genau die Erwartung erfüllt, die damals an uns Kinder gestellt wurde: Seid Helden! Für Frieden und Sozialismus… (Und Mannomann, hab ich viele Heldendenkmäler besucht.)

Heldenkult im Internet

Jetzt, im Westen, ist es auch nicht viel anders. Das halbe Internet ist voll von Heldenerzählungen: Der 9-jährige Felix Finkbeiner hat 2007 „Plant for the Planet“ gegründet – mittlerweile hat seine Organisation weltweit über 15 Milliarden Bäume gepflanzt. Jeder Baum schluckt 10 Kilo CO2. Der Kleene hat also mehr gegen den Klimawandel getan als die meisten Politiker. Und er hat einen Plan bis zum Jahr 2100. Hut ab!

Es gibt Videos über Friseure, die Obdachlosen kostenlos die Haare schneiden, Menschen, die verwahrloste Tiere retten oder sich mal eben ein paar Schiffe kaufen, um Flüchtlinge aus dem Meer zu retten. Beherzte Ärzte, die arme Menschen behandeln, die sonst von jeder medizinischen Versorgung abgeschnitten sind. Oft opfern sie ihren Urlaub dafür. Das ist toll, Respekt.

Überall Helden und Weltretter. Und was, bitte, tu ich? Ich muss mir diese Frage stellen, denn wie gesagt: Das ist doch mein Auftrag. (Klingt jetzt etwas gruselig nach Agentenfilm, aber hey, passt doch.)

Icke als heimliche Superwoman/Heldenpionierin/Agentin des Guten frage mich jeden Tag: Was fange ich eigentlich mit meinem Leben an? Ich muss immer etwas grinsen, wenn Leute eine Midlife Crisis kriegen, denn ich glaube, ich bin schon damit geboren. Oder wenn jemand einmal im Leben „Bilanz zieht“ – oh Mann, das mach ich dreimal die Woche.

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Der Dialog meines Lebens. © metabene http://www.metabene.de

Born to help

Einige von Euch werden sagen: Was soll die Quälerei, man muss doch nicht unbedingt helfen. Nun, der streitbare Philosoph und Ethiker Peter Singer vertritt die Auffassung, dass jeder Mensch eine Verpflichtung hat, anderen zu helfen. So, wie man an einem Ertrinkenden nicht einfach vorbeigeht. Singer ist der Begründer des effektiven Altruismus und der Organisation „The life you can save“. Die Idee ist, gut zu verdienen und einen Teil des Einkommens zu spenden, um Ungerechtigkeit auf der Welt zu beseitigen. Freiwillige Umverteilung sozusagen. Es gibt effektive Altruisten, die an der Börse arbeiten, dort Kohle scheffeln und den größten Teil dann an die Armen verteilen. Bildet Euch selbst ein Urteil darüber, wie sinnvoll das ist.

„Wenn man am Straßenrand einen Unfall sieht, geht man doch auch nicht einfach vorbei.“ So argumentiert auch Jenny Rasche, eine meiner persönlichen Heldinnen, die in Rumänien Romakinder rettet. Ja, buchstäblich rettet. Vor Hunger, Erfrieren und einem Leben, das diesen Namen nicht verdient.

Die geht da einfach rein, in diese zugigen halbverfallenen Baracken, und bringt den Leuten Essen. Sie marschiert zu Lidl und kauft was, wenn jemand Hunger hat hungert. Sie sieht, dass diese Leute nichts zu essen haben. („Ich konnte es nicht glauben und öffnete alle Küchenschränke: Da war NICHTS.“) Und eigentlich ist das eine ganz normale Reaktion. Oder anderherum gedacht: Was stimmt nicht mit uns, dass wir es nicht tun?

Jenny sieht nicht ein, warum Romakinder es schlechter haben sollte als deutsche Kinder – während die Rumänen sie mieser als Hunde behandeln. Damit fängt es an: Der Dehumanisierung von Menschen, die anders sind und anders leben, etwas entgegenzusetzen. Denn wir sind alle gleich und haben die gleichen Rechte. Menschenrechte eben.

Jenny macht einfach, seit vielen Jahren, und eines führt zum anderen. Sie hat Einrichtungen gegründet, in denen Romakinder Essen und Nachhilfe bekommen. Bald werden die ersten von ihnen studieren. Ja, sie ist eine außergewöhnliche Person. Ich unterstütze ihre Organisation Kinderhilfe für Siebenbürgen, wann immer es geht.

Einmal schrieb ich ihr einen Brief, sinngemäß: „Sie tun an meiner Stelle das, was ich eigentlich tun müsste. Sie tun stellvertretend für uns alle das, was wir alle tun müssten.“ Es ist toll, dass es solche Menschen und Organisationen gibt, man kann sie mit Geld unterstützen – und doch bleibt bei mir das Gefühl, selbst etwas tun zu müssen.

Versuch macht kluch

Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte: Ich habe zum Beispiel drei Wochen lang an einer Grundschule in Südafrika gearbeitet. Dabei stellte ich bald fest, dass a) man Pädagogik den Profis überlassen sollte, b) die innigen, aber kurzlebigen Beziehungen der Kids zu den ständig wechselnden Freiwilligen wohl eher schädlich sind und c) das gesamte südafrikanische Schulsystem Probleme hat, die auch 1.000 Freiwillige nicht lösen können. Angefangen bei der mangelhaften fachlichen und pädagogischen Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer bis zu der Frage, wie viel Sinn es überhaupt macht, diesen Kindern das westliche Schulsystem überzustülpen. Mal abgesehen von der ganzen „Weiße helfen Schwarzen“-Problematik. Tja, und nun?

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Trotz aller Widersprüchlichkeit: Die Kids waren toll.

Es ist eine Sache, wenn man sich Jobs sucht, in denen man zumindest keinen größeren Schaden in der Welt anrichtet. Das habe ich immerhin ganz gut hinbekommen – kann ja nicht jeder von sich sagen. Und Geldspenden und Freiwilligeneinsätze sind vermutlich auch besser, als gar nichts zu tun. Aber mir reicht es nicht.

Denn wie Ihr wisst, finde ich, dass die vielen Stunden, die wir pro Tag arbeiten, einen verdammt großen Teil unseres Lebens ausmachen. Und dass man diese Zeit so gut wie möglich gestalten sollte – nicht nur für sich selbst.

Ich habe in meinem Leben so viele Jobs gemacht, aber keiner hat auch nur annähernd irgendwas mit meinem Heldenauftrag zu tun gehabt. Einige haben Geld gebracht und Status, manche waren einfach nur eine Spielwiese für meine Kreativität. Aber habe ich irgendwas bewegt? Did I make a difference? Habe ich meine privilegierte Stellung als (global gesehen) reiche, unabhängige, weiße Frau in der Welt genutzt, um irgendwas zum Besseren zu wenden?

Die Wahrheit ist: Ich hab noch nicht mal nen verdammten Baum gepflanzt – im Gegensatz zu diesem 9-Jährigen.

Es gibt ja Leute, denen das alles egal ist. Die wollen einfach nur ein schönes Leben haben, egal wer oder was zwischenzeitlich draufgeht. Ich kann das nicht. Und falls Ihr jetzt voller Spannung darauf wartet, zu welch Heldentat ich nun anheben werde: Ich weiß es noch nicht.

Aber ich war noch nie so bereit wie jetzt.

Frohe Weihnachten!

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Foto: Unsplash
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