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Immer wieder wird in letzter Zeit diskutiert, ob das Stadtleben uns krank macht. Charlotte Roche forderte sogar im SZ Magazin: Verlasst die Städte! Und auch ich als ausgemachte Größstadtgöre, aufgewachsen in zwei Metropolen, habe bei meinem Experiment „Landleben 4.0“ gestaunt, wie gut mir das oft verspottete Dorf tat.

Die stärksten Stressoren

Was nervt an der Großstadt? Klar, Lärm. Dreck und die schiere Größe. Aber das ist nicht alles. Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli aus Berlin beschreibt in seinem Buch „Stress and the City“* [Anm. d. Red.: kurzer Kniefall für den Buchtitel], was uns vor allem zu schaffen macht: sozialer Stress, der überall da erwächst, wo Menschen zusammenkommen und sich organisieren müssen, wo viel Bedrohung und wenig Unterstützung da ist.

Und weil wir hier bei Büronymus sind: Sozialer Stress kann auch durch andere Faktoren enstehen oder verstärkt werden: „durch familiäre Konflikte, Mobbingsituationen am Arbeitsplatz oder durch eine sogenannte Gratifikationskrise, das heißt, wenn die Anerkennung für eine Leistung verwehrt wird“, schreibt Adli. (S. 45, Kindle Edition) Und weiter: „Sozialer Stress belastet uns, weil er unsere soziale Integrität infrage stellt. Er gehört zu den stärksten Stressoren, die auf uns einwirken können.“ Take that, Burnout-Skeptiker!

Jeder Tag ein Kampf

In der Stadt wird sozialer Stress unter anderem durch Hierarchiekämpfe ausgelöst – sie sind Alltag in der Großstadt: Man kämpft um Parkplätze auf der Straße (oder überhaupt um Platz auf der Straße.) Wer mal versucht hat einzuparken, während vor und hinter einem Fußgänger, Hunde, Radfahrer, andere Autos und manchmal sogar noch Skater oder Tretrollerfahrer um einen herumschwirren, weiß, wovon ich rede.

Man kämpft um Sitzplätze im Restaurant, den letzten Einkaufswagen im Supermarkt oder den Platz in der neueröffneten Schlange an der Kasse. Um Wohnraum, Arbeitsplätze, Platz für Freizeitaktivitäten. Fahrt mal an einem sommerlichen Tag ins Umland von Berlin, an einen See. Meistens hatten hundert andere die gleiche Idee.

Hinzu kommt: Je geringer die ökonomischen Möglichkeiten eines Menschen, desto größer sein sozialer Stress. Das Wohlstandsgefälle sei in der Stadt steiler als auf dem Land, schreibt Adli.

Keine Ruhe im Revier

Ich bin ja noch die Generation, die regelmäßig von misslaunigen Omas zusammengestaucht wurde, dass der Innenhof bitteschön kein Spielplatz sei.

Jetzt als Erwachsene, da ich die Akustik von Hinterhöfen verstanden habe, kann ich das total nachvollziehen. 😛 Heute ist Zusammenscheißen gesellschaftlich geächtet und so müssen auch im Hochsommer die Fenster zu bleiben, weil Bella, Valentin und Isidor draußen spielen wollen. Naja, wo sollen sie auch hin…

Lärm im eigenen Umfeld wird als Territorialverletzung empfunden. Auch das erzeugt sozialen Stress. Der Typ in der Nachbarwohnung, der zur Unzeit Geräusche produziert. Wir wissen nicht, wer er ist und was er da macht. Wir haben keinen Einfluss auf das, was unmittelbar neben uns passiert. Wir fühlen uns hilflos und ausgeliefert, unsere Kompetenz, „im eigenen Revier für Ruhe zu sorgen“, wird negiert. Das frustriert.

Ich gehe davon aus, dass das Ruhebedürfnis mit dem subjektiv erlebten Stresslevel steigt – genau wie die Aggression. Es treffen also ruhebedürftige Stressopfer und rücksichtlose, aggressive Arschlöcher in der Stadt aufeinander. Mitunter in ein und derselben Person, hehe.

Nun hat uns die Natur eigentlich mit Gelassenheit, Anpassungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen ausgestattet, um mit sozialem Stress umgehen zu können. Das Problem in der Stadt: Hier sind wir ihm auf Dauer ausgesetzt. Haben wir das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und uns ihm nicht aus eigener Kraft entziehen zu können, macht er krank. Adli spricht von chronischem sozialen „Kriechstress“.

Überall Fremde

Ein Kollege, der auf dem Land aufgewachsen ist, meinte zu mir: „Landleben ist etwas für Menschen, die es mögen, alle zu kennen.“ Genau, und Stadtleben bedeutet, fast den ganzen Tag von Fremden umgeben zu sein, über die man nichts weiß und die man nicht einschätzen kann. Auch das kann stressig sein.

Mit Fremden geht die Empathiefähigkeit einfach mal ganz schnell den Bach runter. Das merkt man ja schon bei eigenen Kindern oder Haustieren, denen man viel mehr durchgehen lässt als fremden. 😉 Und so hält sich die Geduld mit der fremden Frau, die beim Bäcker erst anfängt zu überlegen, was sie eigentlich kaufen will, als sie an der Reihe ist, in Grenzen. Oder mit den spielenden Kindern.

Tempo und Ungeduld

Großstadt heißt Schnelligkeit. Das durchschnittliche Gehtempo hat weltweit in den letzten 20 Jahren um zehn Prozent zugenommen.

Fakt ist aber auch, dass Städte unterschiedlich schnell sind. Es hängt unter anderem davon ab, wie wichtig Pünktlichkeit ist, wie gut der Verkehr funtkioniert – und wie warm es ist.

Tatsächlich erinnere ich mich an einen brütend heißen Berliner Sommer in den 90ern, wo meine Kollegen und ich immer früher Feierabend gemacht haben und uns auf dem Heimweg erst mal einen Espresso zu Gemüte führen mussten, um es nach Hause zu schaffen. 😛 Da war Berlin fast mediterran, alle hatten notgedrungenermaßen ein paar Gänge heruntergeschaltet.

Stadthirn vs. Landhirn

Aber zurück zur Wissenschaft. Macht Stadt nun krank? Stressforscher haben dazu Stadt- und Landbewohner unter großen Stress gesetzt, um zu sehen, wie ihre Gehirne damit umgehen. Dafür gibt es ein Standardexperiment, den Trierer Sozialen Stresstest (TSST). Dieser Test basiert auf zwei Haupttreibern von sozialem Stress: drohender sozialer Erniedrigung und der Unkontrollierbarkeit einer Situation. (In Berlin entspricht das einer beliebigen menschlichen Interaktion – kleiner Scherz.)

Die Versuchsanordnung ähnelt einer Casting-Show. „Öffentliche Bewertung, mögliche Blamage und eine schlecht berechenbare und damit kaum kontrollierbare Jury spielen eine entscheidende Rolle.“

Mit diesem Experiment, dessen fiese Details ich Euch hier erspare, konnten Psychologen gravierende Unterschiede in der Stressverarbeitung bei Stadt- und Landbewohnern aufzeigen:  „Stadtbewohner reagieren empfindlicher auf sozialen Stress, und dieser Unterschied wird größer, je größer die Stadt ist, in der man lebt, und je länger man in einer Stadt aufgewachsen ist. … Das System ist trainiert, es hat feinere Antennen für Stress.“ (S. 62 ff.)

Stadtleben macht krank

Isso. Und das nicht nur, weil U-Bahn-Fahrten für 50 Prozent der Infektionsfälle in der Stadt verantwortlich sind, wie die Forscher herausfanden. (S. 198) Auch Depressionen und Angsterkrankungen kommen bei Städtern häufiger vor als bei Landbewohnern.

Vor einigen Jahren fand man heraus, dass Kinder, die in der Stadt aufwachsen, im Erwachsenenalter ein etwa zwei- bis dreimal höheres Schizophrenierisiko haben als Landkinder. Forscher schätzen, dass mehr als 30 Prozent aller Schizophrenien zulasten der städtischen Umgebung gehen. Wer in der Großstadt geboren wurde und dort blieb, hat gegenüber denjenigen, die schon immer auf dem Land gelebt haben, ein knapp dreifach erhöhtes Schizophrenierisiko. (S. 134 ff.) Etwas zynisch gesagt: Es ist also nicht nur so, dass die Verrückten in die Stadt ziehen, sondern es sind auch schon viele da.

Was mich am meisten schockiert hat: Wer als Kind dauerhaft Stress ausgesetzt ist, dessen Gehirn wird stressempfindlicher. Das Stadtleben hat auf das Stresshormonsystem eines Kindes den gleichen Effekt wie eine kindliche Traumatisierung.

Es gibt natürlich auch noch andere Zahlen, wo wiederum das Landleben schlechter abschneidet, aber ich finde, diese Erkenntnisse kann man nicht ignorieren.

Was hilft?

Die Frage ist ja: Wie kann man das Stadtleben weniger schädlich machen? Die Antwort ist, tut mit leid, Stadtfans, wieder ein Punkt fürs Land: Parks. In einer Zwillingsstudie haben Wissenschaftler festgestellt, dass das Depressionsrisiko sinkt, wenn man in der Nähe einer Grünfläche lebt. Immerhin, meine Stadt hat einen sehr hohen Grünanteil.

Auch Kontakte sind gesund. Je unbefangener Menschen einander ansprechen, desto höher ist die Resilienz. Hier sehe ich Berlin auf den hintersten Plätzen. Man ignoriert einander gepflegt und eigentlich läuft man bei fast jeder Interaktion Gefahr, sich einen dummen Spruch einzuhandeln.

Es ist nicht alles schlecht an der Stadt

Noch hat die Großstadt als Hoffnungsträger für viele Menschen nicht ausgedient – im Gegenteil. Weltweit wachsen die Städte pro Woche (!) um eine Million Menschen. In China gibt es schon über 100 Millionenstädte – von den meisten haben wir noch nie gehört. Weltweit existieren 500 Städte mit über einer Million Einwohnern.

Stressforscher Mazda Adli bemüht sich sehr, die Stadt nicht allzu schlecht wegkommen zu lassen. Das zeigt auch schon der in höchstem Maße widersprüchliche Untertitel seines Buches: „Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind.“ Er selbst lebt in Berlin und ist in Teheran aufgewachsen, hat sich auch in anderen Großstädten länger aufgehalten.

Die Argumente pro Stadt lassen sich an einer Hand abzählen, sind aber gravierend: eine hohe Jobdichte, vielfältigere Bildungsmöglichkeiten, eine bessere Gesundheitsversorgung, Kultur und Shopping. Hinzu kommt, dass sie den Horizont erweitert. Die ständige Konfrontation mit dem Fremden, Unbekannten erhöht außerdem unsere Survival-Fähigkeiten.

Land im Aufwind?

Aber: Vieles, was früher als großer Vorteil der Stadt galt, kann das Internet ersetzen. Dafür finden wir auf dem Land etwas, das die Stadt eben nicht bieten kann: die Nähe zur Natur, für viele Menschen eine große Kraftquelle. Und Ruhe. Also, die weitgehende Abwesenheit von Lärm, Menschenmassen und Werbung.

Früher galt die Großstadt als Versprechen auf das große Glück. Im Buch erinnert Niklas Maak, FAZ-Redakteur für Kunst und Architektur, sich an seine Jugend: „Alle Bücher, alle Songs, die man gelesen und gehört hatte, handelten davon, dass die Dinge in der Stadt passieren. Gleichzeitig gab es damals auch schon eine Sehnsucht nach dem Land, die nicht nur Nostalgie ist.“ (S.182) Mittlerweile werden viele Großstädte touristifiziert, so Maak. Sie werden zu zombiehaften, unbezahlbaren Museen.

Heute erhoffen sich seiner Meinung nach immer mehr Menschen, dass das Land „ein Ort des Futurismus, der Beschleunigung, des Experimentellen, der Befreiung wird – was vorher immer die Stadt war.“

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Photo by Mihail Macri on Unsplash
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